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Strategie des Scheiterns

Zum 60. Jahrestag der Nato präsentierte US-Präsident Barack Obama eine neue Strategie für den Krieg in Afghanistan: Mehr ziviler Aufbau, weniger Kollateralschäden. Soweit der Plan. Derweil kämpfen seine Truppen in Afghanistan weiter im Rambo-Stil - und zerstören so die Fortschritte niederländischer Soldaten in Urusgan.

Von Christoph Reuter

Die Leute im Ort nannten ihn "Herr Hassan". Denn er hatte studiert, war eigentlich Lehrer - aber sorgte seit Jahren als Koch im Gästehaus des Bürgermeisters dafür, dass stets heißer Tee da war, und hörte im baumbestandenen Hof seine Lieblingskassetten. Vermutlich hätte es ihm gefallen, dass der neue amerikanische Präsident Hunderte zusätzlicher Aufbauhelfer nach Afghanistan schicken will, denn Hassans Heimatstädtchen Imam Sahib ganz oben im Norden gehört zu den friedlichsten Orten Afghanistans. Wo es keine Taliban gibt und eine der größten Sorgen darin besteht, einen Berieselungswagen gegen den Staub auf den Straßen zu bekommen.

Doch Herr Hassan ist tot, ebenso wie Ahmad, das spleenige Faktotum, das den ganzen Tag die Autos im Hof wusch, der Leibwächter und dessen Cousin aus Sar-e-Pul, der auf Jobsuche dort wohnte. Opfer eines Überfalls im Morgengrauen. Gegen halb vier Uhr am 22. März kommen zwei Chinook-Transporthubschrauber und setzen rund 60 Soldaten einer US-Sondereinheit ab, die das Tor zum Grundstück des Bürgermeisters sprengen. Sie erschießen Hassan und Ahmad in ihren Betten, die Blutlachen zeichnen ihre Lage nach, bevor auch die übrigen drei regelrecht hingerichtet werden. Von einem der Toten wird hinterher das Gesicht kaum noch zu erkennen sein. Den Leibwächter hört die Familie des Bürgermeisters noch minutenlang flehen, die Amerikaner sollten nicht weitergehen, im nächsten Gebäude seien Frauen und Kinder. Bis die Soldaten auch ihn niedermähen, vier Gäste gefangen nehmen - und wieder abfliegen. Niemand der vom stern unabhängig voneinander befragten Zeugen hat einen Schuss der Gegenwehr aus einer Kalaschnikow gehört. Nur das Zischen der Schüsse aus den schallgedämpften Gewehren der Soldaten.

Laut Pressemitteilung am Morgen danach aus dem Hauptquartier der "Operation Fortdauernde Freiheit", wie die US-Mission "OEF" gegen die Taliban übersetzt heißt, habe man ein "terroristisches Netzwerk" ausgehoben; habe die Zivilisten zum Verlassen der Gebäude aufgefordert, sei dann aber beschossen worden, habe fünf "feindliche Kämpfer" getötet und zahlreiche Waffen beschlagnahmt. Frauen und Kinder seien nicht in den angegriffenen Gebäuden gewesen. Eine Meldung, an der bis auf das Datum und die Zahl der Toten und Gefangenen so gut wie nichts stimmt.

"Ich kannte die doch alle"

Es ist nicht das erste Mal, dass so etwas geschieht, aber zum ersten Mal ist es im Zuständigkeitsbereich des deutschen Kontingents in Kundus geschehen. Den von Deutschen betriebenen Flugplatz haben die Amerikaner in der Nacht zwar genutzt, der Bundeswehr aber verschwiegen, worum es ging. Angeblich, so heißt es bei US-Terrorfahndern in Kabul, ging es um die Festnahme eines Irakers, der möglicherweise als Kurier für al-Qaida unterwegs war.

Aber dafür das gesamte Hauspersonal des örtlichen Bürgermeisters erschießen und hinterher als Terrornetzwerk ausgeben? "Ich kannte die doch alle", sagt der fassungslose Agrarwissenschaftler Dr. Amir Barekzai, der nach Jahrzehnten in Gießen wieder in seinen afghanischen Heimatort zurückgekehrt ist und für den Deutschen Entwicklungsdienst hier die Aufbauhilfe koordiniert: "Ich habe selbst zweieinhalb Monate im Gästehaus gewohnt. Jeder kann dort wohnen, denn in Imam Sahib gibt es kein Hotel." Deutsche Entwicklungshelfer sind da gewesen, Amerikaner, gerade auch ein Enkel des letzten afghanischen Königs. Mit seinen sattgrünen Wiesen, Weizenfeldern und Weidenalleen an Bächen sieht Imam Sahib aus wie das Emsland - nur voller Afghanen. Ein Ort, wie ihn sich ausländische Militärs und zivile Aufbauhelfer wünschen dürften.

