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5. September 2008, 12:31 Uhr

Die Sprache der Gewalt

Die Bewohner Mumbais sprechen etwa 200 unterschiedliche Dialekte und Sprachen. Nun bemüht sich eine Partei darum, dass Marathi selbst die offiziellen Amtssprachen Englisch und Hindi verdrängt - und schreckt selbst vor Gewalt nicht zurück. Von Swantje Strieder, Mumbai

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Nicht alle Ladenbesitzer in Mumbai folgen - wie dieser - der Forderung nach Ladenbeschriftung in Marathi© Rajanish Kakade/AP

Was würden Sie sagen, wenn Plattdeutsch plötzlich, sozusagen über Nacht in Deutschland als Amtssprache eingeführt würde? Alle Geschäfte müssten binnen Monatsfrist ihre Ladenschilder auf Plattdeutsch übersetzen, etwa "we verköft Computers", die Schüler wären verdonnert, als Pflichtfach "Platt snacken" zu wählen, ihre Lehrer hätten zuvor ein strenges Examen auf Platt abzulegen, um ihren Beamtenstatus nicht zu gefährden.

Genau vor diesem Dilemma, besser gesagt vor einer Sprach-Diktatur steht unsere Mega-Stadt Mumbai. Sie meinen vielleicht, in Indien sprächen alle Englisch? Weit gefehlt. Denn Mumbai ist nicht nur die glitzernde Finanzmetropole sondern die Hauptstadt des Bundesstaates Maharashtra, wo in den ärmeren Gegenden oft nur Marathi gesprochen wird. Kein Englisch und kein Hindi, obwohl es die zwei übergreifenden indischen Amtssprachen sind. Leider halten die Marathen sich für den Nabel der Welt, chauvinistische Politiker, gegen die der einstige Hamburger Rechtsaußen Ronald Schill wie ein Mann der Mitte wirkt, wollen mit Gewalt "Marathi only" einführen- und schrecken vor Straßenterror und Volksverhetzung nicht zurück. Im vergangenen Winter ließen die radikalen Marathis arme Einwanderer aus Nordindien zusammenschlagen, die zu hunderttausenden in ihre Dörfer zurückflüchteten - und die Industrie mit leeren Werkbänken und schweren Wirtschaftsschäden zurückließen.

Selbst Bettler sehen sich als "global players"

Dabei war Mumbai, das bis 1993 Bombay hieß und von den britischen Kolonialherren zur blühenden Finanz- und Handelsmetropole ausgebaut wurde, immer kosmopolitisch und offen für alle kleinen oder großen Glücksritter. Es ist noch immer die größte, farbigste, aufregenste Multikulti-Stadt Indiens, wo von parsischen Unternehmern bis zu Textilbaronen aus Gujarat, von hellhäutigen kashmirischen Teppichhändlern bis zu dunklen tamilischen Marktfrauen, von gut gekleideten Sikhs mit gelben Turbanen bis zu halb nackten spindeldürren Wanderarbeitern aus Bihar alle miteinander leben und selbst die Bettler von überall her sich als "global players" fühlen. Hier gibt es Menschen vieler Religionen und noch viel mehr Sprachen und Dialekte, es sollen über 200 sein.

Marathi ist zwar im Bundesstaat Maharashtra die offizielle Amtssprache, die aber kaum jemand in der - zugegeben hochnäsigen - indischen Oberschicht sprechen mag. Englisch ist zwar immer noch die Lingua Franca der Finanzwelt, aber die versteht nun mal der Mann auf der Straße nicht. Obwohl Indiens Aufstieg als Wirtschaftsmacht vom anglophonen IT-Sektor abhängt und an jeder Ecke Sprachinstitute für reines Hochenglisch werben, versuchen Mumbais Lokalpolitiker, die Sprache Shakespeares abzuwürgen. Offizielle Dokumente, bisher auf Englisch, sollen in Zukunft nur noch auf Marathi verfasst werden, das Chaos wäre vorhersehbar.

