Das Verschwinden der Maddie McCann aus einer Ferienanlage in Portugal hat sich zum geheimnisvollsten Kriminalfall des Jahres entwickelt. Die Eltern taten alles, um das Mädchen wiederzufinden. Perfekt und kontrolliert, geradezu unheimlich. Und so fragten sich viele: Haben sie etwas zu verbergen? Von Cornelia Fuchs

Kate und Gerry McCann bei einem Interview mit dem portugiesischen Fernsehen im August 2007© Francisco Leong/AP
Wenn Pater Paul Seddon sich an dieses Telefongespräch in der Nacht zum 4. Mai erinnert, dann wird die Stimme des bulligen Mannes ganz leise. Es war Kate McCann, die ihn damals anrief, völlig außer sich. Sie flehte ihn an, für ihre Tochter zu beten - was solle sie bloß tun, was solle sie tun? Die McCanns suchten da schon seit vier Stunden nach ihrer Tochter Madeleine, sie war scheinbar spurlos verschwunden aus ihrem Bett in der Ferienanlage im portugiesischen Praia da Luz.
Paul Seddon ist der Familienpriester der McCanns. Er hat sie 1998 getraut und später Madeleine getauft, als diese etwas über ein Jahr alt war. Es waren fröhliche, ausgelassene Feiern, so kennt er die Familie. Am 4. Mai jedoch hört Seddon nur noch pure Verzweiflung. Genau wie Philomena McCann, die kurz vor Mitternacht von ihrem Bruder Gerry McCann angerufen wurde: "Er brüllte in den Hörer, er weinte, völlig unkontrolliert." So kannte sie ihn nicht.
Später würde Kate McCann diese ersten Tage in einem Interview beschreiben wie einen allumfassenden Panikanfall, ein tiefes schwarzes Loch, das sie zu verschlingen drohte. Der Psychologe Alan Pike, der von dem Betreiber der Ferienanlage zu Hilfe gerufen wurde, hat ihre Verzweiflung später als physischen Zusammenbruch beschrieben, mit Übelkeit, rasendem Herz, unkontrollierbarem Zittern.
Vor den Augen der Weltöffentlichkeit, die mit Übertragungswagen und Dutzenden Journalisten nach Praia da Luz gekommen war, erstarrte Kate McCann. An die Schmusekatze ihrer Tochter geklammert, stand sie vor den Kameras, die Augen ins Leere gerichtet. Ihre Stimme brach erst, als sie um Gnade für Maddie bat: "Bitte, bitte, verletzen Sie sie nicht. Bitte, machen Sie ihr keine Angst. Wir brauchen Madeleine. Sie ist wundervoll." Sie vergoss keine Tränen, sie war wie gefangen in ihrer Verzweiflung.
Wer diese Geschichte hörte, den beschlich kaltes Entsetzen. Was mussten diese Eltern durchmachen? Doch dann folgten schon die ersten Fragen, die noch nicht ganz wie Anschuldigungen klangen. Warum, um Himmels willen, hatten die McCanns ihre Kinder allein gelassen, die Zwillinge Sean und Amelie, keine drei Jahre alt, und Madeleine, kurz vor ihrem vierten Geburtstag? Das steinerne Gesicht der trauernden Mutter, die gestelzten Worte des Vaters, der stets wirkte, als zitiere er einen wissenschaftlichen Aufsatz - das war doch kein normales Verhalten von Eltern, die gerade ihre Tochter verloren hatten. Je häufiger das Paar im Fernsehen auftrat, desto mehr wandte sich die Öffentlichkeit ab. Kate McCann, 39, erschien in wechselnden Sommerkleidern, die Haare zum jugendlichen Pferdeschwanz geschnürt, jeden Tag mit anderen Ohrringen.

