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22. Februar 2005, 12:02 Uhr

"Amerika kann nicht alles allein tun"

Madeleine Albright, US-Außenministerin unter Bill Clinton, über die Fehler von Präsident George W. Bush, der sich auf Kuscheltour durch Old Europe befindet.

"Man bekommt einen dicken Blumenstrauß. Das Eis bricht leichter" - Madeleine Albright über Frauen im Amt des Außenministers© Karen; Ballard/Redux

Frau Albright, wann haben sie zuletzt mit Ihrer Amtsnachfolgerin Condoleezza Rice gesprochen?

Kurz vor ihrer Ernennung, wir trafen uns bei einem Abendessen. Wir kennen uns schon lange über meinen Vater. Sie hat an der Universität Denver bei ihm studiert.

Die Vorlesungen Ihres Vaters Josef Korbel, eines Emigranten aus der Tschechoslowakei, sollen Rice so begeistert haben, dass sie ihr Musikstudium aufgab und sich fortan der Sowjetunion widmete ...

Das ist alles lange her. Aber ich erinnere mich noch genau, wie es war, als mein Vater 1977 starb. Überall standen Blumen, Beileidsbekundungen. Dazwischen ein Keramiktopf in der Form eines Pianos, darin waren Blumen. Ich fragte meine Mutter, woher dieses Klavier kam. Und sie sagte: von der Lieblingsstudentin deines Vaters, Condoleezza Rice.

Blieben Sie in Kontakt?

Zehn Jahre später suchte ich außenpolitische Berater für den Wahlkampf des demokratischen Präsidentschaftskandidaten Michael Dukakis und rief sie an. Sie sagte: "Ich muss Ihnen gestehen, ich bin Republikanerin." Ich war ganz entrüstet. "Wie konnte das geschehen?", fragte ich, "wir haben doch sozusagen denselben Vater." Später haben wir darüber gelacht.

Was haben Sie Ihrer Nachfolgerin geraten?

Ich habe ihr gesagt, dass sie den besten Job der Welt hat. Ich habe ihr auch gesagt, dass Außenpolitik unabhängig sein muss von Parteipolitik. Und dass es in diesem Job durchaus Vorteile hat, eine Frau zu sein.

Welche denn?

Es klingt vielleicht merkwürdig, aber es ist schlicht leichter, eine Frau als Außenministerin zu begrüßen. Man bekommt einen dicken Blumenstrauß, manchmal eine Umarmung. Einer Frau gegenüber herrscht viel eher eine natürliche Freundlichkeit, Höflichkeit. Es ist einfacher, Beziehungen aufzubauen. Das Eis bricht viel leichter. Aber irgendwann sitzt man an einem Verhandlungstisch. Und dann ist es völlig egal, ob Mann ob Frau.

Der mächtigste Mann der Welt, George W. Bush, ist nächste Woche auf Europatour. Worauf muss sich die Welt in seiner zweiten Amtszeit einstellen?

Man kann zurzeit nur spekulieren. Aber die Rede zu seiner Amtseinführung war Präsident Bush wirklich sehr sehr wichtig. Er hat ganz lange daran gearbeitet.

Er sprach davon, Frieden und Demokratie in die Welt zu tragen und Tyrannei zu beenden ...

Ja, und diese Ideen und die ganz besondere Rolle der USA wird er weiterhin vertreten. Das klingt sehr idealistisch. Doch werden solchen hehren Worten auch Taten folgen? Die Realität sieht eben oft ganz anders aus.

Für uns klang es eher wie die Fortschreibung des Bekannten: Dominanz der USA, unverhohlene Drohungen, Regimewechsel ...

Man kann Demokratie nicht erzwingen. Das ist ein Widerspruch in sich. Man kann Demokratie nur anbieten. Doch Bush und seine Leute haben in den vergangenen vier Jahren eine Menge gelernt. Und zu diesen Erfahrungen gehört offenbar auch, dass man anders mit Menschen umgehen muss als bislang. Der Stil ändert sich. Und das ist ja immerhin etwas.

Der Stil mag sich ändern. Aber damit auch die Substanz? Vizepräsident Cheney spekuliert öffentlich über einen Militärschlag des Verbündeten Israel gegen den Iran.

Ich kann die Verwirrung und Unsicherheit der Europäer sehr gut nachvollziehen. Aus dem Weißen Haus kommen tatsächlich widersprüchliche Signale. Andererseits hören wir von Rice, ein Militärschlag sei derzeit keine Option. Und ich glaube auch nicht, dass es zu einem Krieg kommt.

Was macht Sie da so sicher?

Präsident Bush hat vielleicht verstanden, dass es mit dem unilateralen Anspruch seine Grenzen hat. Man kann nicht alles allein machen - nicht einmal die USA können das. Auch wir brauchen Hilfe. Die Tatsache, dass der Iran möglicherweise dabei ist, sich Atomwaffen zu beschaffen, ist nicht nur für die Vereinigten Staaten ein Problem. Es ist auch eines für Europa. Die nuklearen Ambitionen des Iran müssen gestoppt werden. Das geht nur mit Hilfe echter Kooperation zwischen Europa und den USA. Die Iraner versuchen ja gerade, diese alte Partnerschaft zu spalten, um Zeit zu gewinnen.

Ihr Land will sich an Verhandlungen nicht einmal beteiligen. Wie soll denn dann echte Kooperation aussehen?

Man muss eine Art Rollentausch vornehmen. Die USA müssen offener werden und dem Iran eine Perspektive aufzeigen: Falls das Land auf Nuklearwaffen verzichtet und Terrorismus nicht weiter unterstützt, könnten wir einen Dialog mit euch beginnen. Zugleich müssen die Europäer viel härter vorgehen.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 08/2005

Zur Person Geboren wurde sie als Marie Jana Körbelova 1937 in Prag. Ihre Familie flüchtete nach dem Einmarsch der Deutschen nach London, emigrierte später in die USA. Ihr Vater, der ehemalige Diplomat Josef Korbel, lehrte als Politikprofessor an der Universität Denver, eine seiner Studentinnen war Condoleezza Rice. Von ihrer jüdischen Herkunft wusste Madeleine Albright jahrzehntelang nichts. Erst 1996 erfuhr sie, dass ihre Großeltern in Auschwitz ermordet wurden. Die Mutter von drei Töchtern beriet demokratische Präsidenten. Unter Bill Clinton wurde sie zunächst UN-Botschafterin und 1997 erste Außenministerin der USA. Heute leitet Madeleine Albright eine Consulting-Firma in Washington. Schwerpunkt, wen wundert's, Politikberatung.

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