Ein Land, das mit sich selbst Krieg führt

18. Mai 2011, 21:28 Uhr

Seit dem Tod bin Ladens grübelt der Westen, ob die pakistanische Regierung vom Versteck des Terroristen wusste. Interessanter ist die Frage, ob sie überhaupt etwas wissen wollte. Denn in Pakistan scheint es besser zu sein, wenn man nichts weiß. Von Manuela Pfohl

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US-Verteidigungsminister Gates, Generalstabschef Admiral Mike Mullen: Kein Beweis, dass Pakistan wusste, wo bin Laden ist©

An den 2. Mai 2011 wird sich Pakistans Premierminister Yousuf Raza Gilani künftig wohl eher ungern erinnern. Denn es war der Tag, an dem die USA Osama bin Laden besiegten und Yousuf Raza Gilani ein Problem mehr an den Hacken hatte. Alle Welt wollte nämlich danach wissen, wie es dem international gesuchten Staatsfeind Nr.1 gelingen konnte, sich jahrelang in Pakistan zu verstecken. In Abbottabad, wo sich nicht nur die wichtigste Militärakademie des Landes befindet, sondern auch zahlreiche aktive und pensionierte pakistanische Militärs und Geheimdienstler leben.

Auch der US-Präsident verstärkte den Druck auf Pakistan. Barack Obama forderte die Regierung in Islamabad auf, die Helfer des Topterroristen beim Namen zu nennen. "Wir glauben, dass es ein Unterstützer-Netzwerk in Pakistan gegeben hat." Unklar sei nur, ob bin Ladens Helfer aus dem Kreis der Regierung stammten.

Dass er oder einer seiner Minister irgendetwas mit den Radikalen zu tun haben könnte, wies der Premier natürlich umgehend von sich. Dass es ansonsten jede Menge Sympathisanten für den Al-Kaida-Chef in Pakistan gibt, könnte Yousuf Raza Gilani hingegen sofort unterschreiben. Denn in weiten Teilen der konservativ islamischen Bevölkerung herrscht ein handfester Antiamerikanismus. Das "find, fix, finish" im Fall bin Laden machte das Gefühl der Unterlegenheit gegen den mächtigen Partner aus dem Westen noch komplett. Der Premierminister steckt also in einer Zwickmühle.

Washington verprellen kann er nicht, weil sein Land am finanziellen Tropf der Supermacht hängt. Seinem Volk wiederum muss er deutlich machen, dass er eigenmächtige US-Operationen wie die zur Tötung des Al-Kaida-Chefs nicht dulden kann. Vor dem Parlament drohte Gilani den USA deshalb mit markigen Worten mit Gegengewalt. Auch die Armee stellte die Zusammenarbeit mit den USA infrage. Offiziell.

Ein "ganz normaler politischer Deal"

Inoffiziell soll es allerdings ein noch immer geltendes Geheimabkommen zwischen dem früheren US-Präsidenten George W. Bush und dem ehemaligen pakistanischen Militärmachthaber Pervez Musharraf geben. Die Regierungschefs hätten nach der Flucht bin Ladens aus Afghanistan Ende 2001 vereinbart, dass die USA das Recht hätten, den Al-Kaida-Chef eigenmächtig in Pakistan zu verfolgen, schreibt der britische "Guardian" unter Berufung auf anonyme Quellen. In einem solchen Fall würde Pakistan anschließend lautstark gegen den Einsatz protestieren.

Klingt nach einem "ganz normalen" politischen Deal. Doch offenbar ist die Frontlinie so einfach nicht zu ziehen. Pakistankenner verzweifeln regelmäßig an dem Versuch, die wirklichen Machtverhältnisse des Landes zuverlässig auseinanderzudeklinieren. Sicher scheint nur, was der Journalist Christoph Reuter sagt. Nämlich: "Pakistan führt einen Krieg gegen sich selbst."

Gegner gibt es genug. Den pakistanischen Geheimdienst Inter-Services Intelligence (ISI) beispielsweise. Er soll entgegen der Politik seiner Regierung Verbindungen zu den Taliban in Afghanistan und Al-Kaida-Kämpfern im Grenzgebiet unterhalten. Afghanistan und Indien erheben diesen Vorwurf ebenso regelmäßig, wie ihn Pakistan zurückweist. Obwohl offiziell dem Militär unterstellt, agiert der rund 10.000 Mitarbeiter starke ISI oft wie ein Staat im Staate und entzieht sich dem Einfluss von Armeeführung und Regierung.

Mit ISI-Hilfe hatte die US-Regierung in den 1980er Jahren den Kampf der afghanischen Mudschaheddin gegen die sowjetischen Besatzer unterstützt. Mehr als 80.000 Rebellen wurden ausgebildet, bewaffnet und bezahlt. Aus den 1994 entstandenen radikal-islamischen Taliban formten ISI-Agenten eine schlagkräftige Armee, die 1996 in Kabul die Macht übernahm.

Die USA und ihr ISI-Spion

Da wundert es kaum, dass der frühere Chef des ISI, Hamid Gul, bis heute zu den größten Kritikern der pakistanischen Regierung gehört. Er nannte bin Laden in Interviews einen "Freiheitskämpfer", Selbstmordanschläge bezeichnete er als "Waffe des armen Mannes". Und Afghanistan hält er für ein besetztes Land.

US-Generalstabschef Mike Mullen hat den ISI wegen dessen Verbindungen zum radikalislamischen Netzwerk kritisiert. Der Geheimdienst soll weiterhin in Indien aktive Terrorgruppen wie Lashkar-e-Taiba fördern, die dort für zahlreiche Anschläge verantwortlich sind. Vor diesem Hintergrund wird Pakistan in einer Mitte 2010 veröffentlichten Studie der London School of Economics unverblümt ein "doppeltes Spiel erstaunlichen Ausmaßes" vorgeworfen.

Die USA hätten also guten Grund, den pakistanischen Schlapphüten zu misstrauen. Doch was tun die Amerikaner? Um das fragile Verhältnis zu Pakistan zumindest in der Öffentlichkeit zu retten, kehren sie wichtige Indizien unter den Tisch, die enge Bande zwischen dem pakistanischen Geheimdienst und Terroristen belegen.

Etwa in einem Prozess in Chicago: Dort wurde kürzlich ein hochrangiger ISI-Offizier wegen seiner terroristischen Verbindungen angeklagt. Der Agent soll im Rahmen der blutigen Anschläge von Mumbai 2008 geholfen haben, sechs Amerikaner zu töten, berichtet die seriöse amerikanische Stiftung investigativer Journalisten "Pro Publica". In der Anklageschrift zum Prozess, der am 16. Mai begann, wird nach Informationen von "Pro Publica" verwischt, dass "Major Iqbal" ISI-Spion ist. Dies gehe aber aus anderen Dokumenten der US-Regierung eindeutig hervor.

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