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Cameron, der Brexit-Berti

David Cameron gilt den Engländern als EU-Fan, auf dem Festland hat er dagegen eher den Ruf eines nervenden Grantlers. Er kann es keinem Recht machen - und erinnert stern-Korrespondent Michael Streck deshalb an einen früheren Fußball-Bundestrainer.

Manchmal, aber wirklich nur manchmal habe ich etwas Mitleid mit David Cameron. Er versprach seinem Volk ein Referendum über die Europäische Union für den Fall seines Wahlsiegs und muss sich daran halten. Per se ist ja auch löblich, wenn sich Politiker an ihre Versprechen erinnern.

Selbst dann, wenn dieses Versprechen aus Populismus geboren wurde, um die noch populistischeren Populisten und Europafeinde von UKIP auszubremsen. Das ist dem Premier zwar einigermaßen gelungen. Er zahlt aber einen hohen Preis dafür, die Geister, die er rief...

Cameron kann es nämlich keinem Recht machen. Auf dem Kontinent gilt er als EU-Grantler, der seine Kollegen seit Jahren mit Reformwünschen nervt und triezt. Und auf der Insel gilt er als hoffnungsloser EU-Fan und Weichei, der sich in Brüssel über den Tisch ziehen lässt von blässlichen EU-Bürokraten.

Er ist beides nicht, weder Dauernörgler noch uneingeschränkter Fan. Er ist irgendwas dazwischen.

Vor Jahren hat der Fußballtrainer Berti Vogts mal einen Witzversuch unternommen, um sein Dilemma zu beschreiben. Vogts konnte es auch keinem Recht machen als Nationaltrainer. Sein Witz ging so: „Berti Vogts geht zu Fuß über den Rhein. Er setzt einen Fuß vor den anderen und geht und geht und geht und versinkt nicht. Am anderen Ufer entsteht ein kleiner Menschenauflauf. Die Leute staunen, die Menge wird immer größer. Dann erkennt jemand Vogts und sagt: Guck mal, Schwimmen kann er also auch nicht.“

Cameron geht es ähnlich. An einem Ufer stehen die Europäer, auf dem anderen die Briten. Beide sagen „Schwimmen kann er auch nicht.“

Er ist der Berti der Briten.

Zu Hause nörgeln alle, von links bis rechts. Es nörgelt seine eigene Partei und am lautstärksten der einstige Verteidigungsminister Liam Fox. Die angestrebte Reform sei das Papier nicht wert, auf dem sie geschrieben wurde. Bis zu sechs Minister aus Camerons Kabinett werden in den kommenden Monaten für den EU-Austritt trommeln. Das hatte der Chef, ganz Demokrat, den Kollegen sogar freigestellt. Und muss jetzt schon als Erfolg verkaufen, wenn seine europakritische Innenministerin Theresa May zarte Zustimmung signalisiert. An diesem Freitag ist eine große Brexit-Demo in Westminster geplant. Cameron kann dann notfalls aus seinem Büro zugucken, wie draußen die Leute gegen Europa und ihn auf die Straße gehen.

Mehr oder minder notgedrungen griffen seine Leute neulich auf eine Taktik zurück, die bis dahin fast ausnahmslos die Europa-Skeptiker einsetzten: Horror-Szenarien malen. Nach einem Brexit würden die Franzosen mutmaßlich die Flüchtlinge aus Calais und Umgebung über den Kanal schicken, der Süden Englands dann ein einziges Zeltlager. Dahinter stand die unausgesprochene Drohung: Wollt Ihr das etwa? Natürlich will das niemand in Großbritannien. Die Flüchtlinge sollen schön in Frankreich bleiben, am besten natürlich in Syrien oder im Irak. Aber wenn sie schon in Europa sind, dann lieber in Calais als in Dover. In Calais haben Flüchtlinge in ihrem Dschungelcamp einen Matschpfad nach Cameron benannt, die Cameron-Street. Sogar die Flüchtlinge machen sich schon lustig über Cameron.

Die Franzosen jedenfalls dementierten das umgehend, und die mehrheitlich EU-feindliche englische Presse feierte daraufhin ausgerechnet den alten Erzfeind Frankreich, das hierzulande noch deutlich mehr Erzfeind ist als der Erzfeind Deutschland. Frankreich loben und feiern war zuletzt vermutlich zu de Gaulles Zeiten, wenn überhaupt. Obendrein nennen die Blätter den Premier jetzt auch noch „Scaremonger“, Panikmacher.

