Der militärische Konflikt zwischen Georgien und Russland um Südossetien eskaliert. Welche Interessen prallen aufeinander? Im stern.de-Interview behauptet Russlandexperte Alexander Rahr, dass Georgien mit dem Krieg vor allem eines bezweckt: Die Aufnahme in die Nato.

Georgische Soldaten patrouillieren mit einem Panzerwagen auf den Straßen der georgischen Stadt Gori© Zurab Kurtsikidze/DPA
Nein, das hat mich nicht überrascht. Schon vor einer Woche sind Teile der Zivilbevölkerung Südossetiens in Richtung Russland evakuiert worden. Daran hat man schon gesehen, dass Russland mit dem Schlimmsten gerechnet hat. Der Zeitpunkt überrascht auch nicht, weil der georgische Präsident Saakaschwili in die Nato möchte.
Saakaschwili glaubt, es noch unter dem amerikanischen Präsidenten George W. Bush schaffen zu können. Wenn der demokratische Kandidat Barack Obama an der Macht sein sollte, wird der georgische Beitritt zur Nato erstmal auf mehrere Jahre verlegt. Die Nato kann nur Staaten aufnehmen, die keine separatistischen Probleme auf ihren Territorien haben. Es klingt wahnsinnig, dass jemand einen Krieg führt, um in die Nato zu kommen. Aber bis die Frage um die seperatistischen Republiken Südossetien und Abchasien nicht gelöst ist, kommt Georgien nicht hinein.
Russland hat eigene Interessen. Für das Land gehört der Südkaukasus zur Einflusszone eigener nationaler Interessen. Der Südkaukasus ist ein ideales Transitland. Hier werden die Pipelines gelegt, um Öl und Gas aus dem kaspischen Meer in den Westen zu bringen. Deshalb gibt es hier seit 20 Jahren geopolitische Auseinandersetzungen zwischen den USA sowie den westlichen Staaten auf der einen und Russland auf der anderen Seite.
Der deutsche Außenminister Steinmeier ist vor kurzem mit dem Versuch, einen Plan für die andere seperatistische Region in Georgien, Abchasien, zu entwickeln, gescheitert. Deutschland hat hier keine eigenen Interessen. Wir haben keine Firmen wie die Amerikaner, die dort nach Öl bohren. Unsere Firmen haben dort kaum investiert, wir sind zum Beispiel auch beim Pipelinebau nicht beteiligt. Die Europäer versuchen jetzt, den Konflikt zu stoppen, aber das ist sehr schwierig.
Die Europäer sind im Kaukasus gar nicht präsent und haben dort keine Anbindung. Europa ist bei dem Konflikt nur Zaungast. Aber die EU ist bemüht. Der Konflikt zwischen Südossetien und Georgien kann die europäische Sicherheit betreffen. Auch weil Russland beteiligt ist. Möglicherweise wird es zwischen der EU und Russland zu einem Kalten Krieg kommen. Niemand will in Europa Kriege haben. Es könnte beispielsweise Flüchtlinge geben.
Die EU hat nicht die richtigen Mechanismen, auf die Region einzuwirken. Mit Geld kann die EU Südossetien nicht locken, inzwischen baut Russland die Region auf. Mit Polizeitruppen kann Europa auch nicht locken, weil die Südossetier und die Georgier genau wissen, dass die Europäer dies nicht machen werden, sie haben schon im Balkan und in Afghanistan Probleme. Es wird viel für die Galerie getan. Wirklich lösen kann man den Konflikt von europäischer Seite kaum.
Der georgische Präsident Saakaschwili will das Problem jetzt lösen, also muss er etwas tun. Für Russland wäre ein eingefrorener Konflikt die beste Lösung. Provakationen hat es auf beiden Seiten gegeben, es gibt Truppenaufmärsche und Beschießungen - von beiden Seiten. Es könnte durchaus zu einer kriegerischen Auseinandersetzung kommen. Und das am Beginn der Olympischen Spiele in Peking.
Zur Person Alexander Rahr ist Programmdirektor für Russland und Eurasien bei der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik e.V (DGAP). Bevor er zur DGAP kam, war er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Forschungsinstitut von Radio Freies Europa/Radio Liberty, München, und Projektmanager am Bundesinstitut für ostwissenschaftliche und internationale Studien in Köln. Er ist Autor der Biographien von Michael Gorbatschow (1986) und Wladimir Putin (2000). Sein Buch "Russland gibt Gas" erschien in diesem Jahr.