Am Tag nach dem Überfall sammeln sich mehr als 1000 Menschen aus dem ganzen Norden zur Trauerfeier. Traurig ist die Stimmung und ruhig. Aus Kundus reist der Gouverneur an zum Kondolieren, von der Kabuler Regierung der stellvertretende Innenminister. "Wir wollen keine Rache", sagt Bürgermeister Sufi Manan, der im Haus nebenan den Schüssen entging: "Wir verlangen Aufklärung! Gerechtigkeit! Was sollen wir mit Demokratie und Wahlen, wenn man uns einfach umbringen darf?" Selbst für den Fall, dass tatsächlich Terroristen in seinem Gästehaus gewesen wären, "die Amerikaner hätten doch das Haus umstellen und klopfen können". Aus der Menge kommt die gemurmelte Frage, wieso von der Bundeswehr niemand zum Kondolieren gekommen sei.

Festhalten an millitärischen Mitteln

Grell zeigen sich die Widersprüche der Militäroperationen verbündeter Staaten: Vorsichtig, mit viel Geld und wenig Waffengewalt, bemühen sich die Bundeswehrtruppen um Kontrolle und Aufbau im Norden. Dann kommen amerikanische Sondereinheiten auf ein Blutbad vorbei und wollen anschließend das Ganze vertuschen. "Wir hier im Norden", erklärt ein grau melierter Trauergast, "dachten immer, dass all diese Geschichten aus dem Süden von amerikanischen Bombardements auf Zivilisten Talibanpropaganda seien. Jetzt glauben wir sie."

"Change", Wechsel, war eines jener schimmernden Worte aus Barack Obamas Wahlkampf, das nach den acht Jahren Bush mit so viel Erwartungen aufgeladen wurde, bis es schließlich die Wirklichkeit überstrahlte. Doch in Afghanistan verblasst das Wort vom Wechsel. Die amerikanischen und nachgerückten Truppen der Nato-Verbündeten kontrollieren heute weniger Territorium als je zuvor seit dem Einmarsch Ende 2001. Obama hat zum ersten Mal zusätzlich eine "Exit-Strategie" angekündigt. Die USA müssten von der Vorstellung Abschied nehmen, den Krieg mit militärischen Mitteln gewinnen zu können. Doch genau damit werden die von Obama zusätzlich entsandten 17.000 Soldaten und 4000 Militärberater fortfahren: Taliban zu jagen, Feinde zu suchen und dabei stets neue zu schaffen. Auch in seiner Rede zur neuen Strategie vor dem Nato-Gipfel hat der Präsident im Wesentlichen bestätigt, dass alles beim Alten bleibt: "Diese Regierung hat ein klares, konzentriertes Ziel: al-Qaida in Pakistan und in Afghanistan zu zerreißen, zu zerstören, zu besiegen."

Es klingt wie ein Schnaufen, wütend und sehr laut, als die beiden riesigen Chinooks im eisigen Morgengrauen aus dem Himmel sinken. Zwei Einheiten des 506. US-Infanterie-Regiments sind gekommen, um das Dorf Marsak in der entlegenen Provinz Paktika an der Grenze zu Pakistan nach Taliban zu durchkämmen. Sie würden sich bemühen, "Herzen und Hirne zu gewinnen", sagt Captain Spencer Wallace und fügt hinzu, mittlerweile würde man auch stets nach den Schlüsseln fragen, bevor man in ein Haus eindringe. Aber er ist von der "Baker-Company". Seine Kameraden vom "Scout-Platoon" treten wie gewohnt erst drei Türen ein, bis sie merken, dass sie sich im Haus geirrt haben. Ein alter Mann wird am Ärmel herumgezerrt, bis jemand feststellt, dass er wirklich zu krank zum Laufen ist. Sie dürften das, sagt Wallace, weil sie viel Erfolg hatten in den vergangenen Monaten. Erfolg heißt, viele Taliban getötet zu haben. Oder zumindest Leute, die auf die Amerikaner geschossen haben.

Zweifelhafte Beweisstücke

Die US-Einheiten haben afghanische Soldaten und "Snitches" dabei, maskierte Denunzianten, die sagen sollen, wer Talib ist und wer nicht - und die danach bezahlt werden, wie viele Taliban sie den Amerikanern liefern. Auch für die US-Soldaten bemisst sich der Erfolg der Mission an gefangenen Taliban. Oder wenigstens dem Fund von Beweisstücken. Tatsächlich findet sich in Marsak eine einzige Kalaschnikow, bis Lieutenant James Mis stolz seinen Fund aus einem Hühnerstall präsentiert: zwei schwarze Frauenperücken. "Damit kann sich tarnen, wer einen Anschlag verüben will!" Bis ihm dämmert, dass hier nie eine Frau ohne Burka unterwegs ist.

