Das Gespräch ist vor knapp drei Wochen in Portugal geführt worden. Vor den Verhören. Bevor sie zu Verdächtigen erklärt wurden. Vor der Rückreise. Dennoch ist es das letzte große Interview, in dem Kate und Gerry McCann, die Eltern der verschwundenen Madeleine, Einblick gewähren in ihre Beziehung, Madeleines Geburt, die Umstände ihres Verschwindens. stern.de veröffentlicht das Gespräch erstmals auf Deutsch.

Im Interview schildern Kate und Gerry McCann ihre Gefühle und Hoffnungen© David Jones/DPA
Vor knapp drei Wochen, am 4. September, gaben Gerry und Kate McCann, die Eltern der verschwundenen Madeleine, Journalisten des französischen Magazins "Paris Match" ein Interview. Das Gespräch in einem Hotel im portugiesischen Praia da Luz dauerte anderthalb Stunden. Es war das letzte große Interview, das die McCanns gaben, bevor sie von der portugiesischen Polizei verhört wurden - und wenige Tage danach Portugal verließen. Mit Erlaubnis von "Paris Match" veröffentlicht stern.de das Interview erstmals auf Deutsch. Für stern.de übersetzt hat den Text Oliver Link.
Kate McCann: Natürlich wird es sehr hart sein, ohne Madeleine zurück zu kommen. Vieles wird uns dort an sie erinnern. Ich habe sehr viel Angst vor der Rückkehr. Es ist so schmerzhaft, sie nicht bei mir zu haben, nicht mit ihr spielen zu können. Wo ist sie nur? Ich bin ihre Mutter, und wo auch immer sie sein mag, ich bin bei ihr.
Gerry McCann: Es gibt natürlich auch gute Gründe, die für unsere Rückkehr nach England sprechen. Es ist besser für die Zwillinge. Sie sind hier in Portugal an einem für sie fremden Ort, dazu noch in einer extremen Lage, sie werden sich in England sicherer fühlen. Und als ihre Eltern müssen wir die beiden dort hinbringen, wo sie aufwachsen sollen.
Kate McCann: Eine Sache möchte ich betonen: Wir geben nicht auf. Wir fahren einfach nur nach Hause, das ist alles, wir werden häufig nach Portugal zurückkehren.
Kate: In den vergangenen vier Wochen ist in den Medien viel spekuliert worden. Trotzdem sind viele Menschen zu mir gekommen und haben mir ihre Unterstützung versichert. Andere haben mir gesagt, dass sie für uns beten und haben mir geraten, nicht zu glauben, was in manchen Zeitungen geschrieben wird.
Gerry: Also wir sehen es so: Diese ganzen Gerüchte erschweren nur die Ermittlungen… Das sind doch alles nur Gerüchte. Es gibt überhaupt keine Beweise.
Kate: Wir selbst verfolgen die Berichterstattung in den Medien nicht so sehr. Aber meine Eltern erleben zu Hause im Moment die Hölle auf Erden.
Gerry: Ich finde es wirklich beunruhigend, dass die Ergebnisse der forensischen Untersuchungen über die Medien an die Öffentlichkeit gekommen sind. Wenn Zeugen vernommen werden, sollten sie davor nicht den Ermittlungsstand der Polizei kennen.
Gerry: Wir waren Zeugen und wussten, dass wir sehr genau befragt werden würden. Wir haben von Anfang an mit den Behörden zusammengearbeitet und haben die Ermittlungen unterstützt.
Kate: Das war das Beste, was wir tun konnten, damit Madeleine gefunden wird. Man muss alles versuchen, darf nicht verzagen, und man muss immer weiter nach vorn schauen.
Gerry: Wir haben alle Fragen beantwortet, die man uns gestellt hat, und das werden wir weiterhin tun, was auch immer passiert. Und wir werden selbstverständlich auch weiterhin die ganze Wahrheit sagen.
Kate: Wir haben alles gesagt, was wir wussten und haben auf alle Fragen geantwortet, die uns gestellt wurden.
Gerry: Mir war die ganze Zeit klar, dass in diesem Fall wirklich jede Wendung möglich ist. Damit leben wir von Anfang an. Manchmal machen uns die Medien das Leben schon sehr schwer. Einmal etwa hat jemand behauptet, dass unsere Tochter tot sei, ohne dafür einen Beweis zu erbringen. Zur selben Zeit wurde gesagt, wir könnten Komplizen sein, was frei erfunden und unfassbar grausam ist.
Diese Frage wurde uns schon einmal gestellt. Nein, an so was glauben wir nicht, wirklich nicht. Die Polizei muss natürlich alle Möglichkeiten objektiv durchspielen und allen Anhaltspunkten nachgehen… Das ist in der Medizin genauso. Die Patienten kommen zu mir, etwa, weil sie Schmerzen in der Brust haben, also muss ich herausfinden, was Ihnen fehlt. Ich stelle ihnen jede Menge Fragen, unterziehe sie meinen Untersuchungen und ziehe daraus meine Schlüsse. Polizeiarbeit funktioniert letztlich genauso. Auch die Polizei trägt zunächst Vermutungen zusammen und sammelt Informationen, die letztlich Aufschluss darüber geben sollen, welche der Vermutungen die Richtige ist, und dann versucht sie Beweise zu finden. Manchmal kann es passieren, dass man einer Vermutung so lange nachgeht, bis sich herausstellt, dass sie doch nicht aufgeht. Und dann muss man ganz von vorn anfangen.
Gerry: Das war doch schon vom ersten Tag an so. Journalisten aus der ganzen Welt kamen… Ich glaube, wir hatten keine Wahl, wir mussten uns schnell entscheiden, ob wir in die Öffentlichkeit treten oder uns verstecken. Und wenn wir uns versteckt hätten, hätte es auch Gerede gegeben. Die Leute hätten doch gedacht: Warum verstecken die sich? Wir haben uns entschlossen, in die Öffentlichkeit zu treten, um die Leute dazu zu bewegen, nach Madeleine zu suchen. Das entspricht der englischen Mentalität.