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3. Juni 2008, 11:21 Uhr

Der frisch angetraute Mörder

Mitgiftmord, heißt das Verbrechen, dem in Indien offenbar nicht beizukommen ist: Weil Eltern ihren frisch vermählten Töchtern zu wenig Mitgift zahlen, werden diese von ihren Gatten und Schwiergerelten grausam gemeuchelt. Wie die junge Mithal. Von Swantje Strieder, Mumbai

Eine traditionelle indische Hochzeit nach hinduistischem Brauch. So ähnlich sah wohl auch die Zeremonie der jungen Mithali aus, die später von ihrem Ehemann ermordet wurde© Picture Alliance

Sie ist eine entzückende Braut auf dem Foto, mit großen dunklen Augen, hohen Wangenknochen, Perlenkollier, goldenen Ohrgehängen und Jasminblütenkränzen. Links von ihr sitzt ihr frisch angetrauter zukünftiger Mörder. Daneben ein schmallippiger älterer Herr, der seine Hand segnend über seinen Sohn hält - der Herr Schwiegerpapa und zukünftige Mordkomplize.

Zu betrachten ist ein typisch indisches Hochzeitsidyll. Aber es trügt. Denn obwohl das Paar aus der Mittelschicht stammt und in Mumbais modernster Trabantenstadt Navi Mumbai lebt, wird die Ehe für die junge Braut im Horror enden. Sie wird Opfer eines Mitgiftmords werden - wie jedes Jahr tausende andere junge Inderinnen.

Anderthalb Jahre nach der Hochzeit, am 19. Mai dieses Jahres zündet Ehemann Sunil Kushwaha mit seinem Komplizen-Vater Ram seine junge Frau Mithali mit Kerosin an. Ein Haushaltsunfall, wie er der Polizei erklären wird. In Indien wird vielfach mit Erdgas, aber auch noch mit Kerosin gekocht, an dem die flattrigen Saris aus Kunststoff leicht Feuer fangen können. Die Zwanzigjährige erliegt ihren schweren Verletzungen drei Tage später in einer Mumbaier Spezialkinik. Mithalis Ehe war, wie bei vielen ähnlichen Mitgiftmorden, die Chronik eines angekündigten Todes. Sie wurde nicht nur wegen Kinderlosigkeit gemobbt, sondern auch mit permanenten Mitgift-Nachforderungen bedroht.

"Wir haben allein 8000 Euro für die Hochzeitsfeier bezahlt und noch einmal 3000 Euro Bargeld gegeben. Unsere Tochter bekam 70 Gramm Gold und anderen Hausrat mit in die Ehe," sagt Suman K., Mithalis Mutter, "aber beim TV-Flachbildschirm, bei Kühlschrank und Waschmaschine, die der Schwiegersohn ständig von uns einforderte, mussten wir passen." Nachdem die junge Frau um ihr Leben fürchtete, kehrte sie nervös und verstört in die Wohnung ihrer Eltern zurück." Am 29. April aber stand ihr Mann vor der Tür und bekniete unsere Tochter, zu ihm zurückzukehren. Er würde die Situation daheim schon regeln", sagt Mithalis Mutter. Der Schwiegersohn tat es - auf seine Art.

Im "Schwiegermutter-Trakt" sitzen 120 Mörderinnen

In indischen Ehen ging es historisch eher selten um Liebe, eher um ein fruchtbares Arrangement zwischen zwei Familien gleicher Herkunft und Kaste. Die jungen Leute wurden und werden selten um ihre Meinung gefragt. Heute modernisiert sich Indien in rasendem Tempo, Frauen verdienen als Ingenieure, Managerinnen, Computer-Spezialistinnen mehr Geld als ihre Väter. Heiratskandidaten finden sich übers Internet.

Aber immer mehr Bräute werden umgebracht, weil die Eltern angeblich nicht genug Mitgift zahlen. 1983 gab es 400 Fälle, in denen junge Frauen von ihrem Mann oder Schwiegerfamilie angezündet wurden, im Jahr 2005 waren es laut indischer Kriminalitätsstatistik 7026 Mitgiftmorde. Nicht immer kommt es zur Verurteilung. Aber allein im Tihar Jail, Dehlis größtem Gefängnis, sitzen ungefähr 120 Frauen zum Teil lebenslänglich im sogenannten "Schwiegermutter-Trakt" ein, weil sie ihre Schwiegertöchter grausam abgefackelt haben.

Warum nehmen Mitgiftmorde im modernen Indien immer mehr zu? Das teilweise atemberaubende Wirtschaftswachstum habe einen nie erlebten Materialismus befördert, vermeinen Beobachter. Ein hübsches Sümmchen zur Hochzeit des Sohnes bringe die Mittelklasse ihren Konsumträumen ein gutes Stück näher. Und wenn man den Spross nach einem der bedauerlichen "Küchenunfälle" der ersten Schwiegertochter noch einmal gewinnbringend verheiraten könne, umso besser. Ein Mumbaier Arzt hat es auf diese Weise zu drei "Haushaltsunfällen" mit vier Ehefrauen gebracht, bevor er verhaftet wurde.

