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18. März 2008, 09:46 Uhr

"Rumsfeld wusste alles"

Lynndie England hat dem Skandal um die Folterpraktiken im irakischen Gefängnis Abu Ghraib ein Gesicht gegeben. Im stern-Interview berichtet die damalige US-Soldatin von den Folterpraktiken, der angeblichen Mitwisserschaft der Geheimdienste und der Politik - und ihrem Leben danach.

Eines der zentralen Bilder des Skandals: Auf diesem Foto, das die "Washington Post" Ende Mai 2004 veröffentlichte, ist Lynndie England zu sehen, wie sie einen irakischen Gefangenen scheinbar an einer Hundeleine hält© AFP

Die US-Soldatin Lynndie England, 25, die durch die Bilder aus dem irakischen Foltergefängnis Abu Ghraib auf traurige Weise weltberühmt geworden war, hat sich erstmals seit ihrer Haftentlassung im März 2007 ausführlich über die Vorgänge und den Gefangenen-Missbrauch dort geäußert. In einem Exklusiv-Interview mit dem stern sagt sie, dass ihre Vorgesetzten bis hinauf zum damaligen Verteidigungsminister Donald Rumsfeld über die Folter-Praktiken informiert waren: "Wir wussten doch, dass unsere Offiziere davon wussten, auch unsere Sergeants. Wir dachten, wenn unsere Vorgesetzten davon wissen, wissen es auch die ganz oben. Ich bin immer noch davon überzeugt, dass auch Rumsfeld alles wusste. Er war in Abu Ghraib während meiner Zeit. Wie soll er nicht davon gewusst haben? Und Bush? Der steht an der Spitze."

Ihre Kompanie, die 372. Militärpolizei-Einheit, habe nach ihrer Ankunft im Frühherbst 2003 lediglich fortgesetzt, was in Abu Ghraib anscheinend zuvor schon üblich war: "Als wir eintrafen im September waren die Gefangenen schon nackt, sie trugen schon Frauen-Unterwäsche, sie waren schon in Stress-Positionen gebracht worden. Das lief schon eine ganze Weile so in Abu Ghraib, lange vor uns. Wir übernahmen diese Praktiken von unseren Vorgängern", erklärte sie gegenüber dem stern. Der Missbrauch sei vom Militär und den Geheimdienstlern sogar ausdrücklich abgesegnet worden. "Soften them up", "kocht sie weich", sollen die Männer England zufolge gesagt haben. "Sie gaben genaue Instruktionen über Schlafentzug, Essen oder auch darüber, dass der Gefangene nackt in der Zelle auf dem Boden schlafen solle."

"Hoffentlich kommen die Fotos nie raus"

England, die damals gerade 21 Jahre alt war, zeigt im stern-Interview nur wenig Reue. Sie habe sich die ganze Zeit "nicht richtig schuldig gefühlt, weil ich Befehlen folgte. Weil ich tat, was ich tun musste." Gleichwohl war sie sich seinerzeit offenbar schon über die schockierende Wirkung der Bilder bewusst. "Ich dachte, hoffentlich kommen die Fotos nie raus! Die Menschen werden einen anderen Blick auf den Krieg und Amerika kriegen. Und so ist es dann auch passiert." Die Folgen waren gravierend. "Ich gebe zu, vielleicht habe ich tausende Menschen getötet, aber nicht direkt. Es war ein Resultat der Fotos. Nachdem das publik wurde, griffen Iraker die Amerikaner und Briten an, und die schlugen zurück, und irgendwann töteten sie sich gegenseitig."

Sie habe vieles, vor allem das Posieren vor den Gefangenen, aus Liebe zu ihrem früheren Freund und Folter-Anführer Charles Graner getan, sagt sie in dem Gespräch: "Ich hatte damals schon ein ungutes Gefühl. Aber ich folgte Graner. Ich tat alles, was er wollte. Ich wollte ihn nicht verlieren."

"Jeder erkennt mein Gesicht"

Lynndie England verbüßte 521 Tage ihrer drei Jahre Haft und kam im März 2007 auf Bewährung frei. Sie lebt in Fort Ashby, West Virginia, gemeinsam mit ihren Eltern und ihrem drei Jahre alten Sohn Carter Allan, dessen Vater Charles Graner ist. England ist arbeitslos und noch heute eine Gefangene der Fotos: "Ich kann nirgendwo hingehen, weil mich alle erkennen. Jeder erkennt mein Gesicht und meine Stimme. Ich habe mein Haar gefärbt, aber trotzdem hat mich jeder erkannt. Mich erkennen sie sogar, wenn ich Hut und Sonnenbrille trage."

