Südlibanon in Trümmern, Israel in Angst vor dem Raketen-Terror - stern-Reporter berichten von Tod und Trauer, Flucht und Vertreibung - und von Menschen, die trotzig in der umkämpften Region ausharren. Von Steffen Gassel und Georg Cadeggianini

Rauch steigt auf über den zerbombten Ruinen. Rund um das Hauptquartier der Hisbollah in Süd-Beirut haben die israelischen Angriffe ganze Straßenzüge verwüstet© Anwar Amro/AFP
Um 12.30 Uhr kommen die Bomber zurück. Kein Düsengeräusch hat sie angekündigt, keine Sirene vor der nahenden Gefahr gewarnt. Aus dem Nichts erschüttern vier dumpfe Schläge kurz hintereinander das Viertel Haret Hreik im Süden von Beirut. Die Druckwelle der Explosionen lässt die Fensterscheiben in kilometerweitem Umkreis erzittern.
Augenblicke zuvor hat Monika Borgmann noch an der Balustrade ihres Balkons gelehnt und vom Bombardement der vergangenen Nacht erzählt, wie von einem harmlosen Feuerwerk. "Um 23 Uhr ging es los und hörte bis sechs Uhr früh nicht auf. Dort, von rechts sah man die Granaten der Kriegsschiffe durch den Nachthimmel blitzen. Die Flugzeuge bombardierten von oben. Ich habe die ganze Nacht mit einer Freundin hier draußen gesessen und zugesehen. Schlafen konnten wir sowieso nicht."
Doch nun hält sie nichts mehr auf dem Balkon. "Kommen Sie, wir sollten von hier verschwinden", sagt sie und hastet in die Wohnung. Dann hält sie inne und blickt zurück. Einen halben Kilometer entfernt schiebt sich eine stetig wachsende Wolke aus Staub und Qualm langsam in den diesigen Himmel: "Ich habe Angst, dass alles, was ich aufgebaut habe, in Flammen aufgeht."
Monika Borgmann kennt die Gegend, wo die Bomben einschlagen. Bis gestern hat sie dort gewohnt. In einer Villa aus dem 19. Jahrhundert, von einem Garten umgeben, mitten im Gewirr der Hochhäuser von Haret Hreik. Der erste Stock gehört den Schwiegereltern, im Erdgeschoss ist das Archiv und Dokumentationszentrum "Umam" untergebracht, das die 42-jährige Regisseurin aus Aachen zusammen mit ihrem libanesischen Mann aufgebaut hat. Hier liegen die Rollen mit ihrem Dokumentarfilm über ein Massaker im libanesischen Bürgerkrieg, der vergangenes Jahr auf der Berlinale Premiere hatte. Außerdem lagert hier eine einzigartige Sammlung mit Dokumenten aus dieser Zeit. "Ich habe mich schon immer für die Ursachen von Krieg und Gewalt interessiert. Mit ,Umam" wollten wir die Erinnerung an die Schrecken des Bürgerkrieges wachhalten." Dass der Krieg auch sie eines Tages einholen würde - damit hatte Monika Borgmann nicht gerechnet.
Nun zwingen die Bomben sie, zum zweiten Mal in 24 Stunden ihr Quartier zu wechseln und bei Bekannten im christlichen Ostbeirut Unterschlupf zu suchen. Zunächst war sie in ihre alte Wohnung in einem Nachbarviertel der Villa geflohen. "Ich wollte wenigstens in Sichtweite bleiben." Aber die Villa liegt nur 100 Meter vom Hauptquartier der Hisbollah entfernt, dessen Trümmer nun das Ziel weiterer israelischer Angriffe sind, nachdem Hisbollah-Raketen zum zweiten Mal in Haifa eingeschlagen haben.
Weisse Haare, Lesebrille; es ist ein alter schmächtiger Mann, der da im Taxi sitzt. Seine Lippen beben. Er sucht seinen Sohn Shmuel Ben Shimon, 41 Jahre alt, Vater zweier Kinder. Der ist bei der Bahn, Züge reparieren, sein Kindheitstraum.

Israelische Sicherheitskräfte und Nachbarn inspizieren die Schäden nach dem Einschlag einer Katjuscha-Rakete in einem Haus in Tiberias© Uriel Sinai/Getty Images
Als Shmuels Vater zu den großen Werkhallen am Hafen von Haifa kommt, hämmert bereits ein Presslufthammer die Überreste der Mittelstreckenrakete aus dem Beton von Gleis 3. Typ Fajr, Reichweite 40 Kilometer, iranische Bauweise, sagen israelische Experten. Im Dach ist ein Loch so groß wie ein Garagentor, die Sprinkleranlage hat das Blut vom Bahnsteig gewaschen, in der Gleisspur sammelt sich ein roter Bach.
"Wo ist Shmuel?", fragt der Alte. Die Kollegen seines Sohnes zucken mit den Achseln. Kurz zuvor hatten Sanitäter die letzten Bahren rausgetragen. Der Vater will zum Krankenhaus Rambam fahren. Doch der Taxifahrer macht keine Anstalten, den Wagen zu starten. Shmuel ist tot. Er weiß es von einem Freund aus dem Werk. Aber auch er weigert sich, es dem Vater zu sagen. "Ich will nicht, dass er mir hier zusammenbricht."
Immer wieder müssen die Menschen nach dem Aufheulen der Sirenen in die Bunker, der Schiffverkehr im größten Hafen Israels ist eingestellt, ebenso der Bahnbetrieb, die Chemiefabriken stehen unter verschärfter Bewachung.
Haifa gilt als Ausnahmestadt, in der Juden und Muslime in Frieden miteinander leben. Moscheen stehen neben Synagogen. Im Wadi Nisnas, der arabischen Altstadt, kaufen viele Juden ein. Vor allem am Schabbat, wenn die Geschäfte in den anderen Vierteln geschlossen sind. Doch nach den zwei Raketensalven erstarrt Haifa im Schock.
"Von einem Tag auf den anderen ist es wieder geworden wie im Bürgerkrieg", sagt Monika Borgmann, die seit sechs Jahren in Beirut lebt. "Die Menschen teilen die Stadt jeden Tag aufs Neue in sichere und gefährliche Gegenden ein - ohne Gewähr, dass sich die Grenzen nicht plötzlich verschieben." Dass man den Aufzug nicht mehr benutzt, aus Angst vor Stromausfällen; dass man die Fenster offen stehen lässt, damit die Wucht der Explosionen sie nicht zum Bersten bringt; dass man tunlichst im Treppenhaus schläft, wo man vor herumfliegenden Splittern am besten geschützt ist: All das ist fast schon wieder selbstverständlich in Beirut. "Das muss man sich einmal vorstellen: Vor zwei Wochen noch haben die Leute hier vor Freude in die Luft geschossen, weil Italien die Weltmeisterschaft gewonnen hat", sagt die Filmemacherin.
Ein Gerücht jagt das andere. Eine Freundin ruft aufgeregt auf dem Handy an. In zwei Stunden beginne ein großes Bombardement. Dann heißt es, israelische Fallschirmspringer seien in Beirut gelandet. Dann, Sajjed Hassan Nasrallah, der Hisbollah-Chef, sei tot. Dann wieder, die Hisbollah habe Journalisten als Geiseln genommen. "Die Leute sagen, es ist wie 1982", sagt Monika Borgmann. Damals begann mit dem Einmarsch der israelischen Armee das blutigste Kapitel des fast 15-jährigen libanesischen Bürgerkrieges.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 30/2006