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Wie der Gaddafi-Clan reich wurde

Das Erdöl hat den libyschen Diktator Gaddafi und seinen Clan unermesslich reich gemacht. Nun droht das Imperium zusammenzubrechen.

Von C. Hecking, A. Tauber, K. Werner und L. Heiny

Der Diktator lässt sein Zelt im Stadtpark um die Villa Doria Pamphili in Rom aufschlagen. Abgewetzt sieht es aus, schwere Planen hängen schlaff an den Seitenwänden herab. So ähnlich würde man auch einen Bierstand gegen Regenschauer absichern. Doch in diesem dunkelgrünen Beduinenzelt geht es um milliardenschwere Geschäfte.

Zwischen schweren Sesseln lässt Muammar al Gaddafi, der libysche Alleinherrscher, nicht nur die italienische Politik an sich vorbeidefilieren, auch die mächtigen Firmenlenker des Landes machen ihre Aufwartung. Alle, alle treffen sie ihn. Die Vorstandschefs des Öl- und Gaskonzerns Eni, der Großbank Unicredit, des Rüstungsunternehmens Finmeccanica, des Baukonzerns Impregilo, des Autobahnbetreibers Atlantia, des Energiekonzerns Enel. Italiens Wirtschaftselite schaut sich sogar brav eine Reitershow mit 30 eingeflogenen Berberhengsten an und langweilt sich bei einem 40-minütigen Monolog Gaddafis. Ihnen bleibt keine Wahl.

Milliarden von Petrodollar

Niemand will Gaddafi verärgern. Zu wichtig ist er als Investor. Der "Colonello" entscheidet über Milliarden von Petrodollar, die auf dem Höhepunkt der Wirtschaftskrise in ganz Europa heiß umworben sind. Libyen sitzt auf riesigen Öl- und Gasvorkommen, die das Land und seinen Diktator reich gemacht haben, unermesslich reich. Mehr als 1,6 Millionen Fässer (je 159 Liter) Erdöl exportiert Libyen, jeden Tag. Bis Ende 2010 hatte das Land Devisenreserven über 107 Mrd. Dollar angehäuft, nur zwölf Staaten hatten mehr. Und Gaddafi und sein Clan bestimmen, was mit all diesem Geld passiert.

So ist mit der Zeit ein Netz aus Firmen- und Finanzbeteiligungen entstanden. Gaddafi operiert dabei mit einem Geflecht aus staatlichen Fonds, Investmentholdings und Finanzdrehscheiben. Die wichtigsten Vehikel waren der Staatsfonds Libyan Investment Authority (LIA), die Zentralbank und der staatliche Ölkonzern, die alle eng mit der Herrscherfamilie verbunden sind. Nun, mit dem Zusammenbruch der Ordnung, droht auch dieses System in sich zusammenzustürzen - mit unkalkulierbaren Folgen.

Nie zuvor stand ein Staatsfonds vergleichbarer Größe vor einer so ungewissen Zukunft. Was passiert mit all den Milliardeninvestments? Und was mit den Firmen, deren Anteile die Libyer halten? Die Aktienkurse der Unternehmen stehen bereits unter Druck, die Ratings sind zum Teil schon herabgestuft. Vor allem in Italien und in London, wo das meiste Gaddafi-Geld arbeitet, sind viele nervös.

Weltweit hat die Jagd nach den Blutgeldern des Diktators längst begonnen. Viel mehr noch als die kolportierten 40 Mrd. Dollar des ägyptischen Herrschers Hosni Mubarak soll Gaddafi auf die Seite geschafft haben. Die EU und die Schweiz wollen die Konten der Familie einfrieren lassen. Es gibt Schätzungen von Oppositionellen und Exil-Libyern, wonach der Clan bis zu 150 Mrd. Dollar angehäuft haben soll. Was alles dazuzählt und wo genau diese Gelder liegen, ist noch unklar. Zu verworren ist die "Gaddafi Inc.", wie US-Diplomaten das "Geldimperium" aus staatlichen Institutionen und Privatvermögen des Clans bezeichnen.