Meinungsvielfalt? Eine Meinung wird vervielfältigt

Nun ist die britische Presse ziemlich speziell. Die vielen konservativen Blätter definieren Meinungsvielfalt etwas anders als kontinentale Druckerzeugnisse: Eine Meinung wird vervielfältigt. Sie geifern weitgehend geschlossen und derart inbrünstig gegen Europa, dass jüngst Geisteswissenschaftler dieser tiefen Abneigung auf den Grund gingen, in der „British Academy“ ein Symposium zum Thema „The UK Media and the EU“ abhielten und unter anderem die Mutter aller Fragen erörterten – „Ist das Königreich anders?“. Sie kamen zu dem wenig überraschenden Schluss: Ja, sind wir.

Vor allem sind sie erheblich schlechter informiert über Brüssel als die Brüder und Schwestern auf dem Festland. Professor Simon Hix von der „London School of Economics“ erzählte bei dieser Veranstaltung, dass vor der letzten Europawahl der Name von Jean-Claude Juncker handgezählte acht Mal in englischen Zeitungen auftauchte. In deutschen Zeitungen wurde er im selben Zeitraum 500 Mal erwähnt. „Wir Briten“, bilanzierte der Fachmann, „wissen erschreckend wenig von Europa und den Institutionen.“ Und falls Europa, dann eben als Monster oder Krake. Die europafeindlichste der europafeindlichen Zeitungen, die „Daily Mail“, sammelt regelmäßig abstruse und fiese Geschichten von der anderen Seite des Kanals, aus Frankreich, Deutschland, Belgien oder Griechenland. Und schreibt dann über dieses Chaos-Potpourri „Yet another Day on the Continent“.

So was dürfen die Engländer fast jeden Tag lesen.

Die EU-Gegner sind untereinander heillos zerstritten

Zuletzt wurde sogar Margaret Thatcher, selig, publizistisch exhumiert. Der konservative Lord Charles Powell hatte sich zu der These verstiegen, die eiserne Lady würde, lebte sie, für einen britischen Verbleib in der Union votieren. Danach ein Sturm. Thatcher? Never! Gern wird in diesen Tagen auf ihren legendären Auftritt vor dem Unterhaus rekurriert, als sie dem Euro und eigentlich ganz Europa ein schallendes „No, no, no!“ entgegenschleuderte. Das ist zwar mehr als ein Vierteljahrhundert her. An der grundlegenden Skepsis hat sich allerdings nicht so viel verändert.

Großbritannien und die EU – keine Liebesbeziehung

Wobei sich diese Skepsis noch einmal gabelt. Die EU-Gegner sind nämlich noch einmal zersplittert in mehrere Kampagnen: „Vote Leave“, „Leave.EU“ und „Grassroots Out“ (GO). Raus wollen sie alle. Aber alle irgendwie anders. Sehr zur Freude der Europa-Freunde von „Britain Stronger in Europe“, die die grotesken Scharmützel der Gegner zu einem lustigen Videoclip zusammenschnitten und obendrein die besseren Argumente haben. Ein Brexit, sagen die, hieße schrumpfender Finanzplatz London, schrumpfender Einfluss weltweit und sogar schrumpfendes Königreich. Falls dann nämlich die vergleichsweise kontinental gesinnten Schotten ein weiteres Unabhängigkeitsreferendum anstrebten, könnte aus Great wirklich Little Britain werden.

Bis dahin ist es noch ein bisschen. Erst mal muss Berti-Cameron am Donnerstag nach Brüssel zum Gipfel und dort sein Reförmchen durchpauken. Er wird das aller Wahrscheinlichkeit auch durchgepaukt kriegen, weil auch den kontinentalen Kollegen dämmert, dass ein Brexit längst keine leere Drohung mehr ist, sondern reales Szenario im Sommer. Cameron wird das für den heimischen Konsumenten als großen Sieg nach noch größerer Schlacht verkaufen müssen, „wie St. Georg gegen den EU-Drachen“, unkte der „Guardian“. Aber natürlich wird ihm die Nummer vom großen Sieg dort kaum jemand abnehmen. Dafür brauchte es schon ein Wunder. Es brauchte sogar ein richtig großes Wunder. Ein noch größeres Wunder jedenfalls als übers Wasser laufen können, „Schwimmen kann er auch nicht“.

England gewinnt im Elfmeterschießen, so was in der Art müsste es schon sein.

Das letzte große Elfmeterschießen daheim in Wembley verloren sie gegen Deutschland. Deren Trainer war damals im Übrigen: Berti Vogts.

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