Behördenanrufe gleichen Slapstickkomödie

Städtische Behörden wie die für Telefon, Wasser und Gas sollen bis zu 80 Prozent mit Marathis ohne Rücksicht auf deren Qualifikation besetzt werden. Schon jetzt gleichen Behördenanrufe einer Slapstickkomödie. Ich hatte wohl an die 15 Mal bei der Mumbaier Telefongesellschaft gebeten, unseren Anschluss zu reparieren. Vergebens. Entweder kam mir ein Wortschwall auf Marathi entgegen oder die Dame vom Amt legte gleich auf. "Was hast du denn für eine blöde Madam?" fuhr die Angestellte unsere kleine Halbstagsköchin Jessy an, die beim 16. Anruf für mich übersetzte, "die Frau kann ja nicht einmal Marathi sprechen!" Nur die zugegeben etwas hohle Androhung von diplomatischen Verwicklungen zwischen Indien und Deutschland und ein größeres "Trinkgeld" halfen: unser Telefon wurde doch noch repariert.

Es vergeht kaum ein Tag, an dem Raj Thackeray, der Rechtsaußen der Marathi-Erneuerungs-Partei MNS, nicht mit dem Mob von der Straße droht, um den "Marathi only"-Staat einzuführen. Mal werden Lokalpolitiker angehalten, nur noch Marathi-Reden zu halten, die viele der Herren und Damen Kollegen gar nicht oder nicht richtig verstehen können. Mal ist es die Forderung, Marathi als Pflichtfach in allen höheren Schulen einzuführen. Dann verschreckte er die Gymnasiallehrer gründlich. Auf seinen Druck hat die Stadt beschlossen, dass die Pädagogen demnächst selber eine harte Prüfung ablegen müssen, bevor ihre Anstellung bestätigt wird. In Marathi! Und als meine Lieblingszeitung, die in Englisch erscheinende Hindustan Times, kritisch über den Chauvinisten berichtete, drohte er, seine Schlägertrupps zu schicken. Zum Glück nehmen die meisten Mumbaier diesen Westentaschen-Mussolini nicht ernst.

Marathi-Mob auf den Straßen Mumbais

Thackerays schlimmster Streich war allerdings seine Drohung, dass alle Ladenbesitzer Mumbais bis zum 30. August ihre Schilder, die je nach Klientel auf Englisch oder Hindi sind, auch auf Marathi zu schreiben hätten. Ende August zog der Mob erstmals durch die Straßen, als sei es die Reichskristallnacht und schlug unbotmäßigen Ladenbesitzern das Mobiliar entzwei. Da endlich sprach das Oberlandesgericht ein Machtwort und verbot dem Pöbel, den "friedlichen Handel und Wandel" zu stören. Mumbais Kaufleute atmeten auf.

"Die ganze Bewegung wird natürlich trotzdem das globale Geschäftsklima negativ beeinflußen," befürchtet der Chef der indischen Handelskammer. Das scheint den Marathis egal zu sein. "Sollen sich die internationalen Bosse doch nicht so anstellen und einfach perfekt Marathi lernen wie in China chinesisch," forderte ein forscher Thackeray-Fan im Internet. Sehr komisch. Und vielleicht noch die 200 anderen Sprachen und Dialekte Mumbais dazu?

Vor wenigen Tagen aber kam über den "Mumbai Mirror" heraus, dass Raj Thackeray, der wilde Einpeitscher, offenbar seine eigene Familie nicht im Griff hat. Sein 16-jähriger Sohn Amit, der ein Wirtschafts-College im feinen Mumbaier Stadtteil Santa Cruz besucht, hatte offenbar null Bock auf Papas Pflichtfach Marathi. Nein, der Junge dachte wohl an Goethe und Mercedes wählte seinen Kurs in einer sehr exotischen Sprache: nämlich deutsch.

Die Autorin Als Swantje Strieder vor einigen Jahren, damals für den "Spiegel", aus Indien berichtete, waren Hungersnöte, Mitgiftmorde und Grenzkriege die beherrschenden Themen. Nach Zwischenstationen in Rom, New York und Hamburg ist sie wieder nach Indien zurückgekehrt und lebt in der Mega-City Mumbai. Vom mühsamen und doch faszinierenden Alltag berichtet sie jede Woche in ihrer "Mail aus Mumbai".