Alles begann 1969

Die Geschichte dieses Systems und dessen Verwicklung mit der internationalen Wirtschaft ist lang und wechselhaft. Sie begann bereits wenige Jahre nach Gaddafis Machtübernahme 1969 - in Italien. Aufgrund des internationalen Embargos gegen das Regime war Libyen lange von den globalen Geldströmen abgeschnitten. Kontakt hielt einzig die Libyan Foreign Bank, ein Investmentarm der libyschen Zentralbank. Über Mittelsmänner trat diese Bank Mitte der 70er-Jahre an den Fiat -Patriarchen Gianni Agnelli heran. Der Autobauer, das Industrieheiligtum Italiens, steckte damals in einer Krise und brauchte Geld. Da kamen die Libyer gerade recht. "Wir liebten Petrodollar", erinnerte sich Agnelli später. "Jedermann brauchte Petrodollar."

Zehn Monate lang verhandelten beide Seiten. Die Fiat-Spitze holte sich Rat bei George Bush, dem damaligen Chef des US-Geheimdiensts CIA, um sich über Gaddafi zu erkundigen. Der Deal gelang. Unter der Bedingung, sich operativ herauszuhalten, übernahm die libysche Bank ab 1976 bis zu 15,2 Prozent der Fiat-Anteile. Die beiden Gaddafi-Vertreter im Board flogen regelmäßig zu den Sitzungen, schauten in die Bilanzen und zogen weiter - Libyen war in den ersten Jahren ein angenehmer Investor. "Die verhalten sich wie Schweizer Bankiers", sagte Fiat-Patriarch Agnelli einmal.

Für Fiat wurde die Beteiligung jedoch zu einem politischen Problem, Libyen galt mehr und mehr als Terrorstaat, die USA machten Druck. Und so war Agnelli erleichtert, als die Zentralbanktochter 1986 ihre Anteile verkaufte - für 3 Mrd. Dollar, das Sechsfache des Einstiegspreises.

In den Folgejahren konnte das Gaddafi-Regime offiziell kaum wirtschaftlich agieren. Investments oder gar offensichtliche Kapitalverflechtungen waren - bis auf den Aufbau eines Tankstellennetzes in Süd- und Mitteleuropa - undenkbar. Das änderte sich erst vor wenigen Jahren, als die USA 2006 Gaddafis Regime von der Terrorliste strichen. Libyen war von nun an kein Schurkenstaat mehr - die Expansion konnte beginnen.

Noch im selben Jahr gründete Gaddafis Regierung mit 40 Mrd. Dollar Startkapital den Staatsfonds LIA. Die LIA koordiniert seitdem als eine Art Holding die vielfältigen Geschäfte der zahlreichen untergeordneten Staatsfonds und Investmentvehikel. Die LIA, so der Auftrag, soll Libyens Petrodollar recyclen, sie über die ganze Welt verteilen, die Wirtschaft diversifizieren - und Gaddafis Kasse unabhängiger von den auf und ab schwankenden Kursen an den internationalen Rohölmärkten machen. Völlig legal und ohne heimliche Bankkonten oder verschachtelte Beteiligungen.

Formal ist der Fonds unabhängig. Doch der Einfluss des Regimes ist immens. An der LIA-Spitze, deren Vermögen auf rund 70 Mrd. Dollar geschätzt wird, stand bis vor wenigen Tagen Mohammed Lajas, ein enger Gefolgsmann Gaddafis und einer der wichtigsten Manager der "Gaddafi Inc.".

Ein Diktator soll hoffähig werden

Der Investmentbanker und Karrierediplomat hat in Washington studiert und Libyen drei Jahre lang bei der UNO vertreten. Er arbeitete viele Jahre im Topmanagement der Libyan Arab Foreign Bank, die auch bei Fiat engagiert war. Er gilt als weltgewandt, spricht fließend English und gut Französisch und findet immer den angemessenen Ton. Ein Anti-Gaddafi, könnte man meinen. Tatsächlich ist Libyens oberster Investor seinem Chef aber seit Jahrzehnten treu ergeben. "Wie alle anderen Staatsfonds der Region steht auch die LIA unter der Kontrolle des Herrschers", sagt der Staatsfondsexperte Sven Behrendt vom Genfer Beratungshaus Geoeconomica. "Die Grenzen zwischen Privatvermögen und Staatseigentum sind fließend."

