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José Mourinho – Es war einmal ein Special One

Der FC Chelsea hat sich vom polarisierenden Coach José Mourinho getrennt. In München soll der Trainerposten bald frei werden. Wäre das nicht was?

Es gibt nicht viele Menschen auf diesem Planeten, die ähnlich polarisieren wie José Mourinho. Donald Trump ist sicherlich noch so einer. Aber Trump ist a) dümmer und b) gefährlicher als der Portugiese. Denn Mourinho ist – obschon der Anschein täuschen mag – am Ende doch nur ein Fußball-Trainer. Im aktuellen Fall allerdings präziser: war Fußballtrainer. Gestern wurde er vom FC Chelsea entlassen. Im Englischen heißt das: sacked. Das klingt rüde. Und es ist auch rüde. Sacked hört sich an wie ein Tritt dorthin, wo es Trainern und Spielern am meisten weh tut. Im aktuellen Fall allerdings: ein Tritt mit viel Anlauf. Die Entlassung des selbsternannten „Special One“ hatte sich monatelang abgezeichnet. Chelsea, englischer Meister, begann in dieser Saison verdammt schlecht, um dann zügig abzubauen. Mourinho zerstritt sich gleich am ersten Spieltag beim Spiel gegen Swansea mit der Mannschaftsärztin Eva Carneiro, die kurz vor Schluss das Spielfeld enterte, um dort ihrem Beruf nachzugehen und einen Verletzten zu behandeln. Sie hatte allerdings den Chef nicht um Erlaubnis gefragt, der zürnte und sie aus dem Amt warf. Die Dame, Portugiesin im Übrigen, klagt gerade gegen ihren Landsmann.

So ging das weiter. Chelsea kam, sah und verlor. Mal war der Platz schuld, mal der Gegner, mal die Balljungen, oft die Schiedsrichter, gelegentlich die eigenen Spieler. Nie Mourinho. 16 Spiele, 9 Niederlagen. Auf der Tribüne saß zunehmend griesgrämig der russische Oligarch Roman Abramowitsch, der Mourinho schon einmal vor die Tür gesetzt hatte. 2007 war das. Vor zwei Jahren stellte der Russe dann aber fest, dass es doch keinen Besseren gibt und holte ihn von Real Madrid zurück nach London. „Special One“, Teil zwei, The Force awakens. Sie wurden Meister vergangenes Jahr. Und das ist vielleicht Teil des Problems: Die Mannschaft war gut, aber eben nicht sehr gut und weit entfernt von europäischer Spitze. Der Meistertitel täuschte über viel Mittelmaß hinweg.

Klopp siegte und tröstete anschließend den Kollegen

Neulich sah ich mir ein Spiel im Stadion an, Stamford Bridge. Ein kleines, feines Stadion. Mit Betonung auf fein. Im VIP-Bereich servieren sie in der Halbzeit Filet Mignon. Chelsea spielte gegen Liverpool. Man kann auch sagen: Mourinho spielte gegen Klopp. Special One gegen Normal One. Der Normal One gewann 3:1. Es war eine insgesamt mediokre Darbietung, die Fans sangen trotz der Niederlage Mourinhos Namen. Nach dem Spiel tröstete Klopp den Kollegen. Er wisse ziemlich genau, was der gerade durchmache. Klopp hatte das mit Dortmund in der Saison davor erlebt. Aber Dortmund ist eben nicht Chelsea, glücklicherweise. Mourinho rief unterdessen seinen Trainerstab zusammen, und gemeinsam schlenderten sie eine geschlagene Stunde über den Platz und beratschlagten, und die Zeitungen unkten, dass es nun vorbei sei mit Mourinho und Chelsea. War es aber nicht. Es folgten weitere Spiele, weitere Niederlagen, weitere Ausflüchte. Vorbei war es erst nach dem 1:2 in Leicester am Montag. Mourinho sprach davon, dass er sich von den Spielern verraten fühlte. Vor allem aber stellte er sich über sein Personal und orakelte, der Erfolg der Meistersaison sei womöglich auf seine phänomenale Arbeit zurückzuführen und eher weniger auf die Leistung der Spieler.

