Nie zuvor wurden Kinder so erbarmungslos zu Tötungsmaschinen abgerichtet: Regierung wie Rebellen nutzen in Liberia Minderjährige, um einen der grausamsten Kriege Afrikas zu führen.

Leichen in einem Massengrab bei Monrovia: "die nackte Hölle"© Getty Images
Eine Mutter hetzt mit ihrem Säugling im Arm zum Notlazarett der "Ärzte ohne Grenzen" - ein Granatsplitter steckt im Auge des Babys. Männer hieven in geduckter Haltung einen Verletzten durch das einstige Diplomatenviertel Mambo Point - sein linkes Bein ist ein blutender Stumpf. Ein Mädchen wird von einer Rakete zerfetzt, als es auf der Suche nach Lebensmitteln durch die verrammelten Straßen hastet. Nahe der Broad Street erwischt es einen älteren Mann: Ein Geschoss reißt ihm den Kopf weg, doch sein enthaupteter Körper flüchtet noch Meter weiter, bis er endlich zusammenbricht.
Symbolischer kann ein Bild nicht sein für das Sterben eines Volkes, seinen makabren Tod auf Raten, auch wenn jetzt ein Voraustrupp von 750 nigerianischen Soldaten den Bürgerkrieg in Liberia eindämmen soll. Die mörderischen Attacken, die in den vergangenen zwei Monaten mindestens 1000 Menschen, meist Zivilisten, das Leben kosteten, gehen auf das Konto zweier Rebellengruppen, deren großspurige Namen grotesk klingen angesichts des Elends, das sie verbreiten: "Lurd", die "Vereinigten Liberianer für Versöhnung und Demokratie", haben mit Unterstützung Guineas von Norden aus operiert. "Model", die "Bewegung für Demokratie in Liberia", griff mit Rückendeckung des Nachbarn Elfenbeinküste vom Süden her an.
Plündernd, vergewaltigend und mordend nahmen beide Gruppen erst das Land und seit Mitte Juli die Hauptstadt in die Zange. Zuletzt hielten sie Monrovias strategischen Lebensnerv belagert, zwei Brücken, die die auf einer Halbinsel vor der Atlantikküste gelagerte Ein-Millionen-Metropole mit dem Festland verbinden: die Johnson Bridge zum Freihafen mit seinen längst ausgeraubten Nahrungsmittellagern und die Stockton Creek Bridge in Richtung zum umkämpften Roberts International Flughafen zirka 60 Kilometer südöstlich der Stadt, wo viel zu wenige Maschinen mit dringend benötigten Hilfsgütern landen.
In Monrovias Innenstadt vegetieren die Bewohner mit fast einer Viertel Million Flüchtlingen seit Wochen wie in einer tödlichen Falle, zusammengepfercht in Wohnblocks, Schulen, Kirchen und verlassenen Banken, in von Einschlägen durchlöcherten Ruinen ohne Strom, ohne sauberes Wasser und ohne Lebensmittel unter dem fast unablässigen Stakkato der Gewehre und Kanonen. Auch dem der eigenen Truppen: Salven aus den Waffen der Kindermilizen von Präsident Charles Taylor, die mit Alkohol und Drogen zugedröhnt an Straßensperren lagern und verängstigten Passanten schon mal Wagen und persönliche Habe abnehmen - oder sie einfach erschießen.
Für George Kordahi, den Leiter des SOS-Kinderdorfs in Monrovia, "gibt es keine Worte, für das, was hier passiert". Auf dem Gelände seiner Einrichtung suchen derzeit 8000 Vertriebene Zuflucht, ihre Zahl steigt täglich, noch funktionieren wenigstens die eigenen Brunnen. Im Samuel-Doe-Stadion dagegen herrscht, so der italienische Journalist Alberizzi, "die nackte Hölle": Mehr als 50 000 Menschen kauern dort auf der vom Tropenregen zum Schlammfeld verwandelten Arena, Kinder mit Hungerödemen dämmern apathisch unter Notdächern aus zerfetzten Plastiktüten, die Cholera grassiert. Mindestens zehn Kinder sterben hier täglich an Hunger und Brechdurchfall. "Es ist furchtbar", klagt Pierre Mendiharat, Missionschef der zwölf Mitarbeiter von "Ärzte ohne Grenzen", die in der Stadt ausharren, "wir kommen nicht mehr zu den Kranken - und sie nicht mehr zu uns." Auch den freiwilligen Einsatzkräften gehen die Lebensmittel aus: "Wir können trotz ausreichender Geldmittel kein Essen mehr besorgen", so Koen Henckaerts, "Ärzte ohne Grenzen"-Projektleiter für Liberia.
Spendenkonten für Liberia Caritas International
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Unicef
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Ärzte ohne Grenzen
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Stichwort: Westafrika
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