Lajas setzt Gaddafis Wünsche um: Er kauft die LIA im Laufe der Jahre in westliche Unternehmen ein, unter anderen bei der Großbank Unicredit, beim italienischen Energieriesen Eni, beim russischen Aluminiumkonzern Rusal, bei der Rüstungsschmiede Finmeccanica, beim britischen Verlag Pearson, zu dem auch die FTD-Schwesterzeitung Financial Times gehört. Zwischenzeitlich hielt der Fonds auch Anteile der belgischen Bank Fortis .

Von Anfang an werben internationale Investoren um die Gunst der Libyer. David Rubinstein, der Mitgründer des Private-Equity-Riesen Carlyle, und Stephen Schwarzman, der Chef des Konkurrenten Blackstone , sind sogar als Gäste auf der Hochzeitsfeier des LIA-Vizechefs Mustafa Sarti eingeladen. "Wenn wir früher investieren wollten, hat niemand unsere Anrufe angenommen", frohlockt LIA-Chef Lajas in einem seiner seltenen Interviews. "Jetzt fliegen die Banker in ihren Privatjets hierher, um uns zu sehen." Er selbst lässt keine Gelegenheit aus, Interesse an weiteren Deals zu bekunden: "Wir haben 32 Mrd. Dollar flüssig", sagt er laut Wikileaks noch Mitte Januar bei einem Treffen mit dem US-Botschafter in Tripolis.

Dabei geht es nicht nur um die Rendite. Gaddafis Geldanleger verfolgen immer auch eine politische Agenda. Sie sollen mit ihren Milliarden dem Regime helfen, politisch salonfähig zu werden. Sie sollen dessen internationalen Einfluss sichern, etwa mit Engagements im südlichen Afrika, wo Gaddafi mit LAP Green Networks bis 2012 den führenden Telekommunikationsanbieter schmieden lässt. Und es geht darum, Libyen selbst zu entwickeln.

Zunehmend treten Oberinvestor Lajas und die anderen Vasallen Gaddafis daher als fordernde Investoren auf - anders als früher und anders als viele andere arabische Staatsfonds, denen es vor allem um die Dividende geht. Von Anfang an drängt Lajas darauf, dass die ausländischen Firmen seines Imperiums in Libyen investieren und ihr Wissen weitergeben. Nur so, lautet der Plan, kann Libyen selbst seine Wirtschaft diversifizieren, weg vom Öl. Zuletzt hatte er über den untergeordneten Staatsfonds Libyan African Investment Portfolio sogar im feinen Londoner Stadtteil Knightsbridge den Hedge-Fonds FM Capital Partners gründen lassen. Dort sollen angeheuerte Investmentbanker Hunderte Millionen Pfund verwalten - und nebenbei der jungen Finanzelite Libyens die Tricks der westlichen Finanzmärkte beibringen. Die "Gaddafi Inc." soll eben mehr sein als ein Ölkonzern mit angeschlossener Finanzabteilung.

In Deutschland sind die Libyer bislang nur mit einer Tankstellenkette aktiv. Um das Öl sicher loszuwerden, hat sich der Staat seit den 80er-Jahren in Europa ein Vertriebsnetz zusammengekauft. Gesteuert wird es über die Holding Oilinvest, die unter dem Namen Tamoil fast 3000 Tankstellen und drei Raffinerien betreibt, eine davon in Hamburg. Zu diesem Imperium zählt auch die Deutsche Tamoil GmbH, die hierzulande mit knapp 400 Tankstellen vor allem unter der Marke HEM rund 1,6 Mrd. Euro umsetzt. Mit Gaddafi will man dieser Tage nicht in Verbindung gebracht werden. "Wir sind ein komplett deutsches Unternehmen", sagt eine Sprecherin. "Natürlich haben wir da diese libysche Mutter, aber mit der haben wir gar nicht so viel zu tun."

Geld aus dem Ölgeschäft

Doch so einfach ist es nicht. Über zwei Muttergesellschaften in Zypern und den Niederlanden gehört die Deutsche Tamoil nämlich zum Staatsfonds LIA. Hauptlieferant der Deutschen ist dem Bundesanzeiger zufolge die Holborn European Marketing Co. Ltd., ebenfalls eine LIA-Tochter, die zum Großteil mit libyschem Öl beliefert wird. Über sie muss die Deutsche Tamoil mindestens 95 Prozent ihrer Kraftstoffeinkäufe abwickeln - die Verbindungen sind also eng.

