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Warum englisches Fernsehen ein Genuss ist. Und deutsches nicht

Ich bekomme oft Einladungen für Veranstaltungen von Dingen, die in Großbritannien produziert werden. Manchmal von Autofirmen. Und oft von Banken, denn in London sind die meisten ja vor allem damit beschäftigt, Geld herzustellen. Weder von Autos noch von Geld verstehe ich viel. Wir besitzen nicht mal ein Auto, viel Geld haben wir auch nicht.

Außer Geld und Autos fällt mir allerdings auch nicht so wahnsinnig viel ein, was hierzulande hergestellt wird und für die ganze Welt von Nutzen ist. Fußball haben sie in England erfunden, aber Fußball können andere inzwischen besser. Ähnlich verhält es sich mit Cricket, Rugby und Tennis. Es gibt allerdings ein britisches Kerngeschäft, in dem niemand besser ist: Kreativität. Das ist vielleicht das höchste Gut und längst ein Exporthit. Die Kreativen in Großbritannien erwirtschaften immerhin 80 Milliarden Pfund pro Jahr, das sind fünf Prozent des Bruttosozialprodukts und damit gar nicht mal so viel weniger als die Banker, die in der City gerade auf den nächsten Crash hinspekulieren. Mode, Werbung, Film, Fernsehen, Musik, Kunst und Presse stellen sechs Prozent aller Beschäftigten. Die Branche gehört damit zu den wichtigsten des Landes.

Das ist wunderbar und eine Art Weltrekord für Kreative. Man merkt das auch überall. Vor allem beim Fernsehen.

Wir sind keine großen Fernsehkonsumenten. In Deutschland haben wir das Fernsehen meistens ignoriert. Das geht dort hervorragend. Offenkundig hat sich das Programm seit unserem Abschied auch nicht sonderlich verändert, Tatort, Sportschau, Tagesschau. Die Dreifaltigkeit des teutonischen Fernsehverhaltens. Wenn wir das von hier aus richtig sehen, scheint das jährliche TV-Highlight der Deutschen immer noch darin zu bestehen, erbarmungswürdigen Kreaturen beim Freiluftnächtigen in einem australischen Waldstück zuzugucken. Irgendwas muss dann gravierend faul sein mit dem übrigen Programm.

Talkshows sind eine deutsche Marotte. Und keine gute

In Großbritannien läuft „Dschungelcamp“ auch, die Briten haben es sogar erfunden wie damals den Fußball. Die kreativen Briten – auch das ein Unterschied – erfinden fürs Fernsehen nämlich ständig was Neues, darunter manchmal auch Schrott. Hier heißt das Lagerfernsehen „I’m a Celebrity … Get Me Out of Here!“ und ist ähnlich erfolgreich. Was womöglich aber auch daran liegt, dass die Stars im Dschungel in Großbritannien tatsächlich auch welche sind oder zumindest waren und keine Wracks. Die Briten profitieren dabei fraglos von ihrer im Vergleich hohen Prominenten-Dichte. Jeden Freitag beispielsweise empfängt der sehr lustige Ire Graham Norton Stars und Weltstars in abenteuerlicher Frequenz. Zwei Wochen Graham Norton Show hätten gereicht, „Wetten, Dass“ ein Jahr lang mit Hochkarätern zu bestücken, so ungefähr jedenfalls. Hier sitzen George Clooney, Judy Dench, Daniel Craig, Matt Damon und und und freitags völlig selbstverständlich auf Nortons rotem Sofa und amüsieren sich über den sehr schrägen Gastgeber. Zu Norton kommen sie gern, zu Gottschalk und Lanz gingen sie früher nur, weil sie mussten.

Das Celebrity-Aufkommen in Deutschland ist eben quantitativ und qualitativ recht überschaubar. Nicht mal die deutsche A-Prominenz ist international ja richtig bekannt außer Angela Merkel, diversen Sportlern und einem halben Christoph Waltz; die andere Waltz-Hälfte gehört Österreich. Die übrigen wirklich prominenten Deutschen sind weitgehend tot. Wahrscheinlich sitzen deshalb in den deutschen Talkshows auch immer die selben B- und C-Gäste. Helmut Schmidt geht ja nun nicht mehr. Talkshows, auch das wird einem aus der Distanz noch deutlicher, sind eine deutsche Marotte und keine gute. Sie sind billig in der Produktion, und so was kommt dann von so was. Man kriegt richtig Mitleid mit Deutschland.

