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Wie man die Briten zum Verbleib in der EU überredet

Gehen oder bleiben? In drei Tagen stimmen die Briten über ihren Verbleib in der EU ab. Unser Autor hat auf einer britischen Country Fair missioniert - und zumindest eine Person zum Bleiben überreden können.

Von Michael Streck, London

Brexit Union-Jack-Decke

Patrioten-Gedeck: Wurst, Senf, Tischdecke - garantiert britisch.

Seit ein paar Wochen stehen in unserer kleinen Einkaufsstraße Missionare. Einige von denen stehen dort stumm und starr und halten den "Wachturm" vor sich. Die Zeugen Jehovas kann man ignorieren, ich glaube, sie sind das gewohnt. Die anderen sind mal vom "Leave" und mal vom "Remain"-Lager. Die kann man nicht so leicht ignorieren. Beide Seiten sind seit dem Mord an der Abgeordneten Jo Cox allerdings nicht mehr ganz so laut.

Meine Frau hat eine sehr hübsche und sehr subversive Taktik entwickelt, die Kräfte der Out-Befürworter zu bündeln. Sie stellt sich an deren Stand, und auf der Stelle scharen sich mehrere Outisten um sie und versuchen, sie von den Vorzügen eines britischen EU-Austritts zu überzeugen. Meine Frau widerspricht alibimäßig hin und wieder. Eine Debatte entsteht dann über Europa und das Königreich. Das kann dauern, Argumente fliegen hin und her. Die Outisten steigern sich gerne und sehr in die Sache hinein, sie kämpfen - Respekt - wirklich um jede Stimme.

Irgendwann, wenn sie glauben, sie hätten auch den Kampf um meine Frau endlich gewonnen, sagt die: "Vielen Dank. Aber ich bin Deutsche und darf ohnehin nicht wählen. Dürfte ich wählen, würde ich selbstverständlich für bleiben stimmen." Dann schauen die Aktivisten ziemlich bedröppelt, weil sie 20 Minuten für nichts und wieder nichts verschwendet haben, und meine Frau ist froh, weil sie in diesen 20 Minuten niemanden anders haben bekehren können. Selbst als EU-Bürger und Nicht-Wähler wird man in diesen Tagen in Großbritannien zum Missionar der europäischen Sache. Es geht um alles, es ist eng. Jede Stimme könnte entscheiden.

Stimmen kann man also auch kaufen

Neulich reiste ich durchs Land für meinen Arbeitgeber und versuchte, die Befindlichkeit der Briten auszuloten. Die Reise führte mich auch nach Devon in , eine eher ländliche Gegend und dem Vernehmen nach ziemlich anti-europäisch. Mein Freund Peter, Fotograf, und ich besuchten eine Country Fair, eine Landwirtschaftsschau in der Nähe von Exeter. Es gibt vermutlich außer Hooligans nichts Englischeres als Country Fairs. Viel Tweed, viel Marmelade, viele Traktoren und Landrover, Bauern und Barone. Schweine werden an der Leine einem fachkundigen Publikum vorgeführt, und direkt nebenan parkt ein mobiler Imbiss, in dem das verkauft wird, was aus den Schweinen irgendwann wird.

Brexit Devon County Show

Auf der Devon County Show in Exeter ist die Welt noch in Ordnung. Doch so soll es nicht bleiben: Der Großteil der Menschen hier im Westen Englands will raus aus der EU.


Bei dieser Messe wurde ich zum Missionar Europas. In einem großen Zelt verkaufte eine sympathische ältere Dame Kerzen und Seife und Hautcreme. Sie hieß Janet Dard, ihr Stand war ein einziger Schrein aus Union Jacks. Ich dachte "Oha". Janet, stellte sich obendrein heraus, war eine tägliche Konsumentin der "Daily Mail", einer sehr anti-europäischen Publikation. Es stellte sich aber auch heraus, dass Janet eine etwas andere Wahrnehmung dieses Druckerzeugnisses hatte. "Ich glaube, dass die uns zwischen den Zeilen raten, in der EU zu bleiben", sagte sie. Das war eine sehr exklusive Sicht der Dinge, weil die Mail jeden Tag ihre Abscheu gegen Immigranten und die in zentimeterdicken Buchstaben in die Welt bläst. Ich freute mich, dass Janet zwischen den zentimeterdicken Buchstaben noch Raum für eine andere Interpretation fand und beließ sie deshalb in dem Glauben. Ich log: "Genau so ist es!"

