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Drohnen und Selfie-Sticks – die Ego-Spielzeuge

Ich bin nicht besonders fotogen. Auf Fotos sehe ich oft so aus, als käme ich frisch aus dem Krankenhaus. Vermutlich erklärt das meine offenbar schon frühkindliche Abneigung dagegen, fotografiert zu werden. Und ganz bestimmt erklärt das, warum ich im Leben nicht auf die Idee käme, ein Selfie von mir zu machen.

Offenbar bin ich mit dieser Abneigung relativ allein auf der Welt. Auf Facebook posten Leute permanent belanglose und nicht mal besonders schöne Fotos von sich. Ich hier, ich dort, ich hier und dort. Warum sie das machen und wen das interessiert, verstehe ich nicht. Aber vermutlich bin ich mit dieser Meinung auch relativ allein auf der Welt.

Selfie war in Großbritannien das Wort des Jahres 2013. Eigentlich müsste es auch das Wort des Jahres 2014 sein, denn das Selfie ging erst im vergangenen Jahr so richtig viral, wie man ja neuerdings sagt. Die am schnellsten wachsende Social App war „Snapchat“, der Foto-Message-Dienst, der um stattliche 56 Prozent anschwoll, weil die Menschen sich gern fotografieren und anderen Menschen möglichst schnell zeigen wollen, wie sie sich gerade fotografiert haben. In den Vereinigten Staaten profitierten von den digitalen Selbstbildnern vor allem die Schönheitschirurgen, deren Kunden ihr Gesicht ähnlich wie ich zunehmend für Selfie-untauglich halten und sich deshalb Selfie-tauglich operieren lassen. Das Gewerbe verzeichnete einen Umsatzsprung von mehr als zehn Prozent. Karen Danczuk, Frau des englischen Labour-Abgeordneten Simon Danczuk, hat aus Selfies sogar ein Geschäftsmodell entwickelt. Sie fotografiert ihre nicht mal operativ erweiterten Brüste, sprüht noch etwas Chanel aufs Foto und veräußert das Büsten-Bild auf eBay für zehn Pfund.

Das Selfie ist also allgegenwärtig und erfuhr 2014 eine Verlängerung – den Selfie-Stick. Den Stock fürs Handy, Egomanie am Stiel. In Großbritannien gab es zwei große Geschenk-Hits zu Weihnachten: Drohnen und Selfie-Sticks. Beide haben irgendwie mit Fotografie zu tun. Die Menschen lassen Drohnen steigen, applizieren eine Kamera daran, die davon ein Foto macht, wie sie von ganz weit unten auf die Drohne starren.Und posten das als eine Art Air-Selfie. Hm.

Papparazzi benutzen natürlich auch gerne Drohnen und lassen sie über die Anwesen von Prominenten fliegen, die das offenbar aber ahnen, denn auf den Bildern ist meist ganz viel Rasen von oben und manchmal auch ein bisschen Swimming-Pool, aber so gut wie nie ein Prominenter.

Stöckchen in die Luft, dahinter eine Traube von Japanern

Der Selfie-Stick ist dagegen einigermaßen bodenständig. Bei einem Besuch des „British Museum“ konnte ich mich neulich davon überzeugen, dass sich der Stock insbesondere bei Asiaten und noch mal insbesondere bei Japanern größter Beliebtheit erfreut und auf dem besten Weg ist, den profanen Regenschirm als Gruppenorientierungsmonstranz abzulösen. Überall im schönen Museum Menschen mit Stöcken, an deren Ende eine Kamera oder ein Smartphone hing, und hinter dem Stöckchen eine Traube Asiaten.

Da ich, wie bereits erwähnt, kein übermäßiger Freund von Selfies bin, kann ich auch mit Selfie-Sticks eher wenig anfangen. Im Grunde machen Selfies und Selfie-Sticks die Fotografie kaputt und obendrein auch die zwischenmenschliche Kommunikation, weil künftig niemand mehr die schön altmodische Frage „Könnten Sie vielleicht ein Foto von uns machen?“ stellen muss und die Leute statt dessen mit hässlichen Stöcken durch die Gegend laufen und weitgehend überflüssige Fotos von sich machen, auf denen die hässlichen Stöcke dann auch noch zu sehen sind.

Neben Drohne, Selfie und Selfie-Stick war 2014 auch das Jahr des „Belfie“, des „bottom selfie“, also des selbst fotografierten Hinterteils. Zu einiger Berühmtheit in der Disziplin der „Belfies“ brachte es Kim Kardashian, die ja vor allem deshalb berühmt ist, weil sie über einen sehr üppigen Hintern verfügt und dieser Binnenlogik folgend auf gleich zwei Ideen kam: Einen Selfie-Band mit dem passenden Titel „Selfish“, selbstsüchtig. Obendrein wollte sie mit ihrem Gesäß auch noch das Internet brechen, „break the internet“. Und zwar nicht, wie man annehmen könnte, in dem sie sich einfach drauf setzt. Sondern mit Mitteln der Kunst. Man könnte fast sagen, dass sie dem Begriff der analogen Fotografie eine ganze neue Bedeutung gab.

Das groß angekündigte Fotoshooting für das Magazin „Paper“ erfüllte nun streng genommen nicht die klassische Definition von „Belfie“, weil die Fotos von Kardashians Rückfront der bekannte französische Lichtbildner Jean-Paul Goude aufnahm.

Das lässt immerhin Luft nach oben. Vorschlag für 2015: der Belfie-Stick. Für alle, deren Fotos für den Arsch sind.

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