2. August 2012, 14:00 Uhr

Justiz will Pussy-Riot-Prozess durchpeitschen

Die Kremlgegnerinnen der russichen Punkband Pussy Riot erheben schwere Vorwürfe gegen die Richterin. Aus dem Ausland bekommen sie prominente Unterstützung.

Pussy Riot, Prozess, Gerichtsverfahren, Künstlerinnen, Skandalband, Aljochina, Tolokonnikowa, Samuzewitsch, Punkband

Die Anklage gegen die russische Punkband Pussy Riot führt in England und Russland zu Protesten©

Die Moskauer Justiz will den umstrittenen Prozess gegen drei Gegnerinnen von Kremlchef Wladimir Putin nach Ansicht der Verteidigung in großer Eile durchpeitschen. Die stundenlangen Marathonsitzungen ließen ein Urteil gegen die Mitglieder der russischen Skandalband Pussy Riot schon in der kommenden Woche vermuten, sagte Anwalt Nikolai Polosow. Richterin Marina Syrowa lehnte am Donnerstag zum fünften Mal einen gegen sie gerichteten Befangenheitsantrag ab, wie die kremlkritische Zeitung "Nowaja Gaseta" in einem Internet-Liveticker berichtete.

Maria Aljochina (24), Nadeschda Tolokonnikowa (22) und Jekaterina Samuzewitsch (29) drohen nach einem Punkgebet gegen Putin und Patriarch Kirill in der wichtigsten russisch-orthodoxen Kathedrale sieben Jahre Haft wegen Rowdytums aus religiösem Hass. Bürgerrechtler kritisieren den Prozess als politisch motiviert.

Richterin ignoriere die Anträge

Die inhaftierten Künstlerinnen beklagten am vierten Verhandlungstag, dass die Richterin ihre Anträge ignoriere. Die jungen Frauen, die im Gericht in einem Kasten aus Plexiglas ausharren müssen, beschweren sich seit dem Prozessbeginn am Montag über zu wenig Schlaf und Essen sowie fehlende Pausen.

Kurz vor einem Besuch Putins bei den Olympischen Spielen in London forderten prominente britische Musiker in einem Brief Freiheit für Pussy Riot. Die Vorwürfe gegen die Frauen seien absurd, schrieben Künstler wie Jarvis Cocker, Pete Townshend, Kate Nash und Martha Wainwright in der Zeitung "The Times". "Eine andere Meinung zu haben, ist in jeder Demokratie ein Grundrecht."

Der Menschenrechtsbeauftragte des Kreml, Michail Fedotow, sagte, bei der Aktion in der Moskauer Erlöserkathedrale am 21. Februar habe es sich höchstens um Ruhestörung gehandelt.

Gerichtsgebäude wegen Bombendrohung evakuiert

In Moskau wurde das Gerichtsgebäude wegen einer angeblichen Bombendrohung zeitweise evakuiert. Die Angeklagten berichteten, sie seien nicht in Sicherheit gebracht worden. Vor dem Gebäude demonstrierten Unterstützer der drei Frauen.

Russische Medien kritisierten unterdessen die Zeugenvernehmungen. So habe ein Mann ausgesagt, der bei dem Auftritt in der Kirche selbst gar nicht anwesend gewesen sei, sondern nur eine Videomontage gesehen habe, schrieb die Zeitung "Nowyje Iswestija". Auf diese Weise gebe es etwa eine halbe Million mögliche Zeugen - so viele Menschen hätten den zusammengeschnittenen Internetclip bisher angeklickt.

Am Donnerstag verhörte das Gericht Zeugen der Verteidigung, darunter den Vater der Angeklagten Samuzewitsch. Er beschrieb seine Tochter als ernsthafte Gläubige.

val/DPA
 
 
Jetzt bewerten
0 Bewertungen
MEHR ZUM ARTIKEL
Prozess gegen Punk-Band in Russland Pussy-Riot-Mitglieder beschweren sich über Folter

Der Band Pussy Riot drohen wegen ihres Anti-Putin-Punk-Gebets in einer Moskauer Kirche sieben Jahre Gefängnis. Die Musikerinnen klagen im Prozess über die schlechten Haftbedingungen.

Anti-Putin-Proteste in Russland Inhaftierte Pussy-Riot-Mitglieder treten in Hungerstreik

In einem Käfig vor Gericht führt die russische Justiz drei Punkrockerinnen vor, weil sie in einer Kirche gegen Kremlchef Putin protestiert haben. Die Frauen sitzen seit gut vier Monaten in Untersuchungshaft - ihnen drohen bis zu sieben Jahre Haft.

 
 
 
stern - jetzt im Handel
stern (21/2013)
Geht's jetzt an mein Geld?