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Deutsche können Autos, Briten können Fernsehen

Vielleicht werde ich für diese Kolumne bestraft wegen Anstiftung zu einer Straftat. Denn wer immer die Möglichkeit hat, die BBC-Serie „W1A” zu schauen, sollte das tun. So weit ich weiß, geht das in Deutschland nicht. Oder wenn, dann nur illegal. Egal. Machen.

Jeden Donnerstag läuft die Serie wieder in der BBC. Es ist die zweite Staffel und meines Erachtens das Beste, was das britische Fernsehen zu bieten hat. Das ist insofern schon nicht leicht, weil Fernsehen hierzulande verdammt viel und immens mehr zu bieten hat als das deutsche. Bei jedem Heimat-Besuch wird uns schmerzhaft klar, dass qualitativ Lichtjahre zwischen britischem und deutschem TV liegen. Dokumentationen, Comedy, Nachrichtenpräsentation, fast alles durchdachter, smarter und witziger. In einem Wort: besser. Im Wahlkampf war es eine Wonne, britischen Kollegen dabei zuzuschauen, wie sie Politiker grillten bis die komplett durch waren. Natürlich läuft auch hier Schrott, aber weniger. Und dann diese Perlen, immer wieder diese Perlen. „W1A“ ist nur eine von vielen Perlen. Die Briten haben es wirklich gut.

„W1A” steht für die Postleitzahl der BBC in London, und die Serie ist eine feinsinnige Komödie und Nachfolger einer gleichermaßen feinsinnigen Serie mit dem Titel „Twenty Twelve”. Beide werden vermutlich nie in Deutschland zu sehen sein, weil die deutschen Fernsehmacher die Unsitte haben, alles, wirklich alles zu synchronisieren. Niederländer und Skandinavier tun das nicht, und das erklärt auch, warum Niederländer und Skandinavier im Schnitt deutlich besser Englisch sprechen als Deutsche. „Twenty Twelve” und „W1A” sind unübersetzbar. Das ist ein Glück. Und deshalb Pech für deutsche Fernsehzuschauer.

Die Mockumentary „Twenty Twelve” erzählt die Geschichte des Olympischen Organisationskomitees vor den Spielen in London, „W1A” erzählt die Geschichte von Büros und Bürokratie bei der BBC.

Jeder kennt solche PR-Tussis aus dem Büro

Hauptperson in beiden ist der wunderbare Hugh Bonneville, dem deutschen Fernsehpublikum durch seine Rolle als Earl of Grantham in Downton Abbey bekannt, noch so eine Perle. Bonneville spielt Ian Fletcher, der in „Twenty Twelve” als fiktiver „Head of Deliverance“ im Organisationskomitee und einem jedem Büromenschen vertrauten Strudel aus sinnlosen Konferenzen, leerem Geschwätz, PR-Unfug und politischer Korrektheit versinkt. Assistiert wird er von der PR-Tussi Siobhan Sharpe (Jessica Hynes), die ständig „cool“ und „okay“ sagt und ihr grandios leeres Marketing-Geblubber derart glaubwürdig mimt, dass man fast annehmen könne, sie mache das wirklich hauptberuflich. Jeder kennt solche Typen, die mit ihrer Sprache den Schnee von gestern als das Speiseeis von morgen verkaufen. Alle kreisen um sich selbst und tänzeln dann noch mal im Kreis um das große Nichts. Danach geht man zufrieden nach Haus und murmelt „cool“ vor sich hin.

Nach Ausstrahlung der preisgekrönten Serie meldeten sich echte Mitglieder aus dem Olympia-Team und wollten wissen, ob die Filmcrew heimlich Mikrofone installiert hatte. Der serielle Wahnwitz kam dem echten Wahnwitz zum Verwechseln nahe.

So geht das bei „W1A” fließend weiter. Fletcher/Bonneville wird nach den Spielen bei der BBC zum „Head of Values“ bestellt. Und die irre PR-Frau von der Agentur „Perfect Curve“ begleitet ihn treu und doof zur neuen Adresse, „cool“. Auch dort: Konferenzen, Eitelkeiten, nur noch mehr Bürokratie. Gefilmt natürlich in der BBC. Das nennt man wohl lässig. Oder groß.

