"Mein ganzes Volk liebt mich"

28. Februar 2011, 22:50 Uhr

Seit Tagen kämpft das libysche Volk erbittert gegen Diktator Gaddafi. Doch der ist überzeugt, dass die Bevölkerung treu zu ihm steht. Ein Interview zeigt, dass er den Bezug zur Realität verloren hat.

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Das Volk steht hinter Gaddafi? Offenbar nicht überall. Hier verbrennt ein Mann bei einer Demonstration ein Bild des Diktators©

In einem Interview mit dem US-Fernsehsender ABC hat der libysche Revolutionsführer Muammar al Gaddafi bestritten, dass in der Bevölkerung der Wunsch nach seinem Sturz bestehe. "Mein ganzes Volk liebt mich", zitiert ABC-Reporterin Christiane Amanpour am Montag aus dem Interview. "Sie würden sterben, um mich zu beschützen", sagte Gaddafi weiter.

Der Diktator habe in dem Gespräch abgestritten, dass es in der Hauptstadt Tripolis Demonstrationen gegen seine Regierung gebe, berichtet Amanpour weiter. Außerdem behaupte er, er habe nie Gewalt gegen sein Volk angewandt. Die libysche Zeitung "Kurina" berichtete hingegen am Montag auf ihrer Internetseite, dass Sicherheitskräfte auf unbewaffnete Demonstranten geschossen und dabei mehrere Jugendliche getötet haben. Die Bewaffneten seien Gefolgsleute von Machthaber Muammar Gaddafi. In dem Viertel Tadschura seien knapp 10.000 Demonstranten gegen Gaddafi zusammengekommen. Die Gaddafi-Getreuen seien zivil gekleidet gewesen. Eine unabhängige Bestätigung für den Bericht liegt allerdings nicht vor.

Von den USA verraten

Gaddafi fühlt sich von den USA verraten: "Ich bin erstaunt, dass der Westen uns im Stich gelassen hat - schließlich befinden wir uns gerade im Kampf gegen Terroristen und hatten eigentlich eine gemeinsame Allianz gegen Al Qaida", zitiert ihn die Reporterin. Amanpour war mit einer Gruppe ausländischer Journalisten auf Einladung der libyschen Führung nach Tripolis gereist. Neben Zitaten aus dem Interview verbreitete sie über Twitter außerdem Fotos von dem Treffen mit dem Diktator.

In einem Interview mit dem britischen Sender BBC, das in einem Restaurant in der Nähe des Hafens von Tripolis aufgezeichnet wurde, beschuldigte Gaddafi den Westen, keine Moral zu haben und sein Land kolonisieren zu wollen.

Auf die Frage, ob er aufgeben werde, sagte Gaddafi, er könne gar nicht zurücktreten. Er habe kein offizielles Amt. Die Macht im Land habe das Volk. "Die Welt versteht unser System nicht."

Gaddafi habe über einige seiner Fragen gelacht, erklärte der BBC-Journalist, der mit Gaddafi sprach. Darunter sei der Vorschlag gewesen, Libyen zu verlassen. Der Diktator habe unbesorgt über den Druck aus dem Ausland gewirkt.

Großbritannien dreht den Geldhahn zu

Gaddafi steht innen- und außenpolitisch unter Druck. Augenzeugen zufolge nähert sich der Aufstand gegen ihn der Hauptstadt, nachdem er die Kontrolle über den Osten des Landes verloren hat. Die internationale Gemeinschaft hat Sanktionen beschlossen und führt Diskussionen über die Einrichtung einer Flugsverbotszone. Die britische Regierung erklärte am Montag, ein Einsatz des Militärs werde nicht ausgeschlossen. Ein Sprecher wies später Spekulationen über einen Einsatz britischer Bodentruppen zurück.

Aktiv wurden die Briten hingegen auf wirtschaftlicher Ebene: Großbritannien hat den Transfer von umgerechnet etwa einer Milliarde Euro nach Libyen gestoppt. Das Finanzministerium in London habe "die Ausfuhr von 900 Millionen Pfund in Banknoten" verhindern können, sagte Premierminister David Cameron am Montag vor dem Unterhaus des britischen Parlaments. Einem Bericht der Tageszeitung "Financial Times" zufolge wollten sich Vertraute von Libyens Machthaber Muammar el Gaddafi die frisch gedruckten Geldscheine in der vergangenen Woche im Nordosten Großbritanniens auszahlen lassen und nach Libyen bringen.

Als das Ansinnen den Behörden gemeldet wurde, spielte das Finanzministerium nach Angaben der Zeitung tagelang auf Zeit, um die notwendigen Schritte zum Einfrieren des Vermögens durchsetzen und die Auszahlung des Geldes verhindern zu können. Vor allem die Zollbehörden hätten sich bei der Bearbeitung der notwendigen Formalitäten viel Zeit gelassen. Nach Angaben der Tageszeitung "The Guardian" zögerten sie vor allem die Diskussion über den Transport des Geldes von seiner Lagerstätte zum Flughafen so lange hinaus, bis die Regierung den Transfer der Banknoten nach Libyen am Sonntag rechtsverbindlich stoppen konnte.

USA frieren Libyen-Vermögen ein

Die USA haben im Zuge ihrer Libyen-Sanktionen bisher mindestens 30 Milliarden Dollar (21 Milliarden Euro) an libyschem Regierungsvermögen eingefroren. Dies sei die höchste Summe, die jemals bei Sanktionen in den USA blockiert worden sei, teilte das Finanzministerium in Washington mit.

Zugleich betonte Regierungssprecher Jay Carney, dass sich die USA in der Libyen-Krise alle Optionen offenhalten. "Wir lassen alle Optionen auf dem Tisch", sagte er nach einem Treffen von Präsident Obama mit UN-Generalsekretär Ban Ki Moon im Weißen Haus. Carney bestätigte Truppenbewegungen der USA in der Region. Es seien Kriegsschiffe in der Region neu positioniert worden. Dies sei vor allem mit Blick auf mögliche Hilfen für die notleidende Zivilbevölkerung in Libyen geschehen.

UN-Botschafterin Susan Rice machte deutlich, dass die USA den libyschen Staatschef Muammar al-Gaddafi für nicht mehr voll zurechnungsfähig halten. Wenn Ghaddafi jetzt in Interviews behaupte, es gebe keine Gewalt in seinem Land, zeige dies, dass er "wahnhaft" sei und die Verbindung zur Wirklichkeit verloren habe. "Er ist nicht in der Lage, das Land zu führen".

ukl/AFP/Reuters/DPA
 
 
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