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7. Juli 2009, 10:15 Uhr

Auf das Beben folgt der Gipfel

Anfang April erschütterte ein Erdbeben das italienische L'Aquila. Nun fliegen dort die Mächtigen dieser Welt zum G8-Gipfel ein. Fluch oder Segen? Was haben die Menschen vor Ort von der Polit-Show mit Zeremonienmeister Silvio Berlusconi? Der Bürgermeister L'Aquilas jedenfalls schimpft - und bleibt deshalb schon mal außen vor. Ein Besuch in einer geschundenen Region. Von Sandro Mattioli, L'Aquila

G8, G8-Gipfel, L'Aquila, Berlusconi

Bis auf ein Schild und jede Menge Polizisten ist in L'Aquila einen Tag vor dem G8-Treffen noch nicht viel vom Gipfel zu merken© Alsssandra Tarantino/AP

Es ist Nacht in L'Aquila, und solange man nicht im historischen Zentrum unterwegs ist, glaubt man sich in einer schlafenden Stadt. Doch die Stadt schläft nicht, sie ist tot. In manchen Häusern brennt Licht, doch es wohnt niemand darin. "Sehen Sie, ich bin hier in diesem Gebäude zu Hause", sagt Massimo Cialente und weist mit dem Finger auf einen Wohnblock, an dem alle Rollläden heruntergelassen sind. "Die Häuser hier müssen alle abgerissen werden." Cialente haust inzwischen in einem Wohnmobil, er ist wütend und schimpft in einem fort.

Das ist ungewöhnlich, denn zum einen neigen die Bewohner der Region um L'Aquila selbst nach dem schweren Erdbeben vom 6. April nicht zum Jammern und Klagen. Und zum anderen ist Massimo Cialente der Bürgermeister dieser Stadt, einer Stadt, die es nach seinen Worten nicht gibt. Nicht mehr gibt. "Am Anfang dachte ich, dass Treffen der G8 könnte uns helfen. Aber da habe ich mich wohl getäuscht", sagt der parteilose Stadtchef. "Die Frage ist, ob der Gipfel mehr Licht auf die Situation hier wirft oder sich die wenige mediale Aufmerksamkeit gänzlich woanders hin verlagert."

Berlusconi präsentiert sich gerne als Macher

So ein Mensch wie der Bürgermeister von L'Aquila passt nicht in Silvio Berlusconis Plan, den Gipfel von der idyllischen sardischen Insel La Maddalena in den zerstörten Ort zu verlegen. Die gefürchteten militanten G8-Gegner würden wohl kaum über eine ohnehin schon geplagte Gegend herfallen, so sein Kalkül. Dazu könne Geld gespart werden und lokale Unternehmen von dem Medien- und Politikeransturm profitieren. Egal, ob es sich um neapolitanischen Müll handelt oder um Erdbebenschäden, Silvio Berlusconi präsentiert sich gerne als Macher, als einer, der Probleme fix anpackt und löst. Ein Bürgermeister, der zuviel schimpft, stört da nur. Also bleibt er außen vor. Caliente wurde nicht eingeladen, er hat keinen öffentlichen Termin. Nur die japanische Delegation hat angefragt, ob er sie durch die Stadt führen mag. Doch das ist kaum möglich, lediglich ein Weg zum Domplatz ist freigegeben. Immerhin sind auch dort genug Schäden zu besichtigen: eingestürzte Kirchenkuppeln, lange Risse in Gebäuden, Schutt am Wegesrand.

Der Bürgermeister beschwert sich, dass der Wiederaufbau viel zu langsam anläuft. "Ich habe immer wieder nach einem Kostenplan gefragt, wurde aber immer wieder vertröstet. Dabei startet hier ohne eine Kostenaufstellung gar nichts. Wahrscheinlich ist das Geld für den Aufbau noch gar nicht da!", sagt Cialente. Die Menschen in den Zeltstädten wollen endlich wieder in ihre Wohnungen zurück oder zumindest in ein provisorisches Haus einziehen. Die Zeit drängt, denn in dem am Rand des Abruzzen-Gebirges und dem Gipfel des Gran Sasso gelegenen L'Aquila wird es ab September nachts sehr kalt. Eine Gruppe von einem Jugendzentrum hat einen Spaziergang mit Fackeln organisiert, um der Toten des Erdbebens vor 90 Tagen zu gedenken. Die Veranstaltung, sagt Organisator Marco Sebastiani, ein Student aus Perugia, habe aber überhaupt nichts mit dem G8 zu tun.

"Der G8-Gipfel bringt uns nur Nachteile"

Doch ganz so einfach ist das nicht: Der italienische Premierminister hat das Erdbeben und den G8-Gipfel miteinander verknüpft, und folglich hatten die Veranstalter des Fackelspaziergangs Angst, militante Gipfelgegner könnten ihr stilles Gedenken stören. "Der G8-Gipfel bringt uns nur Nachteile", sagt Sebastiani. "Die Straße zum Flughafen wurde zwar frisch geteert, aber wir können uns nicht frei bewegen und die Menschen hier erfahren nach dem Stress des Erdbebens das Chaos des G8-Gipfels."