Ein Bild, das um die Welt ging: Maddie im englischen Fußballtrikot© AP
Was waren das für Menschen, die ihre Trauer im Licht der Weltöffentlichkeit zu inszenieren schienen? Die durch die Gegend flogen wie ein Jetset-Pärchen auf Europa-Tournee? Es waren zwei Kämpfer, die sich da der Weltöffentlichkeit präsentierten. Kate und Gerry McCann kommen aus dem Arbeitermilieu, beide haben sich hochgeschuftet in die heile Welt einer Mittelklasse-Arzt-Familie. Gerry ist das fünfte Kind irischer Einwanderer, er wurde 1968 in Schottland geboren. Sein Vater war Schreiner, seine Mutter arbeitete in einer Keksfabrik. In den ersten Jahren in Glasgow lebte die Familie in Mietwohnungen. John McCann erinnert sich, dass sein Bruder Gerry Milchflaschen ausfuhr in der Morgendämmerung, bevor er zum Studieren ging. Ausbildung ist alles, das hatte der Vater seinen Kindern eingeimpft.
Alistair Curry, ein Freund aus Teenagerzeiten, erinnert sich an den 1500-Meter-Lauf-Champion Gerry, der sich nicht unterkriegen ließ, wenn er das Ziel im Auge hatte. Er wollte Arzt werden, und jeder in seinem Sportverein in Glasgow wusste, dass er nicht irgendein Arzt werden würde. Gerry wurde Herzspezialist. Er hat alles, was er bisher in seinem Leben wollte, durch harte Arbeit und sturen Einsatz bekommen.
Alles, auch seine Frau. Sie waren beide Assistenzärzte im schottischen Glasgow, die junge Anästhesistin hatte sich gerade für ein Auslandsjahr in Neuseeland entschieden. Gerry zögerte nicht lange - und ging mit. Sie wurden ein Paar. Nach der Hochzeit in England gab Kate ihre Krankenhaus-Karriere auf und wurde Hausärztin - sie hoffte, weniger Stress würde die Chancen einer Schwangerschaft erhöhen. Kate hat Schwierigkeiten, schwanger zu werden. In einem Interview nach Maddies Verschwinden erzählte sie, sie habe schon immer Mutter werden wollen, habe es unter anderem mit In-Vitro-Fertilisation probiert. Als der erste Versuch fehlschlug, sei das für sie "vernichtend" gewesen. Als sie 2002 endlich mit Madeleine schwanger wird, ist sie unfassbar froh. Der Säugling hat Koliken, Madeleine schreit manchmal 18 Stunden am Stück. "Das hat uns auf eine ganz besondere Art verbunden", sagt Kate. Stundenlang habe sie mit Gerry auf dem Sofa gesessen und Maddie massiert, bis sie sich beruhigt hatte.
Als ihre Tochter verschwindet, handeln die McCanns, wie es ihre Art ist: Von einem hinzugezogenen Psychologen lassen sie sich ihre Gefühle analysieren. Gerry erklärt später einer katholischen Wochenschrift: "Wir hatten diese fürchterlichen Bilder im Kopf, was Madeleine zustoßen könnte. Das hat uns völlig gelähmt. Aber der Psychologe hat uns gesagt, dass wir uns auf positive Gedanken konzentrieren müssen, wenn wir weiter funktionieren wollen." Und das wollten sie. Unbedingt.
John McCann war dabei, als Gerry und Kate um Fassung rangen vor jedem Auftritt vor den Kameras. Wie sie Dutzende Male die Worte durchgingen, die sie sagen wollten, möglichst ohne Emotionen. Denn an ihrer Verletzbarkeit, so haben es die Psychologen erklärt, könnte sich ein möglicher Entführer erst richtig begeistern. "Selbstverständlich wirkte es nicht natürlich, wie sie gesprochen haben. Es war einstudiert", sagt John McCann. "Nur so konnten sie zu Ende bringen, was sie sagen wollten."
In den Momenten der Verzweiflung, die sich auch durch rationale Analyse nicht vertreiben ließen, fanden die McCanns Hilfe in ihrem Glauben. Im Gebet kann sogar der sonst so kontrollierte Gerry Irrationales zulassen. In den ersten Tagen, in der Zeit des tiefsten Schmerzes, hatte er in der Kirche eine Vision: "Ich sah einen Tunnel, und der wurde weiter. Das Licht strömte in alle Richtungen, als stünden uns alle Pfade offen. Nach diesem Signal bin ich am nächsten Morgen in der Dämmerung aufgestanden und habe begonnen zu telefonieren."
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 01/2008