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Selbstmordattentäter soll Lehrer gewesen sein

Auf Bildern beugen sich Frauen weinend über kleine Särge. Mehr als 70 Menschen sind in Lahore gestorben, darunter 35 Kinder - und der Täter soll ausgerechnet Lehrer gewesen sein. Es ist ein Rückschlag für die Bemühungen Pakistans, extremistische Anschläge einzudämmen.

Ein kleines Mädchen liegt nach dem Attentat verletzt im Krankenhaus

Ein kleines Mädchen liegt nach dem Attentat verletzt im Krankenhaus

Ein Religionslehrer sei er gewesen, schreiben die Zeitungen: Ein 28 Jahre alter Mann sprengte sich an einem warmen Ostersonntag in einem öffentlichen Park in der Millionenstadt Lahore in die Luft. Er zündete einen mit Schrauben und Muttern versetzten Sprengsatz, um möglichst viele Menschen mit sich in den Tod zu reißen. Rund 20 Kilogramm Sprengstoff brachte der junge Mann zur Detonation. Den Ort seines Attentats hatte er wohl bewusst gewählt, in dem Park feierten zahlreiche christliche Familien das Osterfest. Der Attentäter zündete den Sprengsatz in der Nähe von Kinderschaukeln.

Die Bilanz des Anschlags ist verheerend: Mehr als 70 Menschen starben, Muslime und Christen – darunter 35 Kinder. Die Opferzahl wird wohl noch steigen. Etwa 350 Menschen wurden verletzt. Auf Bildern sieht man Mütter, die sich weinend über kleine Särge beugen. Im den Krankenhäusern liegen kleine Körper, die über Schläuche mit Medikamenten am Leben gehalten werden.

Noch immer hat die pakistanische Polizei keinen vollständigen Überblick über die Opfer. Man sei dabei, die von Kliniken geschickten Listen zusammenzufügen, sagt der leitende Beamte des Polizeibezirks am Park. Hunderte Menschen versuchten gestern zu helfen, sie fuhren die Verletzten in ihren Autos in die Krankenhäuser oder standen an, um Blut zu spenden.

Unter den Christen des Landes wächst die Angst

Am Tag nach dem Attentat bleibt die große Frage: Warum? Was bringt einen Lehrer dazu, Dutzende Kinder zu töten? Und was heißt das für die Hoffnung auf Frieden und Sicherheit im Land?

Unter den Christen Pakistans wächst die Angst. Sie stellen in dem muslimischen Land die größte religiöse Mehrheit, laut Statistiken aus dem Jahr 2005 machen sie 1,6 Prozent der rund 180 Millionen Bürger des Landes aus. Bis in die 1980er Jahre lebten beide Religionen friedlich miteinander, doch mit der Übernahme der Regierung durch einen streng religiösen muslimischen Militärdiktator Muhammad Zia u-Haq begannen die Spannungen. Inzwischen eskalieren sie immer öfter. Im Jahr 2015 starben bei einem Selbstmordattentat auf zwei benachbarte Kirchen mehr als ein Dutzend Menschen. Und nicht nur Christen sind regelmäßig Ziel von islamistischen Angriffen, sunnitische Extremisten verüben auch immer wieder Anschläge auf schiitische Muslime.

Die Park-Bombe von Lahore zählt dabei zu den tödlichsten Anschlägen. Im Dezember 2014 hatten pakistanische Taliban in einer Schule in Peshawar 136 Kinder ermordet. Danach hatte die Regierung massive Militäroperationen vor allem gegen Taliban-Gruppen begonnen. Und eine Zeitlang sah es nach einer erfolgreichen Operation aus: Um fast 50 Prozent reduzierte Anschlags- und Opferzahlen wurden Anfang des Jahres präsentiert, als habe es Jahre der Radikalisierung nie gegeben. Rana Sanaullah, der Justizminister der Provinz Punjab, wo die Park-Bombe hochging, sagte noch im August: "Nicht eine einzige Religionsschule (in Punjab) hat irgendwelche Beziehungen zu Extremisten." 

Demonstranten feiern Mörder

Doch nun sieht es so aus, als sei der Täter eben das: ein Religionslehrer aus Punjab, der von einer Taliban-Gruppe für einen Selbstmordanschlag rekrutiert worden ist. Wo Pakistan steht, wie es weitergeht, welches Ausmaß der Extremismus noch annehmen oder ob er eingedämmt wird, ist schwer zu beurteilen.

Der pakistanische Sicherheitsanalyst Mahmood Shah glaubt, dass sich die Sicherheitslage trotz des Anschlags insgesamt verbessert habe. Doch in der Hauptstadt Islamabad hatten nur Stunden vor dem Anschlag in Lahore Tausende religiöser, gewaltbereiter Demonstranten die Stadt lahmgelegt. Sie feierten einen Mörder, der den liberalen Gouverneur der Provinz Punjab im Jahr 2011 ermordet hatte – weil der Gouverneur eine Christin verteidigt und in Frage gestellt hatte, dass wirklich sterben muss, wer den Propheten beleidigt.

car/DPA
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