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8. Oktober 2008, 17:25 Uhr

Lernen, mit der Bombe zu leben

Überflutungen, Finanzkrise, Hunger: Die Probleme in Indiens Alltag führen zu einem gewissen Fatalismus. Wer selbst nicht genug Reis in der Schüssel hat, für den ist sogar der zunehmende islamistische Terrorismus nur ein Randaspekt. Von Swantje Strieder, Mumbai

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Bei einem Anschlag im indischen Neu Delhi wurden am 13. September 2008 zahlreiche Menschen getötet. Doch die Anschläge sind nur ein Teil der Probleme Indiens© Tyagi Harish/EPA/DPA

In diesen Tagen können Sie in Mumbai die absurdesten Dialoge hören. "Jessy", sage ich zu unserer kleinen indischen Halbtagsköchin, "hast du die Bombendrohung gestern Abend mitbekommen? Muslimische Terroristen wie die in Delhi! Wir sollten nicht mehr ausgehen und große Menschenmengen auf Bahnhöfen, im Straßenverkehr, in Hindu-Tempeln, auf Märkten meiden ..." "... Vom Markt komme ich gerade", antwortet Jessy. Und, irgendetwas Besonderes? " Ja, ganz schrecklich, Madam, ... " sagt Jessy. Was denn? "... die Preise: Blumenkohl kostet fast das Doppelte gegenüber dem letzten Monat, Spinat das Dreifache ..."

Habe ich mich verhört? Es ging doch gerade um etwas sehr Gefährliches - um Attentate in Mumbai. "... Nein, um die Flutkatastrophe von Bihar im Norden," korrigiert mich Jessy, "mehrere tausend Menschen sind dort ertrunken, ihre Gemüsefelder stehen anderthalb Meter unter Wasser, die Regierung tut nichts und wir kleinen Leute müssen jetzt doppelt soviel für Tomaten und Blumenkohl zahlen!" Krause Logik oder einfach die Summierung zu vieler indischer Probleme auf einmal, die zu einer Art Fatalismus führt: Hunger, Finanzkrise, Natur- und hausgemachte Katastrophen wie die Fluten im Indiens Armenhaus Bihar, blutige Christenverfolgungen durch Hindusekten im Nachbarstaat Orissa: Wer selber nicht genug Reis in der Schüssel hat, hat viele andere Sorgen - für den ist Terrorismus nur ein Randaspekt.

Schon die Teilung der ehemals britischen Kolonie war blutig

Eigentlich sprechen Inder sowieso nicht gerne über Terror, sondern lieber über ihr Land als aufstrebende Technologie-Weltmacht. Tatsache ist, dass es in der größten Demokratie der Welt, von Mahatma Gandhi im Namen der Gewaltlosigkeit gegründet, nie ganz friedlich zuging. Schon die Teilung der ehemals britischen Kolonie 1947 in einen hinduistischen Staat Indien und in das rein islamische Pakistan verlief äußerst blutig und kostete über eine Million Menschen das Leben. Auch heute noch agieren in mehr als einem Drittel des Landes Terrorgruppen aller Facetten und Farben wie die Naxaliten, gewalttätige maoistische Kader in den Dschungelgebieten, Unruhestifter an der Grenze zu Burma oder lokale Abtrünnige in den Provinzen Assam oder Manipur.

In den indischen Millionenstädten aber sorgt die größte und gefährlichste Bewegung, die islamistische "Armee der Reinen", die ein von Indien unabhängiges islamisches Kaschmir erzwingen will, für Terror. Die Gotteskämpfer sind nicht etwa wilde bärtige Talibankrieger wie in Afghanistan, sondern sie rekrutieren sich aus eben jener hoch professionellen Elite von Informatikern, auf die das moderne Indien so stolz ist. Die Terroristen loggen sich bei harmlosen Bürgern in den Computer ein und bauen eine für die Polizei schwer durchschaubare Logistik auf. So hackten sich die IT-Islamisten ausgerechnet in den W-Lan-Account eines fundamentalistisch-christlichen Amerikaners ein, der in Mumbai Bibeln vertreibt. Autos zum Transport der Sprengsätze klauten Helfershelfer in Mumbais Vororten und die Bombenherstellung mit Ammoniumnitrat, auch als Dünger verwandt, ist in einem Agrarland wie Indien kein Problem.

Die Polizei wurde beschimpft

Im Mai explodierten in der Touristenstadt Jaipur die ersten sechs Bomben, von Kurieren auf dem Fahrrad unauffällig in das Marktgetümmel geschoben. 80 Menschen starben. Danach gab es hintereinander in drei indischen Städten, Ahmedabad, Surat und Chennai Attentate, Anfang September war schließlich die Hauptstadt Neu Delhi dran, was zu insgesamt über 150 Toten führte. "Es gehört nicht viel Fantasie dazu, um zu kapieren, dass wir in Mumbai das nächste Ziel sind", meint Israr, unser ständiger Taxifahrer. Er ist gemäßigter Muslim und hat mit den Extremisten keinerlei Sympathie, zumal er weiß, dass jedes Attentat blutige Rache auf der anderen Seite auszulösen pflegt. Wie 1993 in Mumbai, als der Hindu-Mob nach dem islamistischen Bombenattentat auf die Börse hunderte von völlig unbeteiligten Muslimen tötete.

Und die Polizei? Die tappte monatelang im Dunklen und musste sich in zahlreichen frechen Mails der Islamisten als "Trottel" und "Blindgänger" beschimpfen lassen, bevor sie doch eine Fährte fand. Mitte September kam es in Delhi zu einer Schießerei, wobei zwei Islamisten und der im Antiterror-Kampf hoch