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23. Oktober 2007, 11:10 Uhr

Romeo und Julia in Kalkutta

Liebesheiraten sind auch heute noch selten in Indien, auch in modernen Metropolen wie Mumbai. Junge Leute haben nichts zu melden und ein Mord eines eigenständig verheirateten Ehepaars sorgt für Aufregung. Doch es gibt noch Hoffnung

"Die Ehe ist eine viel zu wichtige Sache, als dass ich sie meinen Kindern überlasse," sagt Isra, mein ständiger Taxifahrer, während er sich Zentimeter um Zentimeter durch den üblichen Mumbaier Stau schiebt. Heute hat er keine Zeit, auf den Verkehr der 20 Millionen- -Stadt zu schimpfen. Seit einer halben Stunde hängt er an seiner Freisprechanlage, ein Geschenk des 21. Jahrhunderts, und telefoniert mit seinen Verwandten im kleinen Heimatdorf im Himmalaya, um die Hochzeitsvorbereitungen für seinen 27jährigen Sohn zu planen. Wie im vorvorigen Jahrhundert. "Mein Sohn ist eine gute Partie, als Computerfachmann verdient er ordentlich," sagt der stolze Papa hinterm Lenkrad. Und wer ist die glückliche Braut? "Die Tochter des reichsten Mannes aus unserem Dorf. Sie hat sogar studiert! Arbeitet auch in Mumbai" Pause "Die beiden werden sich schon arrangieren!" Das klingt nicht eben nach einer Love story? Isra schnalzt abschätzig. Liebesheirat? "Sowas kann nicht gutgehen!" Liebe ist was für schnulzige Hindi-Filme.

Die jungen Leute haben nichts zu melden In Indien heiratet man nicht, man wird verheiratet. Von den lieben Eltern. Da haben die jungen Leute nichts oder nur wenig mitzureden. Selbst wenn er und sie sich ganz modern im Internet kennengelernt und sich am Handy die Ohren heiß gequatscht haben, ohne den elterlichen Segen, d.h.entsprechende Mitgiftverhandlungen läuft nichts. Und doch gibt es Romeo und Julia in Kalkutta. Die tödliche Romanze des kleinen Grafikdesigners, der mit dem Unternehmerstöchterlein durchbrennt, hält gerade das ganze Land von den Hightechstätten bis zu ärmsten Dörfern in Atem. Dürfen die das? Gegen den Willen der Eltern? Vor allem von stinkreichen Eltern. Prasun Mukherjee, der Polizeichef von Kalkutta, sprach jedenfalls von Mesalliance: "Wie kann eine Ehe zwischen Partnern mit total unterschiedlichem sozialem Hintergrund laufen," sagte der ranghöchste Beamte, "als verantwortlicher Polizist würde ich immer wieder intervenieren!" Heißt intervenieren auch morden, fragt die indische Presse.

Romeo und Julia in Kalkutta

Die Sippe drohte mit Mord Die Chronik dieses angesagten Todes beginnt am 18. August, als der 30jährige Rahman Rizwan, ein Moslem und die junge Unternehmerstochter Priyanka Todi aus einer kastenhohen Hindu-Familie heimlich heiraten und sie in seine Wohnung zieht. Zwei Mal, so belegen Menschenrechtsgruppen heute, werden die Jungverheirateten zum Kommissariat zitiert und massiv unter Druck gesetzt. Priyanka weigert sich, zu ihrer Familie zurückzukehren. Am 3. September droht die Todi-Sippe dem unbotmäßigen Schwiegersohn mit Mord, falls Priyanka nicht in ihr Elternhaus zurückkehre. Am 8. September wird Rizwan zum 3. Mal zum Kommissariat zitiert. Die Beamten drohen ihm trotz Vorlage der offiziellen Heiratsurkunde mit Verhaftung wegen Kidnappings - seiner eigenen Frau. Um die Wogen zu glätten, kehrt Priyanka vorläufig in ihr Elternhaus zurück. Fünf Tage später telefonieren die Jungverheirateten das letzte Mal, danach bricht der Kontakt ab. Am 21. September schreibt Rizwan seinem Schwiegervater einen Brief, er sei bereit, zum Hinduismus überzutreten. Am selben Tag wird er erneut bei der Polizei vorgeladen und fünfzehn Minuten später tot auf den Bahngleisen gefunden. "Typischer Fall von Selbstmord", behauptet Polizeichef Mukherjee und stellt sich vor die zur Todeszeit diensthabenden Beamten. Auf Druck der Opposition wird der übereifrige Polizeichef, Präsident der Bengalischen Cricket Association und, rein zufällig, enger Freund der Unternehmersfamilie Todi, suspendiert. Nicht für lange, wie Menschenrechtsgruppen befürchten. Affären versickern hierzulande schnell.

