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Und im Radio läuft Modern Talking

Der Führer Kim Jong Un fuchtelt mit der Atombombe herum, dem Volk geht es zunehmend schlechter. Wie leben die 23 Millionen Nordkoreaner - in einem Land, das einer staatsgewordenen Sekte gleicht?

Von Niels Kruse und Janis Vougioukas

  Leben unter einer Funzellampe und der Dauerbeobachtung durch die beiden Kims, Il Sung (l.) und Jong Il.

Leben unter einer Funzellampe und der Dauerbeobachtung durch die beiden Kims, Il Sung (l.) und Jong Il.

Von:

und Janis Vougioukas

An was denken Sie, wenn sie Nordkorea hören? An Armut? Hunger? An die Diktatoren-Dynastie der Kims? Mit dem Staatsgründer und "ewigen Präsidenten" Kim Il Sung, seinem Sohn Kim Jong Il, der als bester Kunde einer französischen Cognac-Brennerei und als "Irrer mit der Bombe" bekannt wurde? Oder vielleicht an seinen Sprössling Kim Jong Un, der hemmungslos mit der Atombombe herumfuchtelt? Oder an die Arbeitslager, in denen sich rund 250.000 Nordkoreaner zu Tode schuften müssen? Die abgeschottete Diktatur ist nur für Extreme bekannt, über das ganz normale Leben dringt nur selten etwas nach außen. stern.de hat Impressionen aus dem Alltag der Nordkoreaner zusammengestellt.

Bei den Kindern ist "Amerikaner" ein Schimpfwort

Was denken Nordkoreaner über Amerikaner und Südkoreaner? Die Website nknews.org, die gute Kontakte in das isolierte Land unterhält, veröffentlicht regelmäßig die Rubrik "Frag einen Nordkoreaner". Dort wurde einem mittlerweile im Süden lebenden Flüchtling diese Frage gestellt. Die Antwort fiel erschütternd aus: Die Staatspropaganda vermittele ein derartig negatives Bild über die USA, dass kleine Kinder "Amerikaner" als Schimpfwort benutzen, wenn ein Kind etwas Unrechtes oder Falsches gemacht hat. Der anonym Befragte berichtet zudem von wiederkehrenden Albträumen, in denen er vor amerikanischen Soldaten verfolgt wird. Besser kommen die Landsleute aus dem Süden weg. Sie würden vor allem als Opfer des "amerikanischen Imperialismus" dargestellt, denen der Norden helfen müsse.

Zwischen 60 und 120 Euro Monatslohn

Das Land hat zu wenig Agrarflächen, um die ganze Bevölkerung zu ernähren. Dazu fehlt es an Dünger und an Saatgut. Folge: Nordkorea ist auf Lebensmittellieferungen aus dem Ausland angewiesen. Seit mehr als 20 Jahren schon. Am Schlimmsten trifft der Dauer-Nahrungsnotstand die Menschen auf dem Land. Bis vor Kurzem mussten sie ihre gesamte Ernte an den Staat verkaufen. Der wiederum verteilte sie ans Militär und die privilegierten Hauptstädter. Deshalb ist die Situation in Pjöngjang halbwegs entspannt, während in den Provinzen weitab vom Zentrum die Menschen hungern. Aktuell kostet ein Kilo Reis rund 60 Cent. Zwischen 60 und 120 Euro verdient ein Nordkoreaner im Durchschnitt. Das Geld reicht aber nur selten für ausreichende Mahlzeiten. 20 Prozent der Menschen kommen nicht einmal an Fleisch, Fisch oder Eier heran, heißt es beim Welternährungsprogramm. Bis zu 40 Prozent der Kinder leiden in einigen Provinzen unter Mangelernährung.

  Was noch zu regeln wäre: Ein Verkehrspolizist auf einer leeren Kreuzung im Zentrum von Kaesong.

Was noch zu regeln wäre: Ein Verkehrspolizist auf einer leeren Kreuzung im Zentrum von Kaesong.

