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Eine Familie zwischen allen Fronten

Der Gaza-Konflikt ist kein Krieg mit klaren Fronten. Eine palästinensische Familie muss diese schlimme Erfahrung immer wieder von Neuem machen. Eine blutige Tragödie.

Von Nico Wingert

  Der Gaza-Konflikt erzeugt vor allem Trauer und Leid. Eine palästinensische Familie erzählt davon.

Der Gaza-Konflikt erzeugt vor allem Trauer und Leid. Eine palästinensische Familie erzählt davon.

Es begann eigentlich alles so hoffnungsvoll", erinnert sich Jachir Sadir (Name geändert) an das Jahr 2007, als die Hamas die Wahl in Gaza gewann. Die Hamas hätte den Palästinensern die Rückkehr zu den Wurzeln des Islams versprochen, kurzum ein friedliches muslimisches Leben mit klaren Regeln. Schluss mit der Vetternwirtschaft und Korruption, die sich in den Zeiten der Herrschaft von Al Fatah unter Jassir Arafat wie ein Geschwür ausgebreitet hatte.

"Damals gab es keine Sterne mehr am Himmel Gazas", sagt sein Cousin Amal Sadir, die "sind alle auf die Schulterstücke der Fatah herabgeregnet". Mit der typischen Blumigkeit der arabischen Sprache beschreibt Amal, dass damals jeder in Uniform etwas zu sagen hatte, und der nächste sogar noch mehr, weil er einen Stern mehr auf seinen Schulterstücken hatte. Willkür pur, tagtäglich. Das Erscheinen der Hamas erschien da wie eine Erlösung.

Ein tragischer Trugschluss. Denn mit dem Machtantritt der Hamas, einer streng islamischen Organisation, die zuerst mit brutaler Härte die Al Fatah, die stärkste Strömung der PLO, aus allen Ämtern trieb, folgte eine Radikalisierung des Islam und dessen gewaltsame Durchsetzung – mit einer blutigen Schneise quer durch Gaza.

"Palästinenser töten Palästinenser?"

"Die Hamas hat unser Haus mit Raketen beschossen, dabei wurde meine Frau zunächst schwer verletzt", erinnert sich Jachir an den grauenvollen Beginn. Seine Frau sollte mit einem Auto in ein Krankenhaus gefahren werden, als mehrere gezielte Schüsse der Hamas das Auto durchsiebten und seine Frau tödlich trafen. "Palästinenser töten Palästinenser?" Jachir, der Vater von vier Kleinkindern, versteht die Welt nicht mehr. Er hatte doch selbst die Hamas gewählt - und nun das!

Erst später erfährt er, dass die Hamas gezielte Tötungs-Aktionen gegen palästinensische Großfamilien durchführt. Denn der Gazastreifen wird traditionell durch Familienclans - Großfamilien mit 600 bis 2000 Angehörigen - beherrscht. Und Jachirs Clan wird mit der Al Fatah in Verbindung gebracht, den erklärten Gegnern der Hamas.

"Die Hamas sind wie Faschisten“

Die Tötung seiner Frau vor sieben Jahren ist erst der Beginn einer brutalen "Säuberungsaktion" der Hamas. Bis 2013 sterben weitere 14 Mitglieder der Familie durch gezielte Tötungen, weil sie sich "weigerten, mit der Hamas zusammenzuarbeiten oder Waffenverstecke in ihren Häusern zuzulassen". Diese Exekutionen dienen der Abschreckung: Aus Angst traut sich niemand, der Hamas zu widersprechen. "Nach 22 Uhr darf keiner mehr auf die Straße, nicht einmal aus dem Fenster schauen", erklärt Jachir. Nachts würden die Hamas-Leute vermummt kommen, "gehen in deinen Hof oder klettern auf dein Dach und schießen Raketen in Richtung Israel ab. Das würden die meisten Palästinenser nicht einmal wissen, weil sie sich ja sich nicht einmal trauen, aus dem Fenster zu schauen.

"Die Hamas-Angehörigen sind wie Faschisten: Sie schüchtern die eigene Bevölkerung ein, töten Andersdenkende und greifen Israel mit Raketen an. Sie hassen die Juden und einige verherrlichen sogar Hitler. Ja, das sind Faschisten", sagt der 50-jährige Palästinser mit deutschem Pass. Die Hamas würde im Namen des Islam handeln, aber so sei der Islam nicht. Denn der Islam sei friedlich.