Wozu also braucht ein Afghane Perücken, weshalb versteckt er sie? Ihr Besitzer ist nicht zu Hause, es bleiben den Soldaten nur Mutmaßungen: "Cross-dressing", vielleicht läuft der Mann heimlich als Frau verkleidet herum? Was genauso wenig strafbar wäre wie der Stickstoffdünger, der säckeweise ein paar Häuser weiter lagert. Aus dem man auch Sprengstoff herstellen kann. Oder die fünf 90 Jahre alten britischen Lee-Enfield-Gewehre, die erst beschlagnahmt werden und nach langer Diskussion zurückgegeben werden sollen - nur haben die begleitenden afghanischen Soldaten bereits eines davon geklaut. Bei einem Einsatz zuvor konnte ein Amerikaner einen afghanischen Soldaten nur mühsam abhalten, die Bettdecken eines durchsuchten Hauses als potenzielle Waffen zu deklarieren und einzubehalten. Die meisten der mitgenommenen afghanischen Soldaten sind Tadschiken aus dem Norden, ihnen sind die Paschtunen fremd und im Zweifelsfall sogar Feinde.

Am Ende des Einsatzes werden noch ein paar Säcke Weizen und Kanister Öl in die balgende Menge geworfen, bevor die Truppen im Hubschrauber entschwinden. "Die Operationen sind wichtig, um den Menschen zu zeigen, was die Regierung für sie tun kann", wird Captain Walker später ohne jede Ironie sagen: "Gleichzeitig müssen wir Druck auf den Feind machen!"

Weniger Tote, weniger Rache

Jahr um Jahr ist dieser Druck gestiegen - ebenso die Unsicherheit im Land. Im heißen Sommer des Jahres 2002, als US-Truppen zum ersten Mal eine Hochzeitsfeier ausgerechnet von Präsident Karzais Stamm bombardierten, deren Gäste der Geheimdienstchef von Kandahar als Taliban angeschwärzt hatte, fuhr das recherchierende stern-Team unbehelligt mit dem Auto über Helmand und Kandahar bis nach Urusgan quer durch Südafghanistan. Heute wäre das Kamikaze auf Rädern.

Ausgerechnet Urusgan aber, eine gebirgige Provinz, Heimat von Taliban-Anführer Mullah Omar, lässt hoffen, dass nicht die gesamte Nato-Mission im Desaster endet. Die hier seit 2006 stationierten knapp 1650 niederländischen Soldaten haben zumindest die drei Kernbezirke, in denen zwei Drittel der Einwohner leben, von einer Kampfzone in halbwegs befriedetes Gebiet verwandelt. In dem mittlerweile 30 zivile Hilfsorganisationen arbeiten und ein niederländischer Unternehmer mit Regierungszuschüssen Safranfarmen aufbaut. Amerikanische Soldaten spotten gern über die "langhaarigen Weicheier" aus Holland, die Urusgan zum Erholungsgebiet für Taliban machen würden. Aber selbst der Pentagon-Bericht vom Januar 2009 bescheinigt den Niederländern in einer Fußnote "signifikanten Erfolg" im Gegensatz zur sonstigen Misere. Und selbst der jeder Ausländerfreundlichkeit unverdächtige Chef des örtlichen Scharia-Gerichts urteilt trocken: "Weniger Töten, weniger Tote. Also weniger Rache."

Zeitgleich mit den Soldaten kam 2006 ein ganzer Stab von Stammesexperten, Aufbauprofis und Nachrichtendienstlern ins Provinzhauptstädtchen Tarin Kot und zieht seither an Fäden, von deren Existenz andere nicht mal eine Ahnung haben. Zweieinhalb Stunden lang erklärt einer von ihnen, der seinen Namen nicht genannt wissen möchte, die Lage. Je länger er spricht, desto mehr löst sich das Schwarz-Weiß-Bild von den Taliban versus Regierung auf wie ein Foto in seine Pixelpunkte. Mit Stämmen und Clans, Fehden und unbeglichenen Rechnungen aus drei Jahrzehnten Krieg und Anarchie. Ein Bild, in dem die Taliban nicht wie die Ursache des Krieges erscheinen, sondern eher als Parasiten der allgegenwärtigen Konflikte. Die nur darauf warten, der einen Seite zu Hilfe zu eilen, wenn die ausländischen Truppen sich auf die andere stellen.

