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Das Brexit-Alphabet: von Bananen, Hooligans und Anti-Europäern

Brexit oder kein Brexit? Bald stimmen die Briten über den Verbleib in der EU ab. Zeit zu fragen: Wer will eigentlich was, warum tun sich Europa-Fans so schwer, und was haben Bananen damit zu tun? Unser Brexit-Alphabet, erster Teil.

Von Michael Streck, London

Brexit Britin mit Fahne

Bleiben oder gehen? Die Briten entscheiden demnächst über den Brexit, den Austritt aus der EU

  • A wie Anti-Europa: Grundton des insularen Lebens, auch jenseits der aktuellen Debatte. Großbritanniens EU-Beitritt war nie Liebeserklärung, sondern getrieben von Kosten und Nutzen. Der "Daily Express" bilanzierte schon in den 80er-Jahren: "Der letzte wirklich erfolgreiche britische Ausflug nach Europa war am 6. Juni 1944." D-Day, klar. Meist endeten die übrigen Ausflüge auf den Kontinent mit Niederlagen im Elfmeterschießen und marodierenden -> Hooligans.
  • B wie Banane: Die Südfrucht war großes Wahlkampfthema. Der oberste Outist, Londons ehemaliger Bürgermeister -> Boris Johnson, wähnte Großbritannien auf dem Weg in eine Bananenrepublik für den Fall des EU-Verbleibs. Er sagte obendrein, die Eurokraten in Brüssel verböten, mehr als drei Bananen am Stück zu verkaufen. Das ist Unfug - wie so vieles aus seinem Mund. (siehe Video, Minute 2:30) Zum Beispiel, dass Kinder unter acht Jahren keine Luftballons aufblasen dürfen. Prinzipiell gilt aber für beide Seiten: Viele Argumente sind schlicht Banane.


  • C wie Cameron, David: Konservativer Premierminister, dem die Nation, der Kontinent und die ganze Welt den Referendums-Schlamassel verdankt. Er wollte damit ursprünglich die Euroskeptiker in seiner Partei befrieden und den Rechtsauslegern von -> UKIP das Wasser abgraben. Schon jetzt lässt sich sagen: Mission misslungen. Land und Leute sind gespalten wie nie, seine Partei obendrein zerrissen wie nie. Stimmen die Briten für den Austritt, wäre Cameron alsbald wohl früherer Premier. In diesem Fall dürfte vermutlich Boris Johnson -> Banane einziehen in die ...
  • D wie Downing Street 10: Hübsches Gässchen im Zentrum von London, in der zurzeit -> David Cameron residiert. Noch. Es gibt nicht wenige, die sagen, die einzige Zahl, die Johnson, Boris -> Bananen in der ganzen Europa-Diskussion wirklich interessiere, sei die Nummer 10.
  • E wie Europäische Union: In der EU leben zirka 500 Millionen Menschen, die nach Einschätzung von -> UKIP-Führer -> Nigel Farage alle nach Großbritannien wollen. Außerdem demnächst auch noch 80 Millionen Türken, die erst in die EU streben und dann selbstverständlich alle auf die Insel. Viele Briten wissen verblüffend wenig über die EU, nicht mal die britischen Parlamentarier wissen viel über die EU. Sie verwechseln gerne Parlament mit Kommission und umgekehrt oder Brüssel mit Straßburg. Außerdem heißt es gern, die EU sei undemokratisch (sie meinen dann allerdings die EU-Kommission), weil nicht gewählt. Allerdings: Auch die Lords im britischen "House of Lords" sind nicht gewählt. Aber das ist dann etwas ganz anderes, weil eben von Briten ausdrücklich nicht gewählt. Das Angenehme ist: Die EU-Unwissenheit fällt auf der Insel kaum jemandem auf. Außer EU-Bürgern natürlich.
Brexit Nigel Farage

Weg von den Fleischtöpfen der EU: Nigel Farage, UKIP-Chef, ist der lauteste Vertreter der Brexit-Bewegung


