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2. Juli 2009, 13:21 Uhr

Obama zieht die Samthandschuhe aus

Die US-Armee hat in Afghanistan eine Großoffensive gestartet. Der Zeitpunkt ist kein Zufall: Ein halbes Jahr nach Amtsantritt muss US-Präsident Barack Obama endlich handeln. Lange hat er den Partnern zugehört, jetzt will er auch von ihnen Taten sehen - und setzt Kanzlerin Merkel unter Druck. Obama will von ihr Soldaten und viel mehr Geld. Von Katja Gloger

 
Krieg, Afghanistan, Obama, Merkel, Soldaten

Er will sie zum Handeln bewegen: US-Präsident Barack Obama blickt bei einer gemeinsamen Pressekonferenz im Weißen Haus auf Bundeskanzlerin Merkel© Jim Young/Reuters

Es gibt da so ein paar Charakterzüge, die man den Menschen in den USA zuschreibt, die man hierzulande auch gerne "Amis" nennt: Demnach essen sie zu viele Hamburger, und sie glauben, die USA seien das beste Land der Welt. Sie sind aus Prinzip optimistisch und ziemlich rücksichtslos, sie drängen immer nach vorn. Und für manche Wörter haben sie einfach keine rechte Verwendung: da sollte der sprachgewandte John Kornblum, einst US-Botschafter in Berlin, eine englische Übersetzung für das Wort "Schuldenbremse" finden. "Gibt es nicht", sagte er flachsend, "Amerikaner kennen keine Bremsen."

Das gilt auch für Politiker in Washington, den Präsidenten eingeschlossen. Denn nach Washingtoner Zeitrechnung ist Barack Obama nicht "erst" sechs Monate im Amt. Er ist "schon" sechs Monate im Amt. Und eigentlich muss er die entscheidenden Weichen seiner Politik schon jetzt gestellt haben.

Eine "entscheidende Phase"

Denn in weniger als einem Jahr muss Obama schon wieder in den Wahlkampf ziehen. Im kommenden Jahr stehen mal wieder Kongresswahlen an, da gilt es, wichtige Mehrheiten zu sichern. "Bei uns herrscht eben immer Wahlkampf", sagt John Kornblum.

In weniger als einem Jahr also muss der Präsident seinen Wählern erste Ergebnisse präsentieren. Muss zeigen, dass er einige seiner ehrgeizigen Pläne in die Tat umgesetzt hat. Dass er seine Versprechen, weltweit so wunderbar eloquent vorgetragen, auch halten kann. "Jetzt beginnt die entscheidende Phase in Obamas Präsidentschaft", lautet Anfang Juli die Schlagzeile der "Financial Times".

Erfolge müssen her

Und er will ja wirklich ein großer Präsident sein. Will Geschichte schreiben. Von Anfang an machte Obama klar, dass er sein eigenes Land revolutionieren, die Welt wirklich verändern will. Selbstbewusst sieht er sich in einer Linie mit Abraham Lincoln und Franklin Roosevelt und John F. Kennedy. Vorbilder, die er schon im Wahlkampf zitierte. Die Wirtschaftskrise gilt ihm und seinen Strategen als Chance: "Es wäre eine Schande, wenn man diese Krise verschwenden würde", sagt Rahm Emmanuel, Obamas einflussreicher Stabschef.

Bald also muss er Erfolge präsentieren. Eine Gesundheitsreform, die den Namen verdient. Besserung der Wirtschaftslage, Klimaschutz.

Und in der Außenpolitik gilt dies vor allem für ein fernes, gefährliches Land am Hindukusch, in dem bald schon knapp 70.000 US-Soldaten kämpfen werden und ein Ende des Krieges nicht absehbar ist. Denn auch wenn Deutschlands Verteidigungsminister das partout anders sehen will: die USA; die Nato befindet sich in Afghanistan im Krieg. Gerade hat Obama 21.000 zusätzliche Soldaten in Marsch gesetzt. Er hat eine Großoffensive in der Südprovinz Helmand befohlen, 4000 Marines gehen dort gerade gegen Taliban vor.

Stichwort "Verantwortungs-Partnerschaft"

Höchste Zeit also, auch bei Freunden und Partnern zur Sache zu kommen. Denn Phase I ist jetzt abgeschlossen. Phase I, das war die "listenting and learning tour". In den vergangenen Monaten waren Amerikas Emissäre überall in der Welt unterwegs, "um zu hören und zu lernen", wie es so nett heißt. Der Präsident, der Vizepräsident, der Sicherheitsberater und auch die fleißige Außenministerin. Und all' die guten Ratschläge der Freunde flossen in die "policy review" ein, jenen komplizierten Prozess der Überprüfung und Neuausrichtung der US-Außenpolitik. Die Schalmaien-Klänge beschreibt Anne-Marie Slaughter, Planungschefin im State Department: "Wir sind voller Demut gegenüber all dem, was die Welt uns entgegenbringt."

Aber jetzt ist es Zeit, zur Sache zu kommen. Jetzt nimmt man seine Freunde, auch die Deutschen, beim Wort. Offiziell heißt das jetzt: "Verantwortungs-Partnerschaft". Im Klartext: man fordert konkrete Zusagen, Verpflichtungen. Auch wenn Angela Merkel sich ganz betont locker gab bei ihrem Besuch im Weißen Haus vergangene Woche - diese neue "Verantwortungs-Partnerschaft" könnte ziemlich unangenehm werden für die Deutschen und ihre Kanzlerin.

Katja Gloger

Katja Gloger Die Wirtschaftskrise hat eine Welt fest im Griff, die auch ohne sie vor einer Neuordnung steht. Vor allem seit Barack Obama ins Weiße Haus eingezogen ist. Wie Amerikas Präsident die Welt verändern will, wer in Russland um die Macht kämpft, warum China das 21. Jahrhundert bestimmen könnte und worüber die Mächtigen dieser Erde hinter den Kulissen sonst noch rangeln, darüber schreibt stern-Autorin Katja Gloger in der stern.de-Kolumne "Was die Welt bewegt". Katja Gloger hat als Korrespondentin jahrelang für den stern aus Washington und Moskau berichtet.

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Was die Welt bewegt

Worüber die Mächtigen dieser Erde hinter den Kulissen rangeln, darüber schreibt stern-Autorin Katja Gloger in der Kolumne "Was die Welt bewegt"

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