Ausbildung statt Mitgift

Eigentlich ist die eher altmodische Form der Mitgift, früher als Schutz und Schatz für die Töchter gedacht, die anders als die Söhne keinerlei Anspruch aufs väterliche Erbe hatten, seit 1961 laut Verfassung verboten. Wenn man allerdings heute in den einschlägigen Heiratsannoncen der Zeitungen liest: "Kaste kein Hinderungsgrund, Mitgift nicht erforderlich", dann heißt das im Klartext: Sohnemann wird nur gegen ordentlich Kasse in nur gute Kaste abgegeben. Wehe, ihr Brauteltern zahlt nicht!

Natürlich gibt es genug indische Frauengruppen und Menschrechtsaktivisten, auch Politker, die seit Jahren gegen die Mitgiftmorde zu Felde ziehen. Im Herbst 2006 wurde ein geradezu revolutionäres Gesetz gegen häusliche Gewalt verabschiedet, dass Mitgiftmorde schon im Vorfeld eindämmen soll, aber noch immer gibt es rund 6000 Brautmorde pro Jahr, wie Familienministerin Renuka Chaudhuri gerade wieder bedauerte. Auch in meinem Mumbaier Bekanntenkreis gibt es diese grausigen Fälle: eine Großnichte von stern-Fotograf Jay Ullal, die urplötzlich aus dem Fenster eines Hochhauses gesprungen sein soll, wahrscheinlich Depressionen, wie der Ehemann erklärte oder die junge Frau, von der unser deutscher Bänkerfreund erzählt, die in ihrer eigenen Küche verbrannte. Beide Vorfälle blieben Aktenzeichen XY- ungelöst.

Der jungen Mithali hat das neue Gesetz jedenfalls nicht mehr geholfen, Aber zum Glück gibt es immer mehr forsche junge Inderinnen, die das ganze Mitgift-System für "idiotisch" halten und die Eltern, die das mitmachen, dazu! "Wenn ich das schon höre, wieviele Millionen Rupies, Autos, Wohnungen und Diamanten für die Mitgift draufgehen!" so die Bloggerin nsaika im Internet, "hey, ihr Eltern, warum seid ihr so blöd und habt nicht eurer Tochter eine gute Ausbildung gegeben? Warum habt ihr nicht ihr das viele Geld, Autos, Wohnungen und Diamanten vermacht statt dem fremden Typen!" Vielleicht würde die Tochter dann noch leben! Und besser leben!

Über die Autorin Als Swantje Strieder vor einigen Jahren, damals für den Spiegel, aus Indien berichtete, waren Hungersnöte, Mitgiftmorde und Grenzkriege die beherrschenden Themen. Nach Zwischenstationen in Rom, New York und Hamburg ist sie wieder nach Indien zurückgekehrt und lebt in der Mega-City Mumbai. Vom mühsamen und doch faszinierenden Alltag berichtet sie jede Woche in ihrer "mail aus mumbai".

Von Swantje Strieder, Mumbai
 
 
KOMMENTARE (9 von 9)
 
rajabi (04.06.2008, 21:46 Uhr)
@nese....
...leider wie Sie sehen, Fehlanzeige...
ich als Moslem finde ich vieles nicht gut, was in islamischen Länder passiert..
aber auch vieles, was in christlichen Länder passier, halte ich für abscheulich, aber auch überall..
und was ich feststellen müsste, ist das, dass alles mit der Religion nichts zu tun hat, sondern mit Kultur und Bildungsstand...
Es gibt so verbohrte tief in menalität der menschen vergrabene abarten aus dem Kultur bzw. aus ihren gewohnten Umgebung heraus, dass selbst ein Gläubige der gleiche Religion ihren Köpfen schütteln würden.
wenn ich in meiner reisen mit menschen rede, und manchmal menchen meines glauben, was auch sehr vielfältig ist, kann ich kaum glauben, welche unterschiedlichere auslegungen vorhanden sind...
Teilweise sogar gegen geltende Rechte des Staates, in dem sie leben...
Aber, wie soll man diesen tatsachen, verbohrte Menschen wie ALEX64 bei bringen...?
er ist genauso und gar noch schlimmer, als diese scheinbar ungebildete klein bauer aus Pishwar oder Sisstan(provinen in Pakestan Bzw. Iran)
nese (04.06.2008, 14:31 Uhr)
Daran habe ich auch gerade gedacht, rajabi.
Wo sind die bitter boesen Kommentare der Benutzer, die den Islam oeffentlich beschimpfen ;-)
Ist der Hinduismus fuer diese unbeschreibliche Zustaende verantwortlich? Hat die Abtreibung weiblicher Foeten mit Hinduismus zu tun? Ich warte auf eure Antworten.
rajabi (04.06.2008, 12:47 Uhr)
...ich vermisse hier die Islam-Hasser...
..wen man hier sitzt und nur anhand der bezahlte und gelenkte Medien seine Meinung bildet, ist es nicht schwer ein Islam-Hasser zu werden...
was mit realität nichts zu tun hat.
diesen und hnliche kulturelle misstände, in Indien, Jemen, Saud-Arabien, Sudan,..... hat keine Relegiouse Herkunft, sondern ein Kulturelle Abart....
Die kann man mit nur Aufklärung und lange jahre harte Arbeit erreichen..
und nicht mit faschistischen ilegalen Kriege...
aus meine Reisen und Gespräche mit den Menschen, kann ich sagen, dass, was wir hier lesen, ist nur ein kleiner Teil...
aber, wenn Menschen im Kopf schon so verbohrt sind, da hilft nur eins...
AUFKLÄRUNG und UNTERSTÜTZUNG DEREN, DIE AUFKLÄREN...
aber diese scheinheilige Bedauern, kann man für sich behalten...
und... diese Missstände, nur bestimmte Gruppen anzudichten, AUCH!!!
gmathol (04.06.2008, 06:30 Uhr)
Unbeschreibliche Zustaende...
...herschen in Indien. Jeder der dort mal "wirklich" gelebt und gearbeitet hat weiss darueber zu berichten. Da werden einem sogar die Toechter des Landes zwecks Prostitution oder Heirat angeboten.
Indiens oder auch Chinas angebliches Wirtschaftswachstum geht naemlich an den wirklichen Bewohnern dieses Landes vorbei.
Schon mal die Wohn Zustaende und das Aufeinanderhocken in Indien erlebt - die Verhaltensweisen und Gerueche sind unbeschreiblich.
Auch der angebliche friedliche Hinduismus oder Buddhismus der immer wieder auf andere Religionen mit Waffen losgeht ist eine romantische Auffassung.
Das Problem Indiens und China heisst: Ueberbevoelkerung.
Countryjoe (04.06.2008, 06:26 Uhr)
Hightec-killerländle?
Toller Aufschwung zum Hightec-killerländle? Da hat sich wohl trotz Wirtschaftswachstum und Programmierfrabriken wenig geändert. Aber wie sagt man so schön: Geld stinkt nicht und verlagert auch noch unsere Jobs dorthin.
Stahlkappe (04.06.2008, 06:07 Uhr)
warum so wenige kommentare?
Mich wundert es das sowenige sich hier beteiligen.
Ginge es um den Islam wären doch locker 100Teilnehmer da.
an den vorgänger
Mord ist Mord,
ob "Ehren" oder "Mitgiftmord"......
beides scheiße....
Traurig das sowas heutzutage passiert.
malibuli (04.06.2008, 00:01 Uhr)
Gott segne die Aufklärung
Ich bin heil froh, nicht in Indien, Afrika oder im Nahen Osten leben zu müssen. Diese von Männern dominierten Gesellschaften, in denen Frauen nichts zählen, sind absolut abstossend. Wegen eines LCD-Fernsehers einen Menschen umzubringen, ist nur krank. Ehrenmorde sind noch bescheuerter. Bleibt zu hoffen, dass mit dem Wohlstand auch etwas Hirn nach Indien kommt.
hammerfest (03.06.2008, 23:16 Uhr)
SCHRECKLICH
Ich bin schon 4 Male in Indien gereist und kenne dieses schöne Land. Obwohl die Wirtschaft so rasend wächst, bleiben viele bei diesem mörderischem System des Mitgifts hängen. Indien muss noch viel lernen was Menschenrechte anbelangt! Ich habe immer wieder gesehen wie Kinder grausam behandelt werden ebenso auch Frauen. 4-5 jährige Kinder müssen nach der Schule (von 16.30 bis ca. 19.30-20.00 Uhr) noch Englisch und Mathe büffeln und wenn sie nicht schön folgen, werden sie geschlagen, georfeigt und sogar mit dem Stock geschlagen. Man kann sich hier in Europa diese schreckliche Brutalität in Indien nicht vorstellen. Als ich Menschen in Indien angesprochen habe betreffend Männer die Frauen schlagen; bekam ich die Antwort: das sei ganz normal! JEDES 2. KIND in Indien wird sexuell misshandelt und 90% der Kind werden geschlagen. Menschen gelten leider in Indien noch sehr viel als Ware und nicht als Wesen die Gefühle haben.
Kalox (03.06.2008, 22:36 Uhr)
kalox
ich bin indischer herkunft und schäme mich für den abschaum aus dem artikel. warum lassen sie diese frauen nicht einfach alleinstehend alt werden, bevor so viele leben so sinnlos ruiniert und oder ausgelöscht werden?
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