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2. Februar 2009, 16:07 Uhr

"Mein Gott, was haben wir denen getan?"

Als Arzt arbeitete der Palästinenser in einer Klinik bei Tel Aviv und trat mit seiner Familie für den Frieden zwischen Arabern und Juden ein. Nun wurde ganz Israel Zeuge, wie Dr. Izz al-Din al-Aisch in Gaza drei Töchter verlor. Vermutlich durch den Beschuss eines israelischen Panzers. Von Christoph Reuter

Gaza, Nahost, Krieg, Opfer

Der sechsjährige Sohn Abdullah blieb unverletzt, weil er in einem anderen Zimmer ausharrte als seine Schwestern© Ben Curtis/AP

Ich bin wach geblieben, die halbe Nacht, um mit der jüdischen Gemeinde in Pittsburgh sprechen zu können! Von Gaza aus, während wir Todesangst hatten. Und so gut wie keinen Strom mehr fürs Telefon." Der Stimme ist nicht zu entnehmen, ob Dr. Izz al-Din Abu al-Aisch stolz darauf ist - oder ob er es für einen Akt des Irrsinns hält. Aber das gilt wohl für das ganze Leben des palästinensischen Arztes und Friedensadvokaten.

Im amerikanischen Pittsburgh hatten sich am Abend Dutzende versammelt, um die rauschende Stimme des Doktors aus Gaza zu hören. Die Stimme eines Unerschütterten, der erzählte, dass es nichts bringen werde, immerfort aufeinander zu schießen. Der weiterhin Frieden mit Israel wollte. Auch wenn dessen Soldaten draußen vor seinem Haus gerade "auf alles schießen, was sich bewegt".

Die Juden in Amerika waren nicht die Einzigen, die den Worten des Arztes lauschten. Fast jeden Abend hörte auch das israelische Publikum die Stimme des Doktors aus Gaza, wenn er von der Angst um seine Kinder, von den Bomben, von den Krankenhäusern ohne Blutkonserven sprach und davon, dass es nirgends Schutz gebe.

Die Stimme der Vernunft

Hunderte sterben, bald tausend Palästinenser in Gaza. Zahlen ohne Gesichter für die Israelis, von denen mehr als 85 Prozent den Krieg für richtig halten. Aber sie kennen Dr. Izz al-Din Abu al-Aisch, der mit der Unschuld des Arztes zwischen den Fronten steht. Stets interviewt ihn der Moderator Schlomi Eldar für den israelischen Privatsender Channel 10. Dr. Izz al-Din Abu al-Aisch, die Stimme der Vernunft, die auch Hebräisch spricht. Zumal Israel die Grenze nach Gaza für Journalisten gesperrt hat, um Augenzeugenberichte zu verhindern.

Als am 14. Januar während der Sendung ein israelischer Panzer auf sein Haus zurasselt, bittet der Doktor den Moderator live, die Armee anzurufen, beschreibt sein auffälliges Haus und fleht, dass der Panzer abziehen möge. Er dreht schließlich ab.

Auch am Freitagabend des 16. Januar will Schlomi Eldar ihn anrufen. Es ist ruhiger geworden in Gaza, nach ungefähr 1300 toten Palästinensern und zehn toten israelischen Soldaten scheint ein Waffenstillstand nahe. Bevor Eldar anrufen kann, klingelt das Telefon. Am anderen Ende: der Arzt, aber nicht mehr mit der Stimme eines Berichterstatters. Er schreit, er klagt, er weint, in einem Durcheinander aus Arabisch und Hebräisch, "mein Gott, Schlomi, meine Töchter, keiner kann zu uns durchkommen, meine Töchter, Gott!" Eldar will vermitteln, fragt, ob jemand von der Armee zuschaue, vielleicht zu Hause, ob man eine Ambulanz schicken könne, da unterbricht ihn der Arzt: "Ich will sie retten, aber sie sind tot! Tot! Sie starben sofort, Schlomi, mein Gott, was haben wir getan, Gott? Was haben wir denen getan?! Sie haben meine Töchter umgebracht!"

Verzweiflungsschreie aus dem Mobiltelefon

Mit versteinertem Blick lässt Eldar den Arzt sprechen. Er fragt ihn nach der nächsten Straßenkreuzung, spricht in die Schreie des verzweifelten Vaters. Quälende drei Minuten und 35 Sekunden lang hält Schlomi Eldar das schwarze Mobiltelefon in der Hand und lässt das Sterben der anderen in Israels Wohnzimmern ankommen. "Ich kann dieses Gespräch jetzt nicht beenden, sondern werde das Studio verlassen." Sagt der Moderator, steht auf und geht. Mitten in der Sendung.

Familie Abu al-Aisch saß im Inneren des Hauses, draußen war es dunkel. Zwei Granaten haben das Haus getroffen, haben drei Töchter von Izz al-Din Abu al-Aisch und eine Nichte zerfetzt, haben eine weitere Tochter, noch eine Nichte und einen Bruder des Arztes schwer verletzt. Einen Kilometer stolpern die Überlebenden durchs Kampfgebiet. Bis sie ein paar Männer mit einem Handkarren finden, auf den sie die Verwundeten laden. Immer noch nicht wissend, wie sie ein Krankenhaus erreichen sollen.

Durch Eldars Appell gelingt es schließlich, einen Krankenwagen bis zum Checkpoint Erez fahren zu lassen, wo die Verletzten in israelische Ambulanzen umgeladen und nach ein paar Kilometern per Hubschrauber ins Chaim-Sheba-Krankenhaus bei Tel Aviv gebracht werden - Abu al-Aischs Arbeitsstelle.

Er hatte einst in Kairo Medizin studiert und wurde 1993 der erste wie einzige palästinensische Arzt aus Gaza im israelischen Soroka-Krankenhaus in Bersheva. Seither hat sich der 53-Jährige für eine Verhandlungslösung mit Israel eingesetzt. Mit lauter rationalen Gründen, die im Mahlstrom des gegenseitigen Hasses und Misstrauens immer fremder klangen. "Aber ich sehe jeden Tag den Preis, den wir bezahlen, wenn wir es nicht tun." Er hat in Harvard geforscht, ein Jahr für die Weltgesundheitsorganisation in Kabul gearbeitet. Er hätte fortgehen können, wie so viele gut ausgebildete Palästinenser. Aber er ist immer zurückgekommen, arbeitete selbst weiter in Soroka und später im Tel Aviver Sheba-Krankenhaus, als die zweite Intifada im Jahr 2000 losbrach: "Ab da musste ich zu Fuß durch die Checkpoints."

Zwischen den Fronten

Vielleicht war das alles nur möglich, weil er Arzt ist. Und weil er kleine Erfolge erzielte als letzter Mittler zwischen den Fronten: Hunderte schwer erkrankter Palästinenser, die in Gaza nicht behandelt werden konnten, brachte er aus dem von der Hamas beherrschten Gebiet heraus. Die Kostenübernahme zur Behandlung musste er von der mit der Hamas verfeindeten Fatah-Regierung in Ramallah besorgen, bevor er die Patienten in israelische Krankenhäuser schaffte. Die Hamas ließ ihn gewähren. Auch Unversöhnliche haben kranke Verwandte.

Selbst als Israel Ende Dezember den Angriff "Operation geschmolzenes Blei" begann und Gaza im Bombenhagel versank, hätte Dr. Abu al-Aisch nach Israel kommen können. Aber er ist in Gaza geblieben. Im September starb seine Frau an Leukämie, "und ich konnte meine Kinder doch nicht allein lassen".

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 06/2009

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