Das komplette Interview...

Das komplette Interview... ... mit Lynndie England lesen Sie im neuen stern.

 
 
KOMMENTARE (10 von 35)
 
davidhigh (20.03.2008, 18:05 Uhr)
kein Raum II
Alles in allem scheint es sich ja noch zu lohnen ?
Kurz in den Irak, ein bißchen Foltern, natürlich vollkommen ohne Gefühl, geschweige denn diese innere Geilheit Menschen kriechen zu lassen (nachdem sie selbst ja so aussieht, als sei sie zu oft der Verlierer gewesen, in Schule, Privatem...), dabei in zufälliger bzw. fahrlässiger Weise ertappt zu werden,
eineinhalb (!!!) Jahre in einem Militärgefängnis in der Küche arbeiten (Ponyhof im Vergleich zu 'richtigen' am. Gefängnissen),
und jetzt, wo man diesen dummen kleinen Menschen gerade wieder vergessen hat, kommt sie wieder und macht das Geschäft ihres Lebens.
Und natürlich weiss sie auch wie: "Rumsfeld hat alles gewusst" q.e.d.
So ne scheisse, das macht mich richtig wütend, wieviel zahlt Stern dafür, wenn man Fragen darf ?
Administrator (19.03.2008, 17:32 Uhr)
@ecomoc4u
Liebe/r ecomoc4u,
vielen Dank für Ihren Beitrag. Ihr erstes Posting mussten wir leider löschen.
Auch wenn es schwerfällt: Wir bitten auch in diesem Zusammenhang um eine sachliche Debatte und werten Bezeichnungen wie "Schlampe" auch hier als Beleidigung. Da Sie Ihre Aussagen nun sachlicher formuliert haben, ist aber alles in Ordnung.
Herzliche Grüße,
Ihre stern.de-Admins
ecomoc4u (19.03.2008, 17:21 Uhr)
Theoretiker dieser Welt.
Ich finde mein Kommentar nicht mehr.
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Na ja... wollte eigentlich nur den Theoretikern hier nochmal das Spiel erklären.
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Natürlich wussten ihre Vorgesetzten davon. Sonst hätte sie ja den Befehl zum Foltern gar nicht ausführen können. Jeder der einmal in der Armee gedient hat weiss das. Soweit ich die Struktur einer Armee kenne, ist das ja auch ganz normal. Und natürlich wussten auch die Vorgesetzten ihrer Vorgesetzten davon. Ich bin sogar überzeugt, das Busch, Rumsfeld und der Rest der Banditen alles wussten. Klar hat sie natürlich nur Befehle ausgeführt, aber sie war es nunmal letztendlich, welche die Taten umgesetzt hatte.
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Ich jedenfalls, sofern ich nicht selbst dafür gefoltert werden würde, würde so einen Befehl nicht ausführen. Das könnte ich mit meiner Menschenwürde nicht vereinbaren. Das mag für andere Leser hier nicht so gelten, ich verstehe aber eigentlich auch die Kritik an mich irgendwie nicht genau.
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Nach dieser Logik, "Sie musste ja so handeln, weil es ein Befehl von oben war", wären alle Deutschen vor 60 Jahren Nazis gewesen. Aber da wehrt sich der Theoretiker natürlich.
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Ich kann mich nur wiederholen. Dafür müsste sie lebenslänglich bekommen.
Alex64 (19.03.2008, 09:22 Uhr)
Ausserdem
mal wieder ein echtes Stück "Qualitätsjournalismus"...
Schlagzeile : "Rumsfeld wusste alles"
Fakten?
I wo - zusammenfabuliert aus der einfachen Vermutung einer unintelligenten unteren Befehlsempfängerin: "Ich bin immer noch davon überzeugt, dass auch Rumsfeld alles wusste. Er war in Abu Ghraib während meiner Zeit. Wie soll er nicht davon gewusst haben? Und Bush? Der steht an der Spitze."
Wäre in etwas das Gleiche wie: "Gott existiert wirklich".
"preachthegospel ist der festen Überzeugung...."
tagora-sagittara (19.03.2008, 08:29 Uhr)
Freier Wille,...
und das andere ist die Reaktion auf Angst,... das ist das Tier und der Wille zu überleben.
So ein Hillbilly wie England hat halt einen sehr neidrigen IQ. Solche Menschen sind so dumm, die würden sich selbst fressen wenn es der richtige befiehlt.
@HospelGospel:
Du solltest richtig kleine Brötchen backen,... 90% aller Kriege werden und wurden aus dem (Irr)Glauben geführt. Denk mal drüber nach!!
Alex64 (19.03.2008, 07:26 Uhr)
Na ja.
