Libyen steht vor der Mammutaufgabe, sich als Staat völlig neu erfinden. Denn außer Öl hat das Land so gut wie nichts. Und doch stehen die Chancen nicht schlecht. Von Niels Kruse

Gaddafi am Boden, Libyen vor dem Neuanfang - wohin geht die Reise für den Erdölstaat?© Francisco Leong/AFP
Wenn alles so weitergegangen wäre wie in den letzten 40 Jahren, hätte sich am 1. September Muammar al Gaddafi in Tripolis feiern lassen: mit einem gigantischen Standbild als Revolutionär, als Bruder Führer, vielleicht auch als "König aller afrikanischen Könige", wie er sich selbst gerne nannte. Gefeiert wird in Libyen, allerdings nicht der Jahrestag des Gaddafi-Putsches von 1969, sondern die Ablösung des Diktators. Die Aufständischen und ihr Übergangsrat haben nun das Sagen. Mit Hilfe amerikanischer, britischer und französischer Bomben wurde das Land vom Dauer-Despoten befreit - und die Alliierten wiederum feierten sich und ihren Einsatz in Paris bei der "Freunde Libyens"-Konferenz.
Es war der französische Präsident Nicolas Sarkozy, der sich das symbolische Datum ausgesucht hatte, um mit Vertretern von 60 Ländern und Organisationen die Zukunft des nach-revolutionären Staates zu planen: Konkret ging es bei der Veranstaltung, an der auch Abgesandte des libyschen Übergangsrats teilnehmen werden, um Geld. Bevor die üppigen Ölquellen des Landes wieder zu sprudeln beginnen, braucht Libyen nach Schätzungen des Übergangsrats mindestens 3,4 Milliarden Euro Nothilfe für die nächsten acht Monate. Fließen wird nun sogar deutlich mehr: Die "Freunde Libyens" haben beschlossen, rund zehn Milliarden Euro der gesperrten Gaddafi-Milliarden freizugeben.
Doch das ist nur der Anfang für ein neues Libyen, dessen Profil noch nicht zu erahnen ist. Denn das Land steht vor dem Nichts. Weder eine erfahrene Verwaltung noch eine erprobte Justiz existiert, es gibt keine Parteien, kein politisches System und wer die Sicherheit im Land gewährleisten soll, ist auch noch offen. Wie sich die diversen libyschen Ethnien verhalten werden ist ebenso unklar, wie die Einbindung der rund 140 Stämme, die das Rückgrat der Gesellschaft bilden und deren Siedlungsgebiete in den ölreichen Regionen liegen. Schon seitdem sich das Ende der Ära Gaddafi abzeichnet, der mit Petrodollars und Peitsche das Land zusammengehalten hatte, wird gemutmaßt, Libyen könne nach der Revolution im Bürgerkrieg versinken.
Der Wiener Sicherheitsforscher Heinz Gärtner hält jedoch nichts von der These, dass das Land in Anarchie versinkt: "Die Libyer sind im positiven Sinne Nationalisten", sagte er zu stern.de, "alle haben ein Interesse daran, dass sich ihre Heimat weiterentwickelt". Ähnlich sieht es der Libyen-Kenner Thomas Hüsken: "Stammespolitiker sind erfahrene Lokalpolitiker. Begriffe wie Konsens und Interessenausgleich sind ihnen nicht fremd", sagte Hüsken der "Tageszeitung". Einen Krieg der Stämme werde nicht geben, "die Leute sind ja nicht blöd."
Bislang sieht es tatsächlich so aus, als würden die Clans eher im Sinne der Nation handeln als ihr eignes Süppchen zu kochen. Kurz nachdem das alte Regime begonnen hatte, mit Gewalt gegen die Aufständischen vorzugehen, sagte sich der al-Suwaya-Stamm von Gaddafi los und drohte damit, die Ölhähne abzudrehen, falls der Diktator weiterhin Libyer ermorden würde.
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