Vor den Ampeln staut sich der Verkehr

Ein beliebtes Motiv der wenigen Nordkorea-Touristen sind adrett gekleidete Verkehrspolizistinnen, die mit streng-kühler Miene auf Straßenkreuzungen den Verkehr regeln. Absurd ist die Szenerie deswegen, weil es mangels Autos so gut wie nichts zu regeln gibt. Oder vielmehr gab, denn das hat sich geändert. So war der CDU-Bundestagsabgeordnete Manfred Grau neulich zu Gast in Nordkorea und berichtete stern.de, dass sich der Verkehr zur Rushhour vor den Ampeln staue, weil es mittlerweile so viele Autos in Pjöngjang gibt. Und offenbar entsprechend viele Unfälle. Die Behörden warnen laut der Website "DailyNK" sogar vor "verkehrschädigenden Verhaltens", wie betrunken Autofahren oder Fahrerflucht. Dies sei antisozialistisch und werde schwer bestraft, heißt es auf Informationsaushängen, die an belebten Straßen und Plätzen ausgehangen wurden.

Aus den Radios schallt Modern Talking

Schwer vorstellbar, aber selbst in Sachen Musik ist die Entwicklung der letzten Jahrzehnte an Nordkorea vorbeigegangen. Aus den nicht aus- und umstellbaren Radios, die in allen Haushalten installiert sind, schallen neben der staatlichen Dauerpropaganda vor allem Märsche oder Operetten aus heimischer Produktion. Aber offenbar haben es auch Abba und die 80er-Jahre-Überband Modern Talking nach Nordkorea geschafft. In einem Video über eine Reise eines Welternährungsprogramm-Teams (ab Minute 1:03) tönt aus dem Autoradio "Brother Louie". Doch völlig hinter dem Mond leben die Nordkoreaner dann auch nicht. Über Schmuggelrouten gelangen anscheinend haufenweise DVDs und CDs aus China in das isolierte Reich - und damit auch der höchst populäre K-Pop ("Gangnam Style" unter anderem) aus dem Süden.

Eine Prostituierte kostet soviel wie zehn Kilo Reis

Prostitution ist offenbar auch in Nordkorea gang und gäbe. Der gewöhnlich gut informierten Seite "DailyNK" liegt ein Video vor, das zeigt, wie zahlreiche Frauen entsprechende Dienste anbieten. In beiden Koreas ist käufliche Liebe offiziell verboten. In dem Film kommt auch der Zuhälter zu Wort und verrät, was die Frauen kosten: umgerechnet 6 Euro. Zahlbar in nordkoreanischen Won oder besser noch: in chinesischen Yuan. Für das Geld bekommt man in Nordkorea zehn Kilo Reis. Leisten können sich das laut des Zuhälters fast nur Soldaten. Seinen Worten zufolge prostituieren sich mehr nordkoreanische Frauen, weil sich die wirtschaftliche Lage seit dem Amtsantritt von Kim Jong Un kontinuierlich verschlechtert.

  Kleidermarkt in Pjöngjang, betrieben von Frauen

Kleidermarkt in Pjöngjang, betrieben von Frauen

Wenn Frauen ihre Männer aushalten müssen

Offiziell herrscht in Nordkorea Gleichberechtigung. Staatsgründer Kim Il Sung hat den Frauen das Recht zu arbeiten und zur Scheidung gegeben. Auch die Polygamie hat er verbieten lassen. Dennoch ist das Land bis heute stark von konfuzianischen und patriarchalischen Werten geprägt. Die wirtschaftlichen Lockerungen der vergangenen Jahre haben die Rolle der Frau weiter verändert. Viele Frauen haben sich mit Marktständen und Minifirmen selbstständig gemacht und verdienen damit oft mehr als ihre Männer, die für wenig Geld bei Staatsfirmen arbeiten müssen. In einigen Familien sind die Männer damit zur finanziellen Belastung geworden. Viele junge Frauen wollen deshalb heute nicht mehr heiraten.

