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Die Weltmeister der Gelassenheit

In ein paar Tagen ist wieder U-Bahn-Streik in London. Man sagt hier aber nicht Streik, sondern verklausuliert: „Industrial action“. Das hört sich fast nach Arbeit an und allemale harmloser als Streik, läuft in der Sache aber auf dasselbe hinaus: volle Busse, volle Straßen, Stau und Ärger.

Alle paar Monate ist das so in London. Meistens hat man allerdings auch an ganz normalen Tagen das Gefühl, es sei Streik. Vor allem früh morgens, wenn die Menschen zur Arbeit fahren und die Züge restlos überfüllt sind. Zuweilen wundert man sich als Zugereister, wie viele Menschen in einen schon restlos überfüllten Zug an der nächsten Station immer noch passen. Nach den Gesetzen der Physik geht das eigentlich gar nicht. In London schon. Schön ist das nicht.

Man steht also in der Bahn, kann sich nicht rühren, und starrt so vor sich hin, aber bitte keinesfalls andere Mit-Passagiere an. Das gilt in der Tube als tabu und igitt. Essen auch. Trinken auch. Niesen sowieso; niesen ist in etwa so deplatziert und unerwünscht wie zu Zeiten der Pest. Atmen geht, gerade noch so. Und falls man es irgendwie schafft und eine Zeitung mehrmals gefaltet in den Händen hält, bitte so lange mit dem Wenden warten, bis der Typ, der über die Schulter mitliest, auch fertig ist.

Die morgendliche Reise wird auch nach dem Verlassen der Bahn nicht zwangsläufig angenehmer, denn danach strömt der Mensch flaschenhalsmäßig durch lange Gänge, an deren Ende sich noch einmal lange Rolltreppen befinden. Exakt hier nun beginnt ein sehr britisches Prozedere: links gehen, rechts stehen. Das war immer so und gehört zu den vielen ungeschriebenen Regeln des hiesigen Lebens. Britische DNA, ganz tief drinnen. Man kann nichts dagegen tun, sich aber in etwa vorstellen, was los war in der Tube-Station Holborn, als dieses Grundgesetz des Alltags plötzlich außer Kraft gesetzt wurde und es hochoffiziell hieß: Alle stehen, nichts geht mehr.

Es war nämlich so, dass der Tube-Manager Len Lau aus dem Urlaub in Hongkong mit dieser Idee nach London zurückkehrte. Len Lau hatte in Asien festgestellt, dass die Menschen auf der Rolltreppe irgendwie zügiger von A nach B kamen, wenn sie einfach standen. Nebeneinander. In Zweierreihen.

Es ist, als müssten die Briten ganz plötzlich Europa lieben

Reisen bildet. Seine Erlebnisse erzählte der Urlauber jedenfalls der Verkehrsstrategin Celia Harrison, und deren Kollegen errechneten tatsächlich, dass man bis zu 31 Personen mehr pro Minute aus dem U-Bahn-Schlund an die Oberfläche befördern könne, falls die Leute nur stünden. Es käme auf einen Versuch an. Nun sind die Londoner an Stehen und Gehen gewöhnt. Und also ließen sich die U-Bahnleute für ihr Experiment allerhand einfallen. Sie ermunterten die Passanten mit erst Lautsprechern, und als das nicht so richtig funktionierte, ließen sie Pärchen nebeneinander stehen und Händchen halten. Solche Dinge unternahmen sie, um die Eiligen links auszubremsen, und siehe: Die Rolltreppe schaffte wirklich vier Tausend Leute mehr pro Stunde, und weil London wächst und wächst und bis zum Jahre 2050 das Passagier-Aufkommen um noch mal 60 Prozent steigen soll, erwägen sie jetzt sogar, den Versuch auf andere Stationen zu erweitern.

Vor der Treppe trennt sich die Spreu vom Weizen. Die Eiligen gehen, die anderen stehen

Das ist so, als würde man den Engländern verordnen, plötzlich Elfmeterschießen zu gewinnen oder Europa zu mögen, also lauter widernatürliche Dinge. Kaum machten die Leute mit den Lautsprechern oder die händchenhaltenden Rolltreppen-Pärchen mal Pause, verfielen sie selbstredend wieder in den alten Trott, gelernt ist gelernt. In den Foren und auf Twitter schimpften die Passanten über diesen neumodischen Unfug und die dummen Ideen aus dem Ausland, „bloody foreigners“.