Zivilbevölkerung als Schutzschild

Seitdem die Hamas Israel mit Raketen beschießt, schlägt die israelische Armee mit aller Macht zurück - international legimitiert durch das Recht auf Selbstverteidigung. Dabei treffen und zerstören die Streitkräfte Häuser, Krankenhäuser, Moscheen und selbst Flüchtlingslager. Israel nimmt die massenhafte Tötung von palästinensischen Zivilisten zumindest billigend in Kauf. Millitärs bezeichnen das intern als Kollateralschäden. Offiziell verteidigt sich Israel mit dem Hinweis, die Hamas benutze Menschen als Schutzschilde und deponiere ihre Waffen und Raketenlager in zivilen Gegenden.

Tatsächlich hat das die Hamas gemacht und macht es noch heute: "Die gehen auf dein Dach, schießen eine lächerliche Rakete ab, und hauen dann ab", bestätigt Sadir. "Damit gefährden sie das Leben der eigenen Bevölkerung, aber das ist ihnen scheißegal!" Schließlich seien die Bewohner im Falle ihres Todes Märtyrer. Mörderischer Hamas-Zynismus.

  Automatische Warnung der israelischen Armee via SMS: Höchste Zeit zu fliehen - nur wohin?

Automatische Warnung der israelischen Armee via SMS: Höchste Zeit zu fliehen - nur wohin?

Zehn Minuten Zeit, das Haus zu verlassen – bloß wohin?

Was dann kommt, ist zahlreich dokumentiert: Israels Armee ruft die Hausbesitzer mit einer automatischen Ansage an oder schickt eine SMS: "Sie haben zehn Minuten Zeit, ihr Haus zu verlassen". Dann folgt eine sogenannte "small bomb", die das Haus nur ein wenig beschädigt. Das ist die allerletzte Warnung. Wenig später explodiert die eigentliche Bombe, die das Haus in Schutt und Asche legt. Es gibt Berichte, wonach in manchen Fällen zwischen beiden Einschlägen nicht einmal 58 Sekunden gelegen hätten.

Über 1000 Palästinenser kamen im aktuellen Konflikt bereits um. Mehr als 100.000 haben kein Zuhause mehr, irren auf den Straßen Gazas umher. Der Beschuss durch die israelische Armee erfolgt aus der Luft, vom Boden und vom Meer aus. Der Gazastreifen ist ein schmaler Landstrich, rund 30 Kilometer lang und sieben bis zehn Kilometer breit. Die Grenzen nach Ägypten und Israel sind geschlossen, die Flüchtlinge wissen gar nicht mehr, wohin sie fliehen sollen. "Es gibt keinen sicheren Ort mehr", twittert die junge Suha aus Gaza. Eine israelische Twitterin erwidert zynisch, dann solle sie doch schwimmen gehen (im angrenzenden Mittelmeer).

"… und die Welt schaut tatenlos zu"

Derzeit trauert Jachir Sadir erneut: "Letzte Woche wurden vier Cousins meiner Familie, alle im Alter von neun bis elf Jahren, beim Ballspielen durch einen Beschuss der israelischen Armee getötet. Ich dachte, die bekämpfen nur die Hamas oder Terroristen …". So wie Jachir fragen weitere unzählige Palästinenser auf Twitter, ob denn Kinder Terroristen seien. Und warum die UN und die Welt tatenlos zuschauen würden. Unterdessen scheint die blutige Tragödie der Familie Sadir noch nicht beendet zu sein: Erst gestern starben drei weitere Kinder dieser Familie bei einem Angriff der israelischen Armee. Die Kinder spielten in einem Park. Jachirs Wut steigert sich: Die Hamas tötete 15 Familienmitglieder, darunter zwei Frauen, und die israelische Armee in nur einer Woche sieben Kinder. "Hamas und Israel beschießen uns, töten Zivilisten – und die Welt schaut nur zu", sagt er verbittert. Auf die Frage nach dem Warum scheint es keine Antwort zu geben. Wut schlägt in Hass um. Auf beiden Seiten.

Vergangene Nacht waren die Angriffe der israelischen Armee auf Gaza besonders heftig. Augenzeugen sprechen von der bisher schlimmsten Kriegsnacht. Und die Palästinenserin Suha, die an diesem Tag 19 Jahre alt wurde, twitterte die ganze Nacht verzweifelt ihre Botschaften in die Welt. Eine lautete: "Ich bin nicht sicher, ob ich diese Nacht überleben werde."

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