  • F wie Farage, Nigel: Chef und Alleinunterhalter der United Kingdom Independence Party -> UKIP. Parteiprogramm: keines. Außer -> Immigranten raus und raus aus der -> EU. Und zwar mit aller Macht und so stimmgewaltig, dass UKIP ausgerechnet bei den Europawahlen im Mai 2014 stärkste Partei wurde und mit 24 Abgeordneten im verhassten Brüssel sitzt. Farage hat französische Vorfahren und eine deutsche Frau. Ob es einen kausalen Zusammenhang mit seinen familiären Verhältnissen und seiner anti-europäischen Haltung gibt, ist wissenschaftlich noch nicht untersucht.
  • G wie Gove, Michael: Justizminister, alter Freund von David Cameron und vermutlich bald Ex-Freund. Neben -> Farage, Nigel und Johnson, Boris -> Bananen einer der lautstärksten Europa-Kritiker. Minister Gove erhält publizistische Unterstützung von seiner Gattin Sarah Vine, die für die inoffiziell-offizielle Anti-EU-Publikation "Daily Mail" -> Presse wirkt und dort sagenhaft dämliche Kolumnen schreibt. Gove wurde in Schottland geboren, sein Vater verlor seinen Job im Fischerei-Gewerbe. Schuld am Job-Verlust war selbstverständlich die -> EU. Blöderweise widerspricht sein eigener Vater und sagt, dass die -> EU keineswegs Schuld gewesen sei. Er hat seinen Laden schlicht verkauft.
Brexit Hooligan Frankreich

Samstags: Stühlewerfen in Frankreich, Donnerstags: Raus aus der EU. Britische Hooligans sangen in Marseille: "Fuck off Europe, we're all voting out!"


  • H wie Hooligans: Englische Fußball-Fan-Gruppierung, von der man eigentlich glaubte, es gäbe sie nicht mehr. Zu alt, zu überholt, zu revanchistisch. Fast wie die -> EU aus Sicht ihrer Kritiker. Aber falsch gedacht. Es gibt sie noch. Oder wieder. Zurzeit sind sie auf Bildungsreise durch Frankreich, dort aber von den Vorzügen kontinentaler Kultur offenbar nur schwer zu begeistern und ergo weitenteils dem "Leave"-Lager zugetan. Bei Auseinandersetzungen mit der französischen Polizei in Marseille sangen die jungen Herren auch politisch Aussagekräftiges: "Fuck off Europe, we're all voting out!" Vermutlich endet die Bildungsreise wie immer: im Elfmeterschießen.
  • I wie Immigranten: Wurzel allen Übels. Die konservative -> Presse und -> UKIP kämpfen seit Jahren Hand in Hand gegen den Zuzug. Gemeinsamer Tenor: Ausländer nehmen Briten die Arbeitsplätze weg, leben von Sozialhilfe und gefährden die innere Sicherheit. Mehr als zwei Millionen EU-Bürger leben und arbeiten in Großbritannien; in etwa so viele Briten leben als Immigranten in der -> EU. Von den in Großbritannien lebenden Europäern sind 89 Prozent fest angestellt. Studenten im Übrigen nicht mal eingepreist, die unanständig hohe Studiengebühren zahlen und allein in London zirka drei Milliarden Pfund pro Jahr lassen.
  • J wie Johnson, Boris: -> Banane.
  • K wie Kosten: Großes Thema! Auf dem roten Wahlkampf-Bus von Johnson, Boris: -> Banane steht in großen Buchstaben "Wir schicken jede Woche 350 Millionen Euro an die EU." Das stimmt natürlich nicht, und neutrale Faktenhuber mahnen, er solle das endlich korrigieren. Tut er aber nicht. Die Wahrheit deshalb hier: Großbritannien ist nach Deutschland der zweitgrößte Netto-Einzahler in die EU. Die Kosten pro Kopf und Bürger entsprechen etwa 100 Pfund pro Jahr. Dass die Briten aus Brüssel selbstverständlich auch Geld bekommen und strukturschwache Regionen mit Milliarden subventioniert werden, geht unter.

Lesen Sie im zweiten Teil des Brexit-Alphabets: Wovor sich Schotten und  Staubsaugerhersteller fürchten

stern-Korrespondent Michael Streck ist durch gefahren und hat versucht, die Stimmung auf der Insel einzufangen:



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