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Einmal Bienenstich, bitte. In den Penis…

Cambridge ist die Hauptstadt der potenziellen Fremdgänger - das zeigt eine statistische Auswertung der "Ashley Madison"-Daten. Echt? Ist die Stadt nicht mehr bekannt für ihre Akademiker? Stimmt. Doch auch die leisten sich einmal im Jahr Seitensprünge - wissenschaftlicher Natur, versteht sich.

Neulich hatte die Seite der Seitensprung-Agentur „Ashley Madison“ einen Sprung. Die Daten von mehr als 33 Millionen Nutzern wurden geklaut und schwirren nunmehr irgendwo auf der dunklen Seite des Netzes herum. Das ist nicht schön für die Kunden, denn die Geschäftsidee eines Dienstleisters mit dem Slogan „Life is short – have an affair“ dürfte grundsätzlich Diskretion sein.

Schön ist es aber für Menschen mit einem Fetisch für Statistiken. Kaum waren die Daten im Dark Web unterwegs, setzten sich junge Mathematiker eines Think Tanks daran und werteten sie aus. Das Ergebnis überrascht ein wenig: Die britische Hauptstadt der potentiellen Fremdgänger ist demnach Cambridge. Man hätte alles Mögliche erwartet – London, Glasgow, Manchester oder Liverpool. Aber Cambridge? Von den 123 900 Einwohnern waren oder sind immerhin 5094 Mitglied bei den Steilgängern und damit mehr als in Reading und Norwich auf den Plätzen zwei und drei.

Mit Cambridge verbindet man Ethik und Forschung und meinetwegen auch Sexualkunde, aber so was? Es könnte aber auch ein streng wissenschaftliches Projekt sein. Vermutlich ist das so. Seit 25 Jahren wird in einem Ort namens Cambridge nämlich auch der Nobelpreis für Forschung verliehen, der Leute erst zum Lachen und dann zum Nachdenken bringen soll, der „Ig Nobel Prize for Improbable Research“, der Preis für unwahrscheinliche Forschung, ausgelobt von einem wissenschaftlichen Satiremagazin. Allerdings: Cambridge bei Boston, Neuengland. Harvard, die berühmte Uni. Der Humor indes ist überaus britisch, Old England. In Cambridge schließt sich der Kreis zwischen alter und neuer Welt.

Zeugte der blutrünstige Sultan wirklich 888 Kinder?

Es ist eine insgesamt sehr verdienstvolle und offenbar auch freudvolle Veranstaltung, jedes Jahr. Das Publikum sitzt im Sanders-Theater der Harvard Universität, man schmeißt kleine Papierflieger auf die Bühne, und die Reden sind erfrischend kurz. Sie bestehen aus drei Worten. „Welcome“ am Anfang. Und „Good Bye“ am Ende. Die Gewinner dürfen auch reden, aber wenn sie zu lange quatschen, kommt ein kleines Mädchen auf die Bühne und sagt „I’m bored“, „mir ist langweilig“, und dann ist Schluss. Das Preisgeld besteht aus einer Topfpflanze und immerhin zehn Billionen Dollar. Simbabwe Dollar, Wert: null. Bei der Preisverleihung 2007 schluckte der Amerikaner Dan Meyer ein Schwert, um coram publico die Risiken und Nebenwirkungen von Schwertschlucken zu demonstrieren. Er blieb heil. Das Schwert auch. Großer Applaus.

Man kann froh sein, dass in diesem Jahr die beiden jungen Insektenforscher Justin Schmidt und Michael L. Smith bei der Zeremonie nicht vorführten, wie sie ihren „sting-pain-index“ erstellten; indem sich nämlich Smith von Insekten in 25 verschiedene Körperteile stechen ließ, fünf Stiche pro Tag, und sie hernach eine Schmerztabelle erstellten. Die empfindlichsten Stellen sind demnach Nasenflügel, Oberlippe und Penisschaft, zumindest bei Männern. Wie er auf die Idee kam, ausgerechnet Bienen im Yellow-Press-Bereich zu applizieren, ging aus der Begründung nicht hervor. Wahrscheinlich war das kleine Mädchen schon gelangweilt.