Janet war aber trotzdem hin- und hergerissen. Bleiben oder gehen? Ihr Sohn, erzählte sie, sei bei der Armee und lebe in Deutschland. Ihr Sohn hatte ihr am Telefon auch gesagt: "Wir wären alle Idioten, wenn wir die EU verlassen würden." Ich nickte. Janet fragte: "Was sagt denn Frau Merkel?" Ich sagte: "Im Grunde das Gleiche wie Ihr Sohn, nur nicht ganz so deutlich. Höchstens privat." Diesmal nickte Janet. "Tja", sprach sie schließlich, "vielleicht sollten wir wirklich bleiben." Ich nickte abermals und fragte: "Kann ich mich auf Sie verlassen? Ich kaufe sogar ein Stück Seife, wenn ich mich auf Sie verlassen kann." Es ist nicht ausgeschlossen, dass ich in Devon eine Stimme für das "Remain"-Lager gekauft habe. Womöglich ist das sogar illegal. Egal.

"Die EU ist der Teufel. Aber zumindest kennen wir diesen Teufel"

Wenig später traf ich einen Mann von der NSA. Er hieß Bryan Griffiths; er stand vor einem großen Schild, mit dem Schriftzug "Join the NSA" und wunderte sich, warum ich mich darüber amüsierte. Ich sagte: "Nun ja, es ist das erste Mal, das ich ganz offen Werbung für die NSA sehe." Das verstand er nicht. Bryan sagte, sie seien doch jedes Jahr hier und auf eigentlich jeder großen Veranstaltung im ganzen Land. Man muss wissen, dass es zwei NSA gibt. Einmal die eher wenig populären amerikanischen Lauscher von der "National Security Agency" und dann die überaus friedliche britische "National Sheep Association", die stolze Vereinigung der Schafzüchter. Die beiden NSA's sind weder verwandt und verschwägert.

Bryan musste ich gar nicht umdrehen und missionieren oder seine Stimme kaufen. Ich hätte auch nicht gewusst, wo ich zu Hause ein Schaf hätte unterbringen können. Er postulierte ausgiebig, wie er die ganze Sache sieht: "Die EU ist der Teufel. Aber zumindest kennen wir diesen Teufel." Er ist Besitzer von 900 Schafen, ein Drittel seiner Lämmer verkauft er nach . Bryan war ganz gewiss kein Europa-Fan, aber die politische Räson erschien ihm größer als das Risiko. Deshalb bleiben. Nie war mir die NSA sympathischer.

NSA-Werbeplakat

Werde NSA-Mitglied: Es gibt zwei NSA. Einmal die eher amerikanischen Lauscher von der "National Security Agency" und dann die britische "National Sheep Association", die stolze Vereinigung der Schafzüchter.


Manche kann man einfach nicht umstimmen

Auf einer Country Fair kann man allerlei sehr interessante Dinge erleben. Man kann dort zum Beispiel Gummistiefel kaufen für umgerechnet 300 Euro, die mit Tweed gefüttert sind. Man kann Hunden zugucken, die Kunststückchen machen. Oder eben dicken Schweinen an der Leine, die später Wurst werden. Aber ich war ja nicht zum Vergnügen da, sondern zum Missionieren. Und also begegnete ich einem Mann, der Mitglied jenes legendären englischen Schafschur-Teams war, das bei der Schafschur-WM 2008 Vierter wurde, knapp hinter Südafrika, Neuseeland und Lesotho. George Mudge hatte einen sehr festen Schafscherer-Händedruck und noch eine festere Meinung über die EU. Raus! Vor 40 Jahren hatte er noch für den Eintritt in den gemeinsamen Markt gestimmt, eine Entscheidung, wie er sagte, die er bis heute bereut. George war auch schon in Straßburg zum Protestieren und dort sehr angewidert von der Eurokraten.

Er hielt einen Vortrag über den unmittelbar bevorstehenden Zusammenbruch Europas. Erst hätten die Römer die Welt regiert, später die Briten und nun regiere die Bürokratie. Irgendwann kam er auch noch auf Hitler. Ich weiß nicht mehr genau, warum. Aber Hitler ist oft in Großbritannien. Man gewöhnt sich dran.

Mir wurde zügig klar, dass ich George nicht umstimmen würde, wünschte ihm noch viel Glück für den nächsten Schafschur-Wettbewerb und dass sie dort vielleicht Lesotho besiegen. Dann setzte ich mich in den Zug und fuhr zurück nach London. In unserer kleinen Einkaufsstraße standen diesmal Missionare vom "Remain"-Lager. Sie wollten mich überzeugen, aber ich sprach: "Liebe Kollegen, verschwendet keine Zeit mit mir. Ich war heute schon in Devon für Euch und habe sogar eine Stimme gekauft. Braucht jemand zufällig ein Stück Seife?"

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