Für einen Moment war es vorbei mit jener vorbildlichen britischen Gelassenheit, zu der beispielsweise auch gehört, Probleme auf sehr britische Art anzugehen. Probleme nämlich, die es außerhalb von Großbritannien gar nicht gibt, weil es eigentlich keine Probleme sind, very british problems eben. Links gehen, rechts stehen ist ja streng genommen auch kein richtiges Problem. Eine ganze Fernsehserie auf Channel 4 beschäftigte sich schon mit diesem Phänomen. Prominente erzählen darin von ihren britischen Momenten und selbst geschaffenen Problemchen. Es fehlte lediglich Premier Cameron, der seinen Bürgern im Fall des Wahlsieges ein EU-Referendum versprach und nun vor der Bredouille steht, dass sie womöglich aus Europa türmen. So war das eigentlich nicht gemeint. Andere erläutern in der Serie immerhin hilfreich, dass sie sehr genau wissen, wann es höchste Zeit wird, sich von einem Fest zu absentieren und kränkelnde Kinder daheim als Grund vorzuschieben. Immer dann nämlich, wenn der Gastgeber die Gitarre rausholt. Auf Twitter posten unter dem Hashtag #soverybritish fast 1,3 Millionen Menschen. Sie erörtern bündig, was sie von anderen unterscheidet und warum sie sich vor lauter freundlicher Zurückhaltung unentwegt selbst im Weg stehen. Wo, außer auf der Insel, beschwert man sich nie im Restaurant, selbst wenn der 60-Pfund-Wein verkorkt, der Fisch versalzen und der Service erschütternd ist?

Wo, außer in Britannien, wäre ein solcher Dialog sonst noch möglich?

„Sorry?“

„Sorry?“

„Ich dachte, Sie hätten was gesagt.“

„Nicht, dass ich wüsste.“

„Oh, Sorry!“

„Sorry. Tut mir wirklich leid, dass ich nichts gesagt habe.“

„Keine Ursache. Sorry“

Und wo sonst bleiben die Menschen im Zug lieber stehen, als andere, die auf ihren reservierten Plätzen sitzen, schnöde davon zu scheuchen. Alles erlebt. Als Zugezogener ertappt man sich dabei, diese unausgesprochenen Regeln auch zu befolgen, neulich erst im Zug von Birmingham nach Euston, 80 Minuten Stehplatz wie früher im Stadion. Auf meinem Platz saß unterdessen ein junger Mann und las eine Zeitung. Ich wollte ihn nicht stören. Es ist schön, wenn junge Menschen heute noch Zeitung lesen.

Das Krokodil, der Arm der alten Dame und britische DNA

Der englische Schriftsteller Arnold Bennett schrieb den großen Satz: „Benimm dich immer so, als sei nichts passiert. Egal, was passiert ist.“ Deshalb sind die Briten die Weltmeister der Gelassenheit, manchmal notgedrungen, aber immerhin: Gelassenheit. Eine ziemlich bekömmliche Lebenseinstellung im Übrigen, die durchaus als Export taugt und von der Insel durch mendelte bis ans andere Ende der Welt zu den Cousins nach Australien. Eben dort, im Westen des Kontinents, saß vergangene Woche eine Rentnerin an einem Fluss, aus dem ein zufällig anwesendes Krokodil auftauchte und den halben Arm der alten Dame verzehrte. Die stand auf, schleppte sich zur Straße, ein Wagen hielt, und der Fahrer bot selbstverständlich Hilfe an. Die Dame lehnte freundlich ab mit Hinweis, sie wolle die Polster in seinem schönen Auto nicht verschmieren. Das hat Stil und Klasse, das ist britische DNA.

Nur „links gehen, rechts stehen“ müssen sie noch lernen. In Down Under machen sie's genau andersrum.

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