Ein weiterer Preis involvierte ebenfalls die Geschlechtsorgane – allerdings in anderem Aggregatzustand: Im Bereich Mathematik gewannen zwei Wissenschaftler aus Deutschland und Österreich, die mit purer Logik nachweisen wollten, ob Moulai Ismail der Blutrünstige, einst Sultan von Marokko, während seiner Amtszeit von 1697 bis 1727 tatsächlich 888 Kinder zeugen konnte. Theoretisch, befanden die beiden, sei das sehr wohl möglich, der Sultan hätte für diesen Akt aber jeden Tag wenigstens ein bis zweimal Sex haben müssen – und zwar sein Leben lang. Das schafft nicht mal Beckenbauer.

Solche Dinge werden Jahr für Jahr in Cambridge, Neuengland, prämiert, und im Laufe der Zeit wurden viele Rätsel der Menschheit gelöst. Zum Beispiel, was im Gehirn von Menschen los ist, die Jesus auf einer Scheibe Toastbrot erkennen, ein Phänomen des Namens „Pareidolie“. Oder dass Mäuse, die bei Herztransplantationen Opern hören, großartige Chancen auf Genesung haben, wohingegen Patienten mit akuter Blinddarmentzündung auf dem Weg ins Krankenhaus Straßenschwellen meiden sollten. Im englischen Stoke gibt es offenbar recht viele davon, und die Ärzte im örtlichen Krankenhaus können mittlerweile akuten Blinddarm von vergleichsweise lapidarer Reizung am Gesichtsausdruck der frisch Eingelieferten unterscheiden, wenn sie die Rüttelpiste hinter sich haben. Schmerzverzerrt: OP. Eher nicht: ab nach Hause.

Wenn die Wissenschaft vom Sockel geholt wird

Selbstredend, denn es ist ja ein wichtiger Award, wird auch ein alternativer Friedensnobelpreis vergeben. Einmal gewann ihn der weißrussische Präsidenten-Diktator Alexander Lukaschenko für sein landesweites Verbot, in der Öffentlichkeit zu klatschen. Er musste sich die Auszeichnung aber teilen mit seiner Staatspolizei, die einen Einarmigen wegen öffentlichen Klatschens festgenommen hatte. Ein andern mal ging er an Schweizer Studenten, die der friedenstiftenden Frage nachgingen, ob es besser ist eine volle Bierflasche über den Schädel zu bekommen oder eine leere. Sie kamen zu dem Schluss, dass beides nicht sonderlich schön und beides auch nicht sonderlich gesund ist. Es handelte sich bei den Pullen aber nicht um jenes australische Flaschenbier, dass der tropische Prachtkäfer regelmäßig mit einer Gespielin verwechselt und dann irrtümlich besteigt, „Beetles on a Bottle“, Biologiepreis 2011.

Glühbirnen und eine Brillensammlung in der Darmflora

Und natürlich: Literatur. Darf nicht fehlen. Den vielleicht schönsten Preis erhielt vor Jahren der Rechnungshof der US-Regierung in Washington, der „einen Report über Reports über Reports mit der Empfehlung der Vorbereitung eines Reports über den Report von Reports über Reports“ erstellte. Klarer Sieger. Ähnlich unangefochten wie Jahre zuvor die Psychologin Mara Sidoli, gleichfalls Washington, für ihr allerdings wirklich erhellendes Werk mit dem Titel „Farting as a Defense Against Unspeakable Dread“, „Furzen als Verteidigung gegen unaussprechlichen Horror“, der aber – obschon zugegeben artverwandt – nichts zu tun hatte mit zwei Preisträgern aus Wisconsin, die 1993 akribisch rekurrierten, was Ärzte an rektal eingeführten Gegenständen in amerikanischer Darmflora entdeckten, darunter sieben Glühbirnen, zwei Taschenlampen und die komplette Brillensammlung eines männlichen Patienten.

Worauf man den Kopf schüttelt und womöglich sogar ein ungläubiges „hä? ausstößt und damit in guter Gesellschaft von ungefähr sieben Milliarden anderer ist. Denn der diesjährige Literaturpreis geht an drei Niederländer, die bewiesen, dass „huh?“ – auf deutsch „hä?“ – in jeder Sprache der Welt vorkommt. Mongolisch, dänisch, kreolisch, serbo-kroatisch, Hindi – überall „hä?“. Eine Erklärung hatten sie nicht dafür.

Vielleicht liegt es daran, dass die Welt eben doch ein Dorf ist. Wie Cambridge bei Boston. Und vielleicht wird nächstes Jahr dann auch geklärt, warum so viele Fremdvögler in good old Cambridge auf der anderen Seite des großen Wassers unterwegs sind. Das Motto der Spaßforscher würde ja passen – erst lachen, dann nachdenken.

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