Kampf um Wasser

Da ist der Stamm der Ghilzai verfeindet mit dem der Popolzai, da sind die Barakzai gespalten im Kampf um Macht und Ackerland, seit ein Mudschaheddin-Kommandeur in der Oase Shora Hunderten Bauern vor 20 Jahren das Wasser abgegraben hat. Als Taliban im Sommer 2007 die dortige Basis zu überrennen drohten, habe man zwar den Ort gehalten, erzählt der niederländische Brigadegeneral Tom Middendorp: "Aber dann haben wir ein Jahr lang gewartet und verhandelt, bevor wir auch den Weg dorthin wieder eingenommen haben. Erst mal mussten wir klären, wie wir die Gegend stabilisieren können, haben dafür sogar einen geflohenen Stammesführer überzeugen können, aus Kandahar zurückzukehren."

Als größte Organisation zum Aufbau haben die Niederländer die Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit, GTZ, verpflichtet, "weil das Profis sind - und weil sie bereit waren zu kommen", so der zivile Leiter Joep Wijnands. Mit einem Budget von 34 Millionen Euro sind deren Experten nun dabei, in einem umfangreichen Programm mehr als 100 Projektvorhaben zu realisieren. "Wir ermitteln erst mal akribisch, was möglich ist, wo wir dem Dorf oben am Fluss einen Damm bauen können, ohne denen unten das Wasser abzugraben", erzählt Architekt Thierry David auf der Fahrt zu seinen Baustellen, beschützt von einer Leibwache langbärtiger Kämpfer unter schwarzen Turbanen - die bei einer zufälligen Begegnung mit US-Truppen fast beschossen worden wären, weil die Amerikaner sie für Taliban hielten. "Am Ende werden weder die Niederländer noch die Taliban entscheiden, wer hier lebt - sondern das Wasser! Die Dürre wird schlimmer. Die Dörfer sterben, wenn wir keine Dämme bauen. Die Taliban interessieren sich nicht für Bewässerung. Das merken die Leute."

Ohnehin sind die Taliban nur ein Gegner. Ein anderer Widersacher eines funktionierenden Staates ist die afghanische Regierung selbst. Die Niederländer und die ebenfalls in "Camp Holland" stationierten knapp 1000 Australier bauen immer mehr Schulen. Aber selbst die wenigen Lehrer, die es wagen, in Urusgan zu unterrichten, bleiben fort, weil der Provinzminister für Erziehung ihre Gehälter unterschlägt. Abgesetzt werden kann er nicht, denn er ist vom Stamm Karzais und ein guter Freund des Präsidenten.

Korrupte Regierung

Mit der Installierung der ebenso gleichgültigen wie korrupten Regierung Karzai ist die Staatengemeinschaft zur Geisel ihrer eigenen Schöpfung geworden. Urusgans Polizeichef Dschuma Gul ist so berüchtigt dafür, den Sold seiner Polizisten zu kassieren, dass ihn sein eigener Vize am liebsten im Gefängnis sähe. Bei einem Treffen im Polizeihauptquartier fragt ihn General Middendorp: Ob er eine Idee habe, wie man es schaffen könnte, dass die Polizeigehälter pünktlich ausbezahlt werden. Dschuma Gul verspricht, darüber nachzudenken. Man könnte ebenso gut einen Bankräuber fragen, ob ihm ein Mittel gegen all diese Banküberfälle einfalle. Dschuma Gul weiß, dass Middendorp weiß, dass er die Gelder einstreicht - und beide lächeln freundlich.

Er sei ein Ärgernis, wird später ein Offizier über Dschuma Gul sagen. Aber wenigstens keine solche Gefahr wie sein Konkurrent, der selbst ernannte Chef der Highway-Polizei, der die profitable Route nach Kandahar kontrolliert und zahlreiche Gegner beseitigt haben soll: "Wenn der hier Polizeichef wird, treibt das viele zu den Taliban. Das wollen wir verhindern."

Doch was wird aus diesem zähen, selbst vom Pentagon gelobten Fortschritt in Urusgan werden, wenn die niederländischen Truppen wie beschlossen Ende 2010 abziehen? Noch ist unklar, wie viele bleiben und welche andere Nation die Führung in der Provinz übernehmen wird. Aber schon jetzt rücken die US-Streitkräfte mit 600 bis 800 Soldaten in Tarin Kot ein.

An einem Abend Ende März sitzen drei amerikanische Airforce-Ingenieure im Camp Holland beim alkoholfreien Bier. Seit Tagen haben sie die Kerosintanks für eine Gruppe von Apache-Kampfhubschraubern installiert, die bald kommen sollen. "Sobald die da sind, wird hier aufgeräumt", sagt einer von ihnen, "ja, wir werden hier die Nachbarschaft säubern." "Kick some ass", wiederholt wenig später der nächste. "Wir werden hier aufräumen", ergänzt der dritte. Es klingt nicht nach Zufall. Sondern nach Programm.

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