"Das Geld landet komplett in den Kassen des Gaddafi-Clans", sagt ein Wettbewerber, der sich über die Verschleierungstaktik der Deutschen Tamoil seit Jahren ärgert. Ähnlich schätzt es Wikileaks zufolge auch die US-Botschaft in Tripolis ein: "Mitglieder der Gaddafi-Familie und ihre Kollegen sollen große finanzielle Anteile an Tamoil und an Oilinvest haben", kabelte sie im Jahr 2006. Zudem bezögen "alle Gaddafi-Kinder und Günstlinge bedeutende Einkünfte aus der nationalen Ölgesellschaft".

Wie überall im Land sind die Verstrickungen von Herrscherfamilie und den wichtigsten Unternehmen des Landes unübersehbar. Zwar sitzen meist weder Gaddafi noch seine Kinder direkt in den Gremien der Firmen (Ausnahmen sind die staatlichen Telekom- und Reedereikonzerne). Doch an den Schaltstellen der Macht haben sie ihre Günstlinge platziert - die ihnen einen direkten Zugriff sichern.

An der Spitze des Staatsfonds LIA ist es der Getreue Lajas. An der Spitze der Zentralbank, des wichtigen Finanzhebels des Regimes mit Beteiligungen an etlichen internationalen Großbanken und erheblichem Einfluss vor allem im Nahen Osten, steht Farhat Bengdara. Wie Lajas ist auch er weltgewandt und auf dem internationalen Parkett zu Hause. Seit dem Einstieg bei der italienischen Großbank Unicredit firmiert er als deren Vizepräsident.

Der dritte Topmanager in der "Gaddafi Inc." ist Schukri Ghanim, bisher der Vorstandschef des Nationalen Ölkonzerns (NOC) und staatliche Ölminister. Er gilt als Mentor des Gaddafi-Sohns Saif al-Islam. Vor drei Jahren sei er von Mutassim, einem anderen Gaddafi-Sohn, unter Druck gesetzt worden, diesem 1,2 Mrd. Dollar in bar oder Öllieferungen zukommen zu lassen, kabelte die US-Botschaft in Tripolis 2008. Ghanim soll daraufhin mit Rücktritt gedroht haben, doch bis vor ein paar Tagen blieb er im Amt. Inzwischen soll er aus Libyen geflohen sein. Und auch von Zentralbankchef und Unicredit-Vize Bengdara fehlt jede Spur.

Wie es nun weitergeht beim Ölkonzern, in der Zentralbank oder bei Unicredit, ist unklar. "Wir machen uns Sorgen", sagt Unicredit-Präsident Dieter Rampl über seinen Aktionär.

Was nach dem Regimewechsel kommt

Einige Analysten erwarten, dass es selbst bei einem Regimewechsel in Tripolis keine nennenswerten Wendungen geben wird. Die internationalen Investments könnten nicht so kurzfristig eingezogen werden. Lediglich die rund 20 Mrd. Dollar, die die Staatsfonds in kurzfristige Finanzinstrumente investiert hätten, könnten abgezogen werden. Doch andere Beobachter sehen das anders.

Wer immer künftig die Macht in Libyen halten werde, egal ob Gaddafi oder eine neue Regierung, werde erst einmal kräftig in die Kassen der Staatsfonds greifen, sagt der Staatsfondsexperte Sven Behrendt. "Man muss erst einmal viel Geld verteilen, um die libysche Gesellschaft zu befrieden und zusammenzukitten."

Im besten Falle könnten die Milliarden der "Gaddafi Inc." dann sogar für den Aufbau eines neuen Systems genutzt werden. "Können wir Gaddafis politisches Spielzeug in einen langfristig orientierten Staatsfonds wandeln, zum Wohle künftiger Generationen?", fragt Behrendt. Und er gibt selbst die Antwort: "Ja, es ist möglich."

Sein Zelt jedenfalls wird Gaddafi vorerst nicht mehr in Rom oder anderen europäischen Metropolen aufbauen. Er gilt inzwischen als Persona non grata - und vielen Unternehmern ist inzwischen die Nähe vergangener Tage unangenehm. Die Zeit der "Deals in the Desert", wie die Verträge mit Gaddafi in Großbritannien genannt wurden, ist vorerst vorbei.

Mitarbeit: Tobias Bayer

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