Das britische Fernsehen ist dem deutschen in jeder Hinsicht überlegen. Die Nachrichtensendungen sind besser, die Serien sind besser, die Dokumentationen sind besser. Britisches Fernsehen ist risikoreicher, klüger, witziger, in einem Wort: kreativer. Natürlich gibt es hier auch erschütternd dumme Programme, aber die versenden sich glücklicherweise. Selbst das hiesige Dschungelcamp versendet sich.

Was ihr Fernsehen anbelangt, sind die Briten total verwöhnt. Leider wissen sie selbst nicht immer, wie gut sie es eigentlich haben. Sie nehmen es für selbstverständlich, weil die insgesamt doch sehr verbreitete Europa-Ahnungslosigkeit auch vorm Fernsehen nicht halt macht. Sie kennen kein italienisches Fernsehen, kein französisches und auch kein deutsches.

Der wütende Hornby und seine Tirade gegen die Politiker

Nicht, dass sie was verpassten, das hatten wir ja schon. Aber sie wüssten andernfalls ihre Sender einfach mehr zu schätzen. Und es gäbe nicht ständig irgendwelche Debatten über die BBC. Es ist nämlich so, dass die BBC gerade einen Kanal abgedreht hat. BBC 3, vornehmlich für junge Leute, ging komplett ins Netz. Es heißt, sie müssten sparen. In Wahrheit ist es ein Rachefeldzug der Regierung. Das weiß auch jeder. Die konservative Regierung und die konservative Presse unterstellen seit Ewigkeiten, die BBC sei parteiisch und im Zweifel links. Die Zeitungen von Rupert Murdoch lassen keine Gelegenheit aus, gegen den Senderriesen zu wettern und die eigenen Sky-Programme zu puschen. Das ist plump, aber sie unternehmen nicht mal den Versuch, diese Plumpheit zu kaschieren. Seit David Camerons Wahlsieg im Mai haben die BBC-Kritiker noch mehr Oberwasser und meinen, sie müssten den alten Laden mal durchlüften. Es gibt eigens eine Webseite, biasedbbc.org, die die vermeintliche Linkslastigkeit geißelt und von Menschen befeuert wird, die beispielsweise posten, die BBC sei eine „Donald Trump-kritische und Hillary Clinton-hörige Medienhure“. In puncto Geisteshaltung und Geisteskraft erinnern sie ein bisschen an ihre „Lügenpresse“-Vettern in Deutschland.

Neulich hatte ich das große Glück und Vergnügen, den Schriftsteller Nick Hornby zu treffen. Wir unterhielten uns über Bücher und Drehbücher. Als wir aber irgendwann aufs Fernsehen und die BBC zu sprechen kamen, wurde er für seine Verhältnisse laut und ungehalten. Er beugte sich vor, zog an seiner E-Zigarette und machte sich dann Luft. In einem Atemzug, Nick Hornby hier unplugged und ungekürzt: „Die Leute aus der Regierung, die die BBC kritisieren, sind bescheuert. Sie gucken nicht über den Horizont. An der Oberfläche geht es um Finanzen, aber dahinter steckt eine Bestrafung. Das ist absurd und lächerlich. Wofür steht Großbritannien, wenn nicht für seine kulturelle Kreativität? Sie reden hier die ganze Zeit von den Banken und der Finanzwelt, die London groß machen. Aber davon profitiert kein Mensch außerhalb der Stadt. Der Grund, warum es die Finanzkrise gab, waren genau diese Banken! Guck mal, was J.K Rowling allein für die Wirtschaft in diesem Land geleistet hat! Leute wie Rowling, Leute wie wir machen Großbritannien interessanter als es eigentlich ist. Und dann sitzen da diese Typen im Parlament und befinden über die Kreativen und die BBC. Mich macht das krank! Es treibt mich in den Wahnsinn!!“

Nach gefühlten fünf Minuten war Hornby fertig mit seiner Tirade. Er lehnte sich zurück, zog an seiner E-Zigarette und fragte: „Wie ist denn deutsches Fernsehen so?“

Ich sagte: „Hm. Themawechsel.“

Er nickte verständnisvoll. Dann sagte er: „Und was ist der Klopp fürn Typ?

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