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17. Dezember 2007, 11:10 Uhr

Asyl, Knast oder PKK-Kämpfer

Die Stadt Diyarbakir, Brennpunkt im türkisch-kurdischen Konflikt, ist arm. So arm wie manche Städte in Entwicklungsländern. Die Jugend kennt nur Krieg, Vertreibung und Unterdrückung. Der Kampf für die PKK verspricht für sie Abenteuer und Ablenkung vom tristen Alltag. Von Juliane von Mittelstaedt, Diyarbakir

Straßenszene in Diyarbakir : "Kurdische Kinder haben kein Recht auf eine Kindheit"© Umit Bektas/Reuters

Der Bürgermeister ist abgesetzt, sein Vergehen: die Verwendung der drei Buchstaben q, w und x. Denn Abdullah Demirbas, Bürgermeister der Gemeinde Sur, der Altstadt von Diyarbakir in Südostanatolien, hatte zusammen mit seinem Gemeinderat beschlossen, Dienstleistungen für die Bürger auch in anderen Sprachen anzubieten. Er hat ein türkisch-kurdisches Bastelbuch für Kinder verteilen lassen, einen siebensprachigen Aufruf "Für ein sauberes Diyarbakir", er hat während der internationalen Woche der Menschenrechte ein Plakat mit einem kurdischen Spruch aufgehängt und einen Vortrag gehalten über Mehrsprachigkeit in der Stadtverwaltung.

Das reichte dem Oberverwaltungsgericht, um den gewählten Bürgermeister, Mitglied der Kurdenpartei DTP, vor mehr als fünf Monaten, per Eilentscheidung seines Amtes zu entheben. Wegen Verstoßes gegen Gesetz 1353, Absatz 2, das die Verwendung des türkischen Alphabets in allen offiziellen Dokumenten vorschreibt. Darüber hinaus ist er angeklagt in 22 Fällen, die alle mehr oder weniger hinauslaufen auf den einen Vorwurf: die türkische Nation aufbrechen zu wollen in ihre Bestandteile. "Rechnet man alle Anklagepunkte zusammen, macht das 60 Jahre Haft", sagt Demirbas. "Aber die türkische Regierung muss endlich anerkennen, dass dieses Land ein Vielvölkerstaat ist, mit verschiedenen Sprachen und Kulturen."

Nur ein Viertel spricht türkisch

In Diyarbakir leben vor allem Kurden, nur ein Viertel der Einwohner spricht überwiegend türkisch, fast drei Viertel aber sprechen kurdisch, vier Prozent armenisch, aramäisch und arabisch. Trotzdem ist Diyarbakir eine Stadt, in der alle Schüler morgens vor dem Unterricht aufsagen müssen: Ich bin stolz, ein Türke zu sein. In der die Amtssprache Türkisch ist in den Schulen, den Behörden, auf den Straßenschildern; in der die Buchstaben q, x und w nicht existieren, weil sie nicht Teil des türkischen Alphabets sind, wohl aber des kurdischen.

Diyarbakir, das ist das Epizentrum des Kurdenkonflikts, zwei Flugstunden von Istanbul entfernt und keine 200 Kilometer vom Irak und von Syrien. Biblisches Land, gelegen zwischen Euphrat und Tigris; doch heute gehen von hier die Erschütterungen aus, die über die Zukunft der Türkei entscheiden können. Die Armee ist hier wieder präsent und Gerüchte von willkürlichen Durchsuchungen und Verhaftungen machen in Diyarbakir die Runde. Während im Westen der Türkei die Wirtschaft boomt und weiter über den EU-Beitritt des Landes verhandelt wird, gleitet der Südosten langsam wieder ab in den längst überwunden geglaubten Kreislauf aus Terrorismus und Unterdrückung, und was davon nun Ursache und was Wirkung ist, ist schwer zu sagen.

So wundert man sich nicht, dass die Kinder hier auf Kurdisch "Glaube" und "Regen" heißen, "Gefängnis" und "Unbekannt". Wenn man an den Kindernamen den Zustand einer Gesellschaft erkennen kann, dann sieht es derzeit schlecht aus für die Kurden von Diyarbakir. Mehr als eine Million Menschen flohen in den vergangenen fünfzehn Jahren vor den Kämpfen zwischen türkischer Armee und der kurdischen PKK aus ihren Dörfern oder wurden von dort vertrieben, ein Großteil von ihnen lebt noch immer in Diyarbakir, dessen Bevölkerung sich innerhalb von zwei Jahrzehnten auf eine Million verdreifacht hat; die Arbeitslosigkeit liegt zwischen 60 und 80 Prozent, die Armut ist so groß, wie man es nur aus Entwicklungsländern kennt. Und häufig sind es die Kinder, die arbeiten: Schuhe putzen, Müll sammeln, Brot verkaufen.

"Kurdische Kinder haben kein Recht auf eine Kindheit", sagt die 27-jährige Servet. Sie trägt einen roten Wollpulli, Jeans, offenes, gelocktes Haar und schlürft Cappuccino in einem modernen Café. Sie wirkt wie eine ganz normale Jugendliche, doch der erste Eindruck täuscht: Mit 15 schloss Servet sich der PKK an und ging in die Berge, wo sie schießen lernte und den Kommandanten ihrer Einheit bewachte. "Ich habe so viele Ermordete gesehen", sagt sie über ihren Entschluss. "Es ist einfach außerhalb deiner Kontrolle. Wenn du hier aufwächst, hast du das Gefühl, etwas für dein Volk tun zu müssen." Mit 16 wurde sie gefasst und kam für über sechs Jahre ins Gefängnis.

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