Sieht man vom massiven Polizeiaufgebot auf den Straßen ab, spürt man in L'Aquila derzeit noch wenig von dem Großereignis, und so ist der Gipfel bei vielen Einwohnern noch kein Thema. Wenn das Treffen beginnt, dürfte das anders sein. Die in Italien hoch geschätzte Bundeskanzlerin Merkel wird gleich zu Beginn Onna besuchen, den Ort, für dessen Wiederaufbau sich der deutsche Botschafter in Rom, Michael Steiner, stark macht. In einem barbarischen Akt wurden dort vor 65 Jahren 17 junge Einwohner von deutschen SS-Männern hingemetzelt, und Steiner hat nun Wiedergutmachung im Sinn. Barack Obama wurde von Silvio Berlusconi zu einer gemeinsamen Besichtigung der zerstörten Gegend gebeten. Und auch Nicolas Sarkozy hat einen Ortsbesuch angekündigt. Vielleicht geht das Kalkül also doch auf, und es finden sich neue Unterstützer des Wiederaufbaus.

Gelassenheit trotz Merkel-Visite

In der Zeltstadt in Onna sieht man dem Besuch der Kanzlerin gelassen entgegen. Bernd Urban, der den Einsatz des deutschen Technischen Hilfswerks in dem kleinen Ort leitet, wird wohl Angela Merkel treffen, aber aufgeregt wirkt er angesichts dessen nicht. Und auch Roberto Pezzopane, der sich noch gut an das Massaker von 1944 erinnert, bleibt gelassen. "Wir haben hier keine Hassgefühle gegen die Deutschen", sagt er. "Die Schuldigen von damals waren Hitler und Mussolini." In dem Camp freut man sich über die Unterstützung durch das THW, die "Tag und Nacht arbeiten". Die Zusammenarbeit zwischen italienischem Katastrophenschutz und deutschem THW klappe bestens, betont Bernd Urban. Der Gipfel? Ist in Onna nur eine Randerscheinung.

Vielleicht bleibt auch das Thema Erdbeben beim G8-Treffen eine Randerscheinung. Im Pressezentrum des Tagungsortes, einer Kaserne der italienischen Finanzpolizei außerhalb der Stadt, sind ein paar Tafeln mit Bildern von zerstörten Kirchen aufgestellt. In dem Bereich, in dem die Politiker sich bewegen werden, sucht man Hinweise auf das Beben vom April jedoch vergeblich.

Auch bei den Arbeitssitzungen werden die Erdstöße kaum eine Rolle spielen. Die Kommissionen werden verhandeln, wie mit dem Iran nach den möglicherweise manipulierten Wahlen umzugehen ist. Es geht um künftige Quellen für ein Wirtschaftswachstum, um organisierte Kriminalität, eine Erklärung zur Abrüstung wird vorbereitet, es wird über die Effekte der Weltwirtschaftskrise auf die Entwicklungsländer diskutiert werden, über das Klima sowieso und über Maßnahmen gegen den Terrorismus und die Weiterverbreitung von Waffen.

Evakuierungsplan für die Kaserne

Die Politiker werden vielleicht in der Kaserne wohnen, vielleicht aber auch anderswo. Genau sagt das niemand, auch aus Sicherheitsgründen, wie es heißt. Für den Fall, dass die Erde wieder einmal stärker bebt - Erdstöße gibt es in der Gegend praktisch jeden Tag - ist ein Evakuierungsplan für die Kaserne erstellt worden. Die Kasernenschule heißt jetzt Hotel Sardegna, die Zimmer wurden allesamt gleich eingerichtet: Zwei Einzelbetten, zwei Schreibtische, ein großer Kleiderschrank, schön weiße Waschbecken und ein Fernseher mit Satellitenanschluss. Ab Mittwoch werden hier die Kommissionen und Politiker aus aller Welt wohnen. Später dürfen sich dann einige hundert Einwohner der Gegend von L'Aquila über neue Möbel freuen. Weiße Ledercouchs mit chromfarenen Füßen der Marke Forsit etwa werden für sie abfallen - Stückpreis 290 Euro.

Von Sandro Mattioli, L'Aquila
 
 
KOMMENTARE (1 von 1)
 
whismerh2 (07.07.2009, 20:21 Uhr)
Die Risikobereitschaft ist gestiegen
Frage ist nur welche,
wenn ich mich recht erinnere, wurde bei dem letzten Treffen G8, doch obwohl bekannt war, das dieses Casionspiel der Finanzwelt doch eher runtergespielt, auch wenn zu diesem Zeitpunkt voraus zu sehen war, was passieren kann, Frage ist nun wer ist besser, ich finde diese sinnlose Zerstörung gegen Geschäftsleute die nur überleben wollen oder versuchen Ihre geschäfte in diese Gesellschaft zu machen, nicht erstrebenswert ist,aber was sich diese Herrschaften aus Politik und Finanzwelt leisten, ist schon richtig derbe und zerstört mannigfach Lebensgrundlagen.
Also wer ist jetzt im ersten der Schuldige.
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