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Ein Land, das mit sich selbst Krieg führt

Seit dem Tod bin Ladens grübelt der Westen, ob die pakistanische Regierung vom Versteck des Terroristen wusste. Interessanter ist die Frage, ob sie überhaupt etwas wissen wollte. Denn in Pakistan scheint es besser zu sein, wenn man nichts weiß.

Von Manuela Pfohl

  US-Verteidigungsminister Gates, Generalstabschef Admiral Mike Mullen: Kein Beweis, dass Pakistan wusste, wo bin Laden ist

US-Verteidigungsminister Gates, Generalstabschef Admiral Mike Mullen: Kein Beweis, dass Pakistan wusste, wo bin Laden ist

  • Manuela Pfohl

An den 2. Mai 2011 wird sich Pakistans Premierminister Yousuf Raza Gilani künftig wohl eher ungern erinnern. Denn es war der Tag, an dem die USA Osama bin Laden besiegten und Yousuf Raza Gilani ein Problem mehr an den Hacken hatte. Alle Welt wollte nämlich danach wissen, wie es dem international gesuchten Staatsfeind Nr.1 gelingen konnte, sich jahrelang in Pakistan zu verstecken. In Abbottabad, wo sich nicht nur die wichtigste Militärakademie des Landes befindet, sondern auch zahlreiche aktive und pensionierte pakistanische Militärs und Geheimdienstler leben.

Auch der US-Präsident verstärkte den Druck auf Pakistan. Barack Obama forderte die Regierung in Islamabad auf, die Helfer des Topterroristen beim Namen zu nennen. "Wir glauben, dass es ein Unterstützer-Netzwerk in Pakistan gegeben hat." Unklar sei nur, ob bin Ladens Helfer aus dem Kreis der Regierung stammten.

Dass er oder einer seiner Minister irgendetwas mit den Radikalen zu tun haben könnte, wies der Premier natürlich umgehend von sich. Dass es ansonsten jede Menge Sympathisanten für den Al-Kaida-Chef in Pakistan gibt, könnte Yousuf Raza Gilani hingegen sofort unterschreiben. Denn in weiten Teilen der konservativ islamischen Bevölkerung herrscht ein handfester Antiamerikanismus. Das "find, fix, finish" im Fall bin Laden machte das Gefühl der Unterlegenheit gegen den mächtigen Partner aus dem Westen noch komplett. Der Premierminister steckt also in einer Zwickmühle.

Washington verprellen kann er nicht, weil sein Land am finanziellen Tropf der Supermacht hängt. Seinem Volk wiederum muss er deutlich machen, dass er eigenmächtige US-Operationen wie die zur Tötung des Al-Kaida-Chefs nicht dulden kann. Vor dem Parlament drohte Gilani den USA deshalb mit markigen Worten mit Gegengewalt. Auch die Armee stellte die Zusammenarbeit mit den USA infrage. Offiziell.

Ein "ganz normaler politischer Deal"

Inoffiziell soll es allerdings ein noch immer geltendes Geheimabkommen zwischen dem früheren US-Präsidenten George W. Bush und dem ehemaligen pakistanischen Militärmachthaber Pervez Musharraf geben. Die Regierungschefs hätten nach der Flucht bin Ladens aus Afghanistan Ende 2001 vereinbart, dass die USA das Recht hätten, den Al-Kaida-Chef eigenmächtig in Pakistan zu verfolgen, schreibt der britische "Guardian" unter Berufung auf anonyme Quellen. In einem solchen Fall würde Pakistan anschließend lautstark gegen den Einsatz protestieren.

Klingt nach einem "ganz normalen" politischen Deal. Doch offenbar ist die Frontlinie so einfach nicht zu ziehen. Pakistankenner verzweifeln regelmäßig an dem Versuch, die wirklichen Machtverhältnisse des Landes zuverlässig auseinanderzudeklinieren. Sicher scheint nur, was der Journalist Christoph Reuter sagt. Nämlich: "Pakistan führt einen Krieg gegen sich selbst."