Einmal kommen Siobhan und Kollegen auf die Idee, das berühmte BBC-Logo zu modernisieren und auf App-tauglich zu trimmen. Sie spielen mit Dreiecken, jede Ecke steht für einen Buchstaben von BBC, „cool“. Sie drehen und wenden die solange, bis ein Davidstern dabei herauskommt. Das präsentieren sie als neu und natürlich cool, starren in erstaunte Gesichter, werden dann aufgeklärt, dass es den Davidstern schon irgendwie gibt, und Siobhan sagt „really?“ und klatscht hoch erfreut ihre Kollegen ab.

Manchmal holt die Realität dann sogar die Fiktion ein. In der ersten Folge der neuen Staffel soll der grenzdebile Praktikant Will zählen, wie oft der reale BBC-Moderator Jeremy Clarkson im Laufe der Jahre in seiner Autosendung „Top Gear“ das Wörtchen „tosser“, Wichser, gesagt hat. Das sagt Clarkson sehr gern. Und am Tag, als die zweite Staffel „W1A” real geschnitten wurde, wurde der reale Clarkson wegen rüden Umgangs ganz real von der BBC entlassen. Er hatte nicht nur „tosser“ gesagt, sondern einen Produzenten gehauen.

In der Serie pixeln sie dann Clarkson ganz einfach. Und aus dem Off erklärt mit famos lakonischer Stimme der schottische Schauspieler David Tennant wortreich, warum Clarkson jetzt gepixelt werden muss. Dialoge aus der ersten Staffel sind inzwischen geflügelte Worte im richtigen Leben der BBC. Und Jessica Hynes gewann im richtigen Leben einen Bafta, den wichtigsten britischen Fernsehpreis.

Das alles ist so wunderbar gekonnt, so spielerisch und vermutlich so unglaublich schwer. Man sitzt und staunt und schwärmt und sehnt sich nach 30 klugen, federleichten Minuten nach mehr, mehr, mehr. Und man sitzt dort und wünscht den Landsleuten zu Hause alles Gute, nämlich auch so was wie „W1A” .

Aussichtslos.

Italienisches Fernsehen ist noch schlechter. Ist das ein Trost?

Ganze Generationen von Medienjournalisten haben sich schon an der Mutter aller Fragen abgearbeitet, warum deutsches Fernsehen so ist wie deutsches Fernsehen eben ist. An Geld-Mangel jedenfalls kann es nicht liegen. In den Artikeln steht dann regelmäßig, dass es durchaus noch schlechter geht, vor allem in Italien. Was vermutlich stimmt, aber auch niemandem weiterhilft. Schlechtes italienisches Fernsehen macht deutsches auch nicht besser. In den Artikeln steht auch regelmäßig, dass in Deutschland den Sendern und den Intendanten „der Mut fehlt“ und es zu viel Bürokratie gibt. Das glaube ich nicht. Vielmehr glaube ich: Andere können es schlicht besser. Welcher Intendant würde sich allen Ernstes weigern, etwas Brillantes zu senden? Das wäre dann außerdem nicht feige, es wäre nur grenzenlos dumm. So grenzenlos dumm kann keiner sein. Nicht mal ein Intendant und nicht mal in einer fiktiven Fernsehserie. Und die Bürokratie als Hemmschuh? Mag sein. Aber auch nicht mehr als bei der BBC. Und was machen sie hier aus Bürokratie? Mit „W1A“ eine himmlische Persiflage darauf. Das ist der Unterschied.

Vielleicht müssen wir Deutschen einfach damit leben. Wir tun es ja seit 50 Jahren. Deutsche können gut Fußball spielen und schöne Autos bauen. Das ist doch was. Fernsehen machen andere eben besser. Selbst die Dänen. Die Briten sowieso. Wer sich davon überzeugen will, sollte ab sofort „W1A” gucken und sich straffällig machen. Ein bisschen Spaß muss sein. Es ist die Sache wert.

P.S.: Und hier als Zugabe die erste Folge der zweiten Staffel in voller Länge.

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