Romeo und Julia in Kalkutta

Auch in Indien gibt es Happy Ends Haben denn Love Stories nur in schnulzigen Hindi-Filmen eine Chance? Manchmal schreibt das Leben auch in Indien doch ein Drehbuch mit Happy End. Zwei Monate lang war Srija, die Tochter eines berühmten südindischen Schauspielers von ihren Eltern zu Hause eingesperrt. Vor einer Woche brannte sie trotzdem mit ihrem Studentenfreund durch, den die Eltern als nicht standesgemäß ansahen. Die beiden heirateten fröhlich in einem Hindu-Tempel von Hyderabad – schlauerweise vor versammelter Presse. Da blieb dem Star-Papa nichts anderes übrig, als ebenfalls in die Kameras zu lächeln und seiner Lieblingstochter den Segen zu geben.

KOMMENTARE (2 von 2)
 
Fox59Fire (19.10.2007, 04:27 Uhr)
Zweiklassen-Medizin
Mag sein, das Swantje Strieder in ihren Mails aus Mumbai etwas mehr Rücksicht auf die Gefühle der Ganapati-Festival-Fans und Ganesha-Anbeter hätte nehmen können, doch geht es in diesem Artikel vordergründig um die Problematik des landes- und weltweiten Organhandels. Und hier ist jedwede Rücksichtnahme auf irgendwelche religiösen Gefühle völlig unangebracht, denn es geht hierbei nicht um Anbetung und stinkende Hinterlassenschaften einer Glaubensprozession, sondern schlichtweg um Menschenleben.
Während sich nierenkranke und dialysepflichtige Menschen in Deutschland brav auf der Eurotransplant-Liste einreihen und (durchschnittlich) bis zu 7 Jahre auf eine Niere warten müssen, umgehen Menschen mit dem nötigen Kleingeld diese Einrichtung und versorgen sich kurzfristig und unbürokratisch auf dem weltweiten Ersatzteilmarkt. Weltweit, auch in Deutschland, existieren viele Ärzte und Kliniken, die Organe völlig pragmatisch als Ersatzteile betrachten, mit denen man viel Geld verdienen kann. Und nicht nur Ärzte und Kliniken verdienen; auch die Vermittler kommen nicht zu kurz. Nur die lebenden Organ-Lieferanten schauen in die Röhre, wie dieser Artikel erneut beweist. Erst kürzlich wurde aufgedeckt, dass zunehmend deutsche Kliniken in den Organhandel verwickelt sind. Während der Eindruck erweckt wurde, dass z. B. der Teil einer Leber eines Angehörigen transplantiert wurde, schleusten die verantwortlichen Ärzte Leberspenden, die eigentlich für Patienten auf der Eurotransplant-Liste vorgesehen waren, an Eurotransplant vorbei direkt an Empfänger z. B. arabischer Nationalität, sodass die erzielten Gewinne sowohl für die beteiligten Ärzte als auch für die Krankenhäuser aufgrund der enormen finanziellen Potenz der arabischen "Kunden" überproportional waren.
Und was mit dem Organ Leber geschieht, das geschieht auch mit anderen lebenswichtigen und -notwendigen Organen: Niere, Herz, Lunge und Bauchspeicheldrüse. Nieren sind das einzige paarweise angelegte Organ im menschlichen Körper; der Verlust einer Niere beeinträchtigt nicht die Funktionsfähigkeit der verbleibenden Niere. Somit war es nur eine Frage der Zeit, bis die Niere ins Visier der Organmafia geriet. Und das, was in Indien geschieht, geschieht auf der ganzen Welt. Und für Deutschland bedeutet das: Reiche Privatversicherte aus dem In- und Ausland "stehlen" den bedürftigen, in Leiden/NL gelisteten GKV-Versicherten die lebensnotwendigen Organe, indem sie aufgrund ihrer finanziellen Möglichkeiten bevorzugt behandelt werden, und verlängern somit die Leidenszeit der Betroffenen. Im schlimmsten Fall haben diese Praktiken sogar den Tod der auf ein lebenswichtiges Organ wartenden Patienten zur Folge, denn so Mancher verstirbt, noch ehe er transplantiert werden kann, weil ihm das lebenswichtige Organ nicht rechtzeitig zur Verfügung gestellt werden kann. Weil es bereits einen zahlungskräftigeren Abnehmer gefunden hat! "Zweiklassen-Medizin" nennt man so etwas!
Louffi (18.10.2007, 16:26 Uhr)
Mehr Feingefühl, bitte
Liebe Frau Strieder,
Sie mögen in Mumbay leben, aber das Gefühl für Land und Leute geht Ihnen nach meinem Empfinden völlig ab. Auf mich wirken Ihre Artikel überheblich und oberflächlich. Wie Sie über das Ganapati-Festival und Ganesha schreiben, finde ich völlig daneben. Der Tonfall hat die klassische "überlegene Weiße in zurückgebliebenem Drittland"-Tonfall.
Mehr Einfühlungsvermögen und Sensibilität wären schön.
 
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