Sozialarbeit auf dem Land

Wenige Kilometer hinter der gefährlichsten Grenze der Welt treffen die Systeme direkt aufeinander. 54.000 Nordkoreaner arbeiten seit knapp zehn Jahren in der Sonderwirtschaftszone Kaesong, einem Industriekomplex, der von Unternehmen aus dem Süden errichtet wurde. Textilien und Haushaltsgeräte werden dort produziert - zu den unschlagbar günstigen Stundenlöhnen des kommunistischen Nordens. Damit ist nun vorerst Schluss. Vor zehn Tagen hat das Regime im Norden den Devisenbringer geschlossen und die Arbeiter zum "Ausruhen" nach Hause geschickt. Danach sollen sie zu "sozialen Projekten" aufs Land gehen, berichtet "DailyNK". Mit anderen Worten: Sie werden aus der Schusslinie genommen und verdonnert, Feldarbeit zu leisten. Für die Menschen bedeutet das aber auch, auf ihre für nordkoreanischen Verhältnisse üppigen Löhne verzichten zu müssen.

Jede Reise muss genehmigt werden

Wer im restriktivsten Staat der Welt lebt, erfährt so gut wie nichts vom Rest der Welt. Zwar ist der eiserne Vorhang löchriger geworden, aber viele Nordkoreaner bekommen vom Ausland nur ein staatlich gezeichnetes Zerrbild vermittelt. Reisen ist selbst innerhalb des Landes nur mit Genehmigung möglich. Trotzdem oder wohl gerade deswegen flüchten immer mehr Menschen aus der Diktatur. Vor allem Frauen. Die Flucht, oft organsiert von christlichen Missionaren, ist gefährlich. Die meisten Routen gehen über China, doch die dortigen Behörden schicken erbarmungslos jeden entdeckten Flüchtling sofort zurück. In der Heimat erwarten sie dann die berüchtigten Arbeitslager, die oft den sicheren Tod bedeuten. Besonders perfide: In den Gulags sind meist schon die Familienangehörigen der "Deserteure" interniert. Die übliche Sippenhaft soll die Bewohner von jedwedem "Fehlverhalten" abschrecken.

Die rund 25.000 Menschen, die den Weg nach Südkorea geschafft haben, werden dort für einige Zeit in Camps untergebracht. Zum einen sollen so mögliche Spione aufgespürt werden, zum anderen aber werden die Nordkoreaner dort für ihr Leben im Westen geschult. Das fängt bei der Benutzung von Geldautomaten an und endet bei der mühsamen Suche nach einem Arbeitsplatz. Es gibt mittlerweile sogar Institute, mit deren Hilfe sich die Nordkoreaner ihren Akzent abtrainieren können. Denn bei den meisten Südkoreanern gelten die Brüder aus dem Norden schlicht als ungeeignet für die meisten Tätigkeiten.

Nur selten Unruhen, es gilt, was die Alten sagen

Angesichts dieser desaströsen Lebensumstände ist es erstaunlich, dass sich keine Opposition im Land regt. Zwar gibt es immer mal wieder Berichte von lokalen Aufständen (meist auf dem Land) und zivilem Ungehorsam, doch der rigide Unterdrückungsapparat erstickt jeden Widerstand im Keim. Die Furcht vor Arbeitslager und Sippenhaft, eine mehr als 50 Jahre lang währende Gehirnwäsche und Isolation haben die allermeisten Nordkoreaner auf Linie getrimmt. Die berühmten Bilder von hysterisch weinenden Menschen, etwa bei der Beerdigung von Großvater (1994) und Vater Kim (2011) waren nur zu einem kleinen Teil inszeniert. Dieses Verhalten gründet sich auch im Konfuzianismus, in dessen Tradition Nordkorea steht. In dieser Denkschule gilt alles, was von Vätern und Alten kommt, als nicht hinterfragbar. Dank dieser Zutaten ist es der Kim-Dynastie gelungen, sich über die Jahrzehnte eine leibeigene und hörige Sekte mit 23 Millionen Mitgliedern heranzuziehen.

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