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Ein Prost auf die Gleichberechtigung der Leber

Eigentlich trinken die Briten gar nicht so viel – im Vergleich zu anderen Ländern jedenfalls. Sie liegen nur häufiger im Rinnstein und werden dabei fotografiert. Michael Streck erklärt, warum.

Am Neujahrsmorgen griffen viele Briten trunken oder wenigstens schlaftrunken zur „Daily Mail“, das fürs ungesunde Volksempfinden zuständige Boulevardblatt. Und während die Leser noch das taten, was Engländer unnachahmlich schön als „nursing their hangover“ bezeichnen, also ihren Kater pflegten, grüßte die „Mail“ zum Jahresbeginn miesepetrig und schadenfroh auf dem Titel mit einer Hiobsbotschaft: „Don’t Drink On 2 Days A Week“, „trinkt nicht an zwei Tagen in der Woche“.

Nun ist die Mail ein notorisches Meckerblatt. Sie meckert gegen alles – das Wetter (oft), gegen die EU (viel), Immigranten (immer), Gott und die Welt (täglich). Wäre die „Daily Mail“ ein Arsch, und rein publizistisch erinnert sie sehr daran, aus ihr käme nie ein fröhlicher Furz. Das war Luther, und Luther war ein eher fröhlicher Zeitgenosse und dem Alkohol durchaus zugeneigt.

Die letzte Bastion der Männer ist jetzt auch gefallen

Zur Verteidigung der Zeitung könnte man anführen, dass sie an diesem Morgen lediglich das vorwegnahm, was die Nation seit Freitag morgen bewegt – neue Empfehlungen für den Alkoholkonsum. Grob runtergedampft: Nicht mehr als sieben Bier pro Woche für den Herrn, und damit genau so viel oder wenig wie für die Damen, nämlich 14 Units purer Alkohol, 10 Milliliter sind ein Unit. 21 Jahre lang hatte sich der Staat aus dem Zechverhalten seiner Bürger ferngehalten. Nun war es offenbar Zeit, und natürlich sorgten die frischen Empfehlungen für Wirbel, Aufsehen, Verwunderung und Ärger. Die Alkohol-Lobby mokierte sich über die plötzliche Gleichstellung der männlichen und weiblichen Leber, denn das sei international nicht üblich. Die Leber, offenbar letzte Männerbastion, ist damit auch gefallen.

Der „Guardian“ wunderte sich, warum die Franzosen solche Regularien nicht haben und die benachbarten irischen Männer weiterhin mehr saufen dürfen. Der „Daily Telegraph“ klagte stellvertretend über einen „Nanny-State“, einen Kindermädchen-Staat. Alle Blätter, von links bis rechts, koalierten zu einer einzigen Leber-Party und zitieren einen Professor namens David Spiegelhalter aus Cambridge, der eine Stunde Fernsehen pro Tag oder den Verzehr von Schinkenbroten für mindestens ebenso gefährlich hält und liebenswert schlussfolgerte, „dass alles darauf ankommt, welches Vergnügen der Mensch aus moderatem Trinken zieht“.

Na also und mit anderen Worten: Empfehlung hin und Empfehlung her, mit dem „alcohol-guide“ verhält es sich in etwa so wie mit der Richtgeschwindigkeit auf deutschen Autobahnen.

Der Ratgeber für bewusstes Trinken koinzidierte mit dem „Dry January“, dem trockenen Januar, den eine gleichnamige Organisation seit ein paar Jahren ausruft. Zwei Millionen Briten blieben im vergangenen Jahr immerhin 31 Tage abstinent. Das ist eine reife Leistung, denn die allgemeine und globale Wahrnehmung ist ja – fälschlicherweise -, dass Bier und Britannien siamesisch verwandt sind. Obschon die Inselbewohner in der internationalen Schluckertabelle im Mittelfeld liegen, noch hinter Franzosen und Deutschen und weit abgeschlagen hinter Weißrussen und Russen. Briten verköstigen pro Kopf und Jahr 11,6 Liter reinen Stoff und wirken vor allem im Vergleich mit Osteuropäern, um die 17 Liter, wie Puritaner vom Blauen Kreuz.

Kontinentale Besucher staunen über das Trinkverhalten

Dieses Zerrbild könnte ursächlich mit dem etwas offensiveren Trinkgebahren hierzulande zusammenhängen. Am Neujahrstag rauschte ein Foto weltweit durchs Netz, welches in der wunderbaren Stadt Manchester im englischen Norden entstand und Menschen, attraktive und weniger attraktive, nach erheblichem Alkoholkonsum zeigt, wie sie seitlich auf der Straße liegen oder rücklings mit besorgten Ordnungshütern kommunizieren. Die Komposition des Straßengelages erinnerte Kunstexperten sogar an ein Renaissance-Gemälde. So weit, so schön.

Manchester, muss man wissen, ist eine Party-Stadt mit vielen Tausend Studenten. Kontinentale Besucher der örtlichen Studentenheime, also Eltern, staunen zuweilen darüber, mit welcher sportlichen Leidenschaft der akademische Nachwuchs zum Glas greift und die Leistungen tabellarisch in „Chunder-Charts“, etwa: Kotz-Tabellen, festhält. Männlein und Weiblein im Übrigen auch da gleichauf.

Früh übt sich. Soeben erst sprachen sich Direktoren führender Privatschulen dafür aus, etwas älteren Jugendlichen Bier auf dem Gelände zu gestatten. Sie würden, das wissen die Erzieher natürlich, andernfalls schlicht den nächsten Pub entern und schlimmstenfalls so enden wie die Leute auf dem Foto in Manchester.

Britannien und der Alkohol, das ist eine Geschichte von Mythen und Legenden. Von Winston Churchill stammt zwar der Satz, der einzige vernünftige Rausch des Menschen sei die Konversation. Es ist aber nicht weiter überliefert, ob ihm dieses Bonmot unter Zuhilfenahme von Wein, Schampus oder Whisky gelang, die er selbst zu Kriegszeiten in seinem Bunker unter Whitehall gern schon zum Frühstück einnahm.

Winston Churchill und seine alkoholischen Weisheiten

Churchill hätte den Ratgeber seiner Nachfolger gewiss ignoriert. Nach dieser Tabelle wäre er wenigstens Alkoholiker gewesen und hätte seine 90 Lebensjahre eigentlich nie erreichen dürfen. Hat er aber und der Welt unvergleichlich schöne Zitate hinterlassen. Eines der berühmtesten sogar im Brausekopf und im Dialog mit der Labour-Abgeordneten Bessie Braddock. „Winston“, sprach die, „Sie sind betrunken und sogar furchtbar betrunken.“ Was er, wie es heißt, angesichts erdrückend taumelnder Beweislage keineswegs abstritt, sondern im Gegenteil knarzte: „Meine Liebe, und Sie sind hässlich und sogar furchtbar hässlich. Aber morgen bin ich wieder nüchtern und Sie sind immer noch hässlich.“

Unvorstellbar heute. Heute sind Frauen in der Politik mächtig wie Kerle und, rule Britannia, ihre Lebern neuerdings sogar gleichberechtigt. Wenn das kein Grund zum Feiern ist.

Cheers!

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