Jeder, der in einer "Freiwilligenarmee" "dient", muss irgendwann damit rechnen, auch in den Krieg ziehen zu müssen (dazu ist diese Armee nämlich da, und nicht als bequemer Ausbildungs- und Arbeitsplatz).
Nun ist aber jeder Armeeangehörige für sich ein Individuum und reagiert auf differierende Situationen auch unterschiedlich - obwohl im gegensatz dazu jede Armee sich bemüht, gerade diese Individualität wegzutrainieren und den "Robotsoldaten" zu schaffen, der prompt auf Befehle seines Vorgesetzten reagiert (was bei einem wirklichen Ernstfall auch (überlebens)wichtig ist)...
Den "geistigen Spagat" zwischen Befehlsverweigerung wenn nötig und möglich und rascher angemessener Reaktion ohne Diskussion aufgrund eines erteilten Befehls wenn dies unumgänglich ist schaffen eben nicht alle - und ganz sicher ungebildete junge Menschen ohne moralisch gefestigtes Weltbild noch weniger....
Übrigens, economoc, bevor du dir noch mehr Mühe machst, "Degradtion" richtig zu schreiben: Das heisst Degradierung - nur für den Fall, dass dich mal jemand fragt.
Vincent_Vega (19.03.2008, 06:38 Uhr)
Jeder Mensch ist ein potentieller Mörder
@deholgi
jeden Soldaten als (potentiellen) Mörder zu bezeichnen, ist weit hergeholt.
Tatsacdhe ist, dass gerade in Deutschland in den letzten 60 Jahren mehr Menschen durch Zivilisten ermordet wurden als durch Soldaten in ihrer Funktion als Soldat.
England ist für mich ein Bauernopfer in einem Spiel, indem diejenigen die mehr Dreck am Strecken haben und -im Gegensatz zu England- sogar Tötungen angeordnet haben, fein im Zwirn in ihrem Büro sitzen und sich die Hände in Unschuld waschen.
deholgi (18.03.2008, 22:14 Uhr)
@wintersaint
Nichts begriffen, mit anderen Worten "Are you Bush?".
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Menschen die freiwillig in den Krieg ziehen, sind potentielle Mörder (Schänder, Folterer...).
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Ein normal denkender Mensch will nicht in den Krieg ziehen, es sei denn, er wird von seinem "Heimatland" dazu gezwungen.
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Und ich kann noch immer kein moralische Entschuldigung für jedwedes Verbrechen im Krieg eines Einzelnen erkennen, daher sage ich: Soldaten sind Mörder!
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Und Bush ist der grösste Kriegstreiber in diesem Jahrhundert.
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Holgi
wintersaint (18.03.2008, 21:24 Uhr)
stimmt nicht!
Kein Experiment hat je bewiesen dass jeder bei so etwas zwangsläufig mitmachen wird. Das ist falsch. Punkt. Jeder Soldat lernt in der Ausbildung auch seine Rechte und Pflichten im Krieg. Es stimmt dass auch andere einen Teil der Schuld tragen, aber England ist verurteilt worden, weil sie ihren Teil der Verpflichtungen nicht eingehalten hat. Oder sollen die ganze SS Folterknechte aus Auschwitz sagen: "ja, der Herr Milgram hat aber gezeigt dass wir völlig unschuldig sind"? Lasst euren Hass auf irgendwelche Symbolfiguren wie Cheney etc. euch nicht davon ablenken dass auch jeder Mensch eine persönliche Verantwortung trägt. Immer. Und was die Frau England da getrieben hat, geht doch sehr weit. Wenn das zwangsläufig so sein müsste würde es das wesentlich öfter geben. Tut es aber nicht.
Und, mal ehrlich, habt Ihr je einen Mörder/Vergewaltiger erlebt, der sagt, ja, stimmt, ich war schuld, alles ist war verurteilt mich dass ich mich bessern kann? Fast jeder "Täter" wird, wenn er Gelegenheit dazu hat seine Tat leugnen und die Verantwortung auf andere schieben. Schon mal einen Autounfall gesehen wo einer bei nasser Fahrbahn einen Auffahrunfall gebaut hat und der dann gleich sagt, er sei zu schnell gefahren? Der gibt der nassen Fahrbahn die Schuld!
dutchinmex (18.03.2008, 20:27 Uhr)
Das Milgram-Experiment
ist eine erschreckende Studie aus 1961 ueber den blinden Gehorsam von Individuen der "Autoritaet" gegenueber. Googlen und lesen! Dan wundert man sich hier gar nicht mehr darueber.
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