Von Swantje Strieder, Mumbai
KOMMENTARE (4 von 4)
 
MBuck (06.09.2008, 01:50 Uhr)
Eine Schande...
Wirklich eine Schande. Marathi und Platt im Handel, Platt als Pflichtfach und als Voraussetzung für die Lehrerlaubnis.
Ein Glück leben wir hier in Deutschland besser. Denn hier bei uns ist ja schließlich Hochdeutsch im Handel Pflicht (Warenaus- und -bezeichnungen auf Platt sollte mal einer versuchen, das gäb Ärger...), Hochdeutsch ist Pflichtfach (Pflichtfach? Der Unterricht selber ist 100 % Hochdeutsch!) und Lehrer müssen ein hochdeutsches Studium durchlaufen, an dessen Ende eine hochdeutsche Prüfung der Hochdeutsch-Kenntnisse steht. Was natürlich total logisch und gerecht ist.
Wer spricht schließlich schon Plattdeutsch? Na gut, früher waren es mal 25 Millionen Muttersprachler. Aber dem haben zweihundert Jahre Bildungswesen auch abgeholfen. Mit sechs kamen sie in die Schule und mussten von dem Tag an die Fremdsprache Hochdeutsch sprechen (der Euphemismus dafür ist wohl "Immersion"), während ihre Muttersprache verächtlich gemacht wurde.
Tja, bei den Plattdeutschen hat das damals geklappt. Möge den Marathis erspart bleiben, dass sie Minderheit in eigenem Sprachgebiet werden.
Übrigens: Wenn eine Sprachgruppe restriktive Eigenschutzmaßnahmen ergreift, dann liegt das im Regelfall nicht daran, dass sie "doofe Nazis" sind, sondern daran, dass die Sprachgruppe sich existenziell bedroht fühlt. Das Beispiel der Plattdeutschen zeigt, dass das Gefühl der existenziellen Bedrohung berechtigt ist. Bis ins 16. Jahrhundert war Plattdeutsch "Weltsprache", als Sprache der Hanse das "Englisch der Nord- und Ostsee" (so einflußreich, dass 50 % des dänischen, schwedischen und norwegischen Vokabulars aus plattdeutschen Fremd- und Lehnwörtern besteht). Und noch bis ins frühe 20. Jahrhundert war es für über 90 % der Menschen Muttersprache und Sprache des täglichen Lebens. Heute sind noch knappe 10 % der Menschen in der Lage, die Sprache zu sprechen.
Wer sich nicht gegen die nationalen Prestigesprachen wehrt, ist ganz schnell ganz tot. Also miene leven Marathis, stuur blieven, tohoophollen un keen Ruum geven.
Albatros111 (05.09.2008, 13:44 Uhr)
Mal wieder nix verstanden
Die Autorin wohnt zwar in Indien, hat aber offenbar keine Ahnung, wovon sie spricht. Marathi ist keineswegs mit dem Plattdeutschen vergleichbar, sondern ist die Amtssprache des indischen Bundeslandes Maharashtra, in dem Bombay liegt, und gehört zu den 20 am meisten gesprochenen Sprachen der Welt. Marathi ist auch eine der offiziellen Amtssprachen Indiens. Es ist keineswegs so, dass Hindi die einzige indische Hochsprache wäre und die anderen Sprachen alle nur ländliche Dialekte. Auch das Englische ist in Indien außerhalb der Oberschicht kaum verbreitet. Vielleicht sollte die Autorin ja tatsächlich mal die Landessprache lernen, damit sie versteht, was um sie herum vor sich geht.
RichardRoe (05.09.2008, 13:02 Uhr)
Lesen bildet...
"Dabei war Mumbai, das bis 1993 Bombay hieß und von den britischen Kolonialherren zur blühenden Finanz- und Handelsmetropole ausgebaut[...]"
Noch Fragen?
susanne_bonn (05.09.2008, 12:45 Uhr)
Wer oder was ist Mumbai
meint ihr vielleicht Bombay??
Mumbai was ist das??? kenne ich nicht...
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