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8. August 2008, 16:24 Uhr

Machtkampf im Kaukasus

Die derzeit eskalierende Krise um die abtrünnige georgische Provinz Südossetien birgt aufgrund ihres historischen und geopolitischen Kontextes ein enormes, möglicherweise auf die gesamte kaukasische Region ausstrahlendes Konfliktpotential. Eine Analyse von Tomasz Konicz

Konflikt im Kaukasus: Südossetische Soldaten stehen georgischen Truppen gegenüber© AFP

Generell gilt Russland als eine Schutzmacht nicht nur der Südosseten, sondern auch der Abchasier - einer weiteren abtrünnigen Republik auf georgischem Territorium. Es verwundert somit kaum, dass die abchasische Führung in Sochumi den bedrängten Südossetiern umgehend militärische Unterstützung zusagte. Georgien richtete am 8. August umgehend eine Aufforderung an Abchasien, sich aus dem Konflikt herauszuhalten. Abchasien errang seine Abspaltung von Georgien in einem blutigen Sezessionskrieg, der zwischen 1992 und 1993 zehntausende Menschen das Leben kostete und 250.000 georgische Flüchtlinge zur Folge hatte. Mit ihrem historischen Charakter als "eingefrorene Konflikte", die im Gefolge des Zusammenbruchs der Sowjetunion ausbrachen und keineswegs befriedet sind, stehen Südossetien und Abchasien aber keinesfalls alleine dar. Während der Implosion der Sowjetunion Anfang der 90er Jahre brachen in viele Regionen längst vergessen geglaubte, nationale Konflikte auf. Zu den politisch ungelösten Konfliktherden gehören das von Armeniern bewohnte Bergkarabach, das sich während eines Bürgerkrieges (1992-1994) von Aserbaidschan abspaltete, sowie Transnistrien, dessen Bewohner sich nach mehrmonatigen Kämpfen 1992 von Moldawien abspalteten. Bollwerk RusslandsAll diese faktisch unabhängigen, aber formell von dem meisten Staaten nicht anerkannten Republiken dürften nun aufmerksam den Gang der Ereignisse in der südossetischen Hauptstadt Zchinwali verfolgen - wie auch die Regierungen in Baku und Kischinau. Besonders das durch reichlich sprudelnde Erdöleinnahmen in Devisen schwimmende Aserbaidschan könnte der Verführung erlegen, ebenfalls nach georgischem Vorbild einen „kurzen Prozess“ mit der armenischen Enklave Bergkarabach zu machen. So konnte Aserbaidschan seine Militärausgaben bereits 2006 auf 650 Millionen US-Dollar steigern, während das mit Bergkarabach verbündete Armenien gerade mal 150 Millionen US-Dollar aufwenden konnte. Armenien ist wiederum ein wichtiger Verbündeter Russlands.

Zusätzliche Sprengkraft erhalten diese "eingefrorenen Konflikte" dadurch, dass die nationalen Spannungen längst in das geopolitische Kräftemessen der Großmächte im postsowjetischen Raum eingebunden sind. Alle genannten abtrünnigen Republiken sehen Moskau als ihre Schutzmacht an und erhalten teilweise umfangreich Unterstützung. Russland stellt großzügig russische Pässe in Abchasien oder Südossetien aus, so dass die meisten Abchasen und Südosseten inzwischen über einen russischen Pass verfügen, de facto russische Bürger sind. Der Kreml sieht in diesen abtrünnigen Republiken ein Bollwerk gegen die Expansion westlichen Einflusses in dem traditionell als eine russische Interessensphäre wahrgenommenen Raum. Garantie- und SchutzmachtFür den Kreml steht bei diesem Konflikt somit seine Rolle als Garantie- und Schutzmacht all dieser abtrünnigen Regionen und des ebenfalls eng verbündeten Armenien auf dem Spiel. Sollte Tiflis die Offensive nicht einstellen, wird Moskau weiterhin militärisch intervenieren müssen, will es seine dominierende, machtpolitische Stellung in der Region nicht gefährden. Über die taktischen Erwägungen der georgischen Führung um Präsident Michail Saakaschwili kann derzeit nur spekuliert werden. Möglich ist, dass die militärische Führung in Tiflis den Beginn der Olympischen Spiele als einen günstigen Zeitpunkt zum derzeitigen Losschlagen bestimmte, zumal Russland Ende Juli seine Eisenbahntruppen aus dem unweit gelegenen Abchasien abgezogen hat, die dort Wartungsarbeiten verrichteten. Es ist aber gewiss, dass Saakaschwili mit der nun eingeleiteten Militäroperation auch seine politische Zukunft in die Waagschale wirft. Der im Zuge der "Rosenrevolution" 2003 an die Macht gespülte Saakaschwili sah sich seit den letzten Wahlen im November 2007 mit einer erstarkenden Opposition und fallenden Umfragewerten konfrontiert. Eine Rückgewinnung der abtrünnigen Provinzen würde die Stellung des georgischen Präsidenten sicherlich langfristig verbessern - eine Niederlage bedeutet für Saakaschwili das sichere politische Aus. USA als Fürsprecher GeorgiensSowohl Georgien als auch Aserbaidschan streben zudem eine Integration in westliche Militär- und Wirtschaftsbündnisse an. Insbesondere in Tiflis ist man bemüht, möglichst bald der Nato beitreten zu können. Das südkaukasische Land nimmt am Nato-Programm "Partnerschaft für den Frieden" teil, in dessen Rahmen imJuli 2007 auf georgischem Territorium ein umfangreiches Nato-Luftwaffenmanöver stattfand, und stellt ein 900 Mann starkes Militärkontingent im Irak. Noch im April dieses Jahres konnte nur aufgrund massiver russischer Kritik und deutsch-französischer Vorbehalte eine Aufnahme Georgiens und der Ukraine in den "Membership Action Plan (map) der Nato verhindert werden. Auf diesem Nato-Gipfel in Bukarest traten vor allem die Vereinigten Staaten als Fürsprecher Georgiens und der Ukraine auf. Zudem sind bereits jetzt amerikanische Militärberater an der Ausbildung der georgischen Streitkräfte beteiligt.

Auch Aserbaidschan kooperiert bereits eng mit der Nato - und in den russischen Medien wollen die Gerüchte über eine von Baku angestrebte Vollmitgliedschaft mit dem westlichen Militärbündnis nicht verstummen. Dabei bilden Aserbaidschan und Georgien bereits einen wichtigen energiepolitischen Brückenkopf des Westens in die rohstoffreiche, zentralasiatische Region. Die hauptsächlich von amerikanischen und westeuropäischen Ölkonzernen errichtete Baku-Tiflis-Ceyhan-Pipeline (btc-pipeline) befördert seit 2005 aserbaidschanisches Rohöl über Georgien - und somit unter südlicher Umgehung Russlands - bis in den türkischen Mittelmeerhafen von Ceyhan. Dies ist bislang das einzige erfolgreiche Projekt des Westens rund um das kaspische Meer, dessen energieträger nahezu vollständig über russischen Transit nach Westeuropa fließen. Wobei sowohl die europäische Union wie auch die USA weiterhin bestrebt sind, eben diese Monopolstellung Russlands zu brechen. Die nationalen Konflikte der Region spielen sich somit vor dem Hintergrund einer Neuauflage des "great game" um die Rohstoffe Zentralasiens ab.

Eine Analyse von Tomasz Konicz
 
 
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