In diesem Moment, exakt in diesem Moment hatte er seine Aura verwirkt. Am Donnerstag gegen zwei und unmittelbar nach einem Weihnachtsmittagessen mit der der Mannschaft (es gab Truthahn) zitierten ihn die Klub-Oberen zu sich, und seine zweite Amtszeit war beendet. Gegen drei sammelte er seine Sache zusammen, verabschiedete sich, klemmte eine überlebensgroße Mourinho-Pappfigur unter den Arm, setzte er sich ins Auto, zog sich die Kapuze ins Gesicht und fuhr heim. „Wenn Roman irgendwann zu mir sagen sollte, 'José, es reicht', werde ich mich in mein Haus setzen und auf einen Anruf eines anderen englischen Vereins warten.“ Das sagte er bereits im Frühjahr. Nun sagte Abramowitsch tatsächlich: Es reicht.

Ein Analphabet liest ihm die Leviten. So weit ist es gekommen

Jetzt sitzt er also zuhause und wartet. Aber Mourinho, Champions League-Sieger mit dem FC Porto und Inter Mailand, hat gewiss kein Mitleid verdient, die Abfindung mit wenigstens zehn Millionen Pfund ziemlich opulent. Er bleibt außerdem – statistisch betrachtet – einer der erfolgreichsten und besten Trainer der Welt; acht Meisterschaften in vier Ländern, Pokalsiege national und international. „Titelmaschine“ nannte ihn der „Guardian“ zum Abschied. Es gab viele warme Worte. Es gab auch ein bisschen Hohn und Spott, okay. Und es gab auch Schelte von Kollegen.

Harry Redknapp ist so ein früherer Kollege. Er trainierte einst die Londoner Traditionsvereine Tottenham Hotspur und West Ham United und galt sogar mal als Kandidat für den Posten des englischen Nationaltrainers. Inzwischen schreibt Redknapp intellektuell sehr überschaubare Kolumnen für den „Evening Standard“ und den „Daily Telegraph“ und pestete bereits am Tag der Entlassung über Mourinho. Der dürfe sich nicht wundern und nicht beklagen und überhaupt sei an Mourinho so richtig viel nicht mehr special. Redknapps Kolumnisten-Tätigkeit, muss man wissen, ist schon insofern etwas erstaunlich, weil der Ruheständler vor drei Jahren sehr glaubhaft und sogar vor Gericht versicherte, dass er nicht buchstabieren könne und maximal wie ein Zweijähriger schreibe. Ein Analphabet liest Mourinho jetzt die Leviten. So weit ist es schon.

München und Mourinho. Das wäre doch eine Kombination

Ich werde ihn irgendwie vermissen. Niemand grantelte nach Niederlagen so herzzerreißend Absurdes und Abstruses wie Mourinho. No one! Jetzt soll ein Niederländer bei Chelsea ran. Er heißt Guus Hiddink und kommt immer dann, wenn irgendwo was zu retten ist. Das scheint eine niederländische Spezialität zu sein wie Deiche bauen. In Deutschland beschäftigen die Profivereine in ähnlich problematischen Situationen auch einen Holländer, Huub Stevens. Sie kommen, retten und gehen wieder. Bis zum nächsten Deichbruch.

Mourinho macht wahrscheinlich jetzt Urlaub mit Frau und Kindern. Geld genug hat er. Vielleicht nimmt er auch eine Auszeit wie damals sein Erzfeind Pep Guardiola. Oder er wird Trainer von Bayern München, wenn eben doch kein englischer Verein anruft. Man weiß es nicht. Die Bayern suchen dem Vernehmen nach ja demnächst wieder eine sehr spezielle Fachkraft. „Special One“ und „Mia san mia“, das wäre mal eine possierliche Paarung.

Ich würde es beiden gönnen, München und Mourinho.

Von ganzem Herzen.

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