Gegner gibt es genug. Den pakistanischen Geheimdienst Inter-Services Intelligence (ISI) beispielsweise. Er soll entgegen der Politik seiner Regierung Verbindungen zu den Taliban in Afghanistan und Al-Kaida-Kämpfern im Grenzgebiet unterhalten. Afghanistan und Indien erheben diesen Vorwurf ebenso regelmäßig, wie ihn Pakistan zurückweist. Obwohl offiziell dem Militär unterstellt, agiert der rund 10.000 Mitarbeiter starke ISI oft wie ein Staat im Staate und entzieht sich dem Einfluss von Armeeführung und Regierung.

Mit ISI-Hilfe hatte die US-Regierung in den 1980er Jahren den Kampf der afghanischen Mudschaheddin gegen die sowjetischen Besatzer unterstützt. Mehr als 80.000 Rebellen wurden ausgebildet, bewaffnet und bezahlt. Aus den 1994 entstandenen radikal-islamischen Taliban formten ISI-Agenten eine schlagkräftige Armee, die 1996 in Kabul die Macht übernahm.

Die USA und ihr ISI-Spion

Da wundert es kaum, dass der frühere Chef des ISI, Hamid Gul, bis heute zu den größten Kritikern der pakistanischen Regierung gehört. Er nannte bin Laden in Interviews einen "Freiheitskämpfer", Selbstmordanschläge bezeichnete er als "Waffe des armen Mannes". Und Afghanistan hält er für ein besetztes Land.

US-Generalstabschef Mike Mullen hat den ISI wegen dessen Verbindungen zum radikalislamischen Netzwerk kritisiert. Der Geheimdienst soll weiterhin in Indien aktive Terrorgruppen wie Lashkar-e-Taiba fördern, die dort für zahlreiche Anschläge verantwortlich sind. Vor diesem Hintergrund wird Pakistan in einer Mitte 2010 veröffentlichten Studie der London School of Economics unverblümt ein "doppeltes Spiel erstaunlichen Ausmaßes" vorgeworfen.

Die USA hätten also guten Grund, den pakistanischen Schlapphüten zu misstrauen. Doch was tun die Amerikaner? Um das fragile Verhältnis zu Pakistan zumindest in der Öffentlichkeit zu retten, kehren sie wichtige Indizien unter den Tisch, die enge Bande zwischen dem pakistanischen Geheimdienst und Terroristen belegen.

Etwa in einem Prozess in Chicago: Dort wurde kürzlich ein hochrangiger ISI-Offizier wegen seiner terroristischen Verbindungen angeklagt. Der Agent soll im Rahmen der blutigen Anschläge von Mumbai 2008 geholfen haben, sechs Amerikaner zu töten, berichtet die seriöse amerikanische Stiftung investigativer Journalisten "Pro Publica". In der Anklageschrift zum Prozess, der am 16. Mai begann, wird nach Informationen von "Pro Publica" verwischt, dass "Major Iqbal" ISI-Spion ist. Dies gehe aber aus anderen Dokumenten der US-Regierung eindeutig hervor.

Undurchsichtige Komplizenschaften

Sieht aus, wie die Taktik der Verwirrung des Gegners. Ein Kriegsspiel, das offenbar auch das pakistanische Militär perfekt beherrscht. Armeechef Ashfaq Parvez Kayani wies die "negative Propaganda" zurück, sein Land würde zu wenig im Kampf gegen die Extremisten tun. Die andauernden Militäreinsätze gegen die Aufständischen im Grenzgebiet seien ein Beweis für die "nationale Entschlossenheit, den Terrorismus zu besiegen", erklärte Kayani. Tatsächlich hat das Militär mehr als 100.000 Soldaten an der pakistanisch-afghanischen Grenze gegen Islamisten im Einsatz, die auch in Pakistan blutige Terroranschläge verüben. Zudem wurde vor mehr als einem Jahr der Taliban-Vizechef Mullah Abdul Ghani Baradar in Karachi festgenommen.

Der Leiter der Konrad-Adenauer-Stiftung in Pakistan, Babak Khalatbari glaubt, dass die Spitze des Militärapparates wirklich versuche, extremistische Gruppen zu schwächen. Das Militär sei aber keine homogene Organisation, sondern so komplex zusammengesetzt "wie die Fangruppen des FC St. Pauli", sagt er. Offiziere, die die extremistischen Gruppen damals mit aufgebaut hätten, seien zum Teil noch in alten Denkmustern gefangen. Waren es also die "alten Denkmuster" einzelner Militärs, die bin Laden schützten?

Ein deutscher Pakistan-Experte hält diese Frage bereits für beantwortet. "Ich bin hundert Prozent sicher, dass es Komplizenschaft ist", sagt er. "So inkompetent können die Sicherheitskräfte gar nicht sein. Abottabad ist eine reine Garnisonsstadt, in der alles vom Militär und vom ISI kontrolliert wird. Wer schon einmal da war, der weiß, dass keine Bewegung ohne Kontrolle möglich ist. Und sich als Ausländer da niederzulassen schon gar nicht." Zwar gingen die Sicherheitskräfte gegen Extremisten vor, die im eigenen Land Anschläge verübten. "Aber das Interesse, den internationalen Terrorismus zu bekämpfen, ist gleich Null."

Regierung im "friendly fire"

Die Karriere von Armeechef Ashfaq Parvez Kayani nährt solche Zweifel. Kayani steht seit Oktober 2007 an der Spitze der pakistanischen Streitkräfte. Ins Amt gehoben wurde er vom damaligen Präsidenten Pervez Musharraf, der den Posten des Armeechefs nach massivem politischem Druck räumen musste. Und was tat Kayani vor seiner Militärzeit? Der General leitete den Militärgeheimdienst ISI.

Fragt sich nur, warum die Regierung in Islamabad die offensichtlichen alten Seilschaften nicht kappt. Die Antwort ist einfach: Sie kann nicht. Denn es wäre der blanke "Selbstmord". Seit die USA immer selbstbewusster - und notfalls eben auch ohne Genehmigung der pakistanischen Regierung, ihre Militäraktionen in Pakistan durchführen, rumort es gewaltig. Selbst aus der eigenen Volkspartei PPP gibt es Rücktrittsforderungen an Präsident Asif Ali Zardari und Premierminister Yousuf Raza Gilani. Ex-Außenminister Shah Mehmood Qureshi warf dem Staats-und dem Regierungschef vor, sie könnten Land und Volk nicht verteidigen.

Der Fraktionschef der wichtigsten Oppositionspartei PML-N, Chaudhry Nisar Ali Khan, sagte gar: "Die Abbottabad-Operation war der Mord an unserer Ehre und zeigt, dass es keine Regierung in diesem Land mehr gibt." Ibrahim Khan von der islamistischen Jamat Islami (JI) forderte die Bestrafung all jener, die das Eindringen der Amerikaner nicht bemerkten - darunter auch die Armee- und Geheimdienstführung. Dass die USA sich bemühen, die pakistanische Regierung aus dem Schussfeld zu holen, wirkt da fast schon wie "friendly fire". Zwar forderten Obama und sein Sicherheitsberater Thomas Donilon Pakistan auf, Tacheles im Fall bin Laden zu reden. Doch beeilte sich Donilon zu betonen: "Ich kann versichern, dass ich keine Beweise gesehen habe, die darauf hindeuten, dass die politische, militärische oder geheimdienstliche Führung Vorkenntnisse hatte."

"Fundamentalisten stärker als liberale Minderheit"

Bleibt noch die Frage, auf welcher Position das pakistanische Volk steht.

Glaubt man dem pakistanischen Bestseller-Autor Ahmed Rashid, dann gibt es auch da keine klare Position. Rashid sieht die Extremisten in seiner Heimat auf dem Vormarsch. Pakistan durchlaufe derzeit "ohne jeden Zweifel" die schlimmste Krise seit der Staatsgründung im Jahr 1947. "Die Zivilgesellschaft ist auf dem Rückzug." im Kampf um die schweigende Mehrheit in Pakistan seien die immer stärkeren Fundamentalisten gegenüber der liberalen Minderheit im Vorteil.

"Die Lage im krisengeschüttelten Pakistan, in dem rund 190 Millionen Menschen leben, muss als ernst, aber nicht hoffnungslos beschrieben werden", schreibt hingegen der Leiter der Konrad-Adenauer-Stiftung in Pakistan, Babak Khalatbari Khalatbari. Wichtig sei, dass das Land in der schwierigen Situation auch weiterhin vom Westen Finanzmittel, Handelskonzessionen sowie Unterstützung für die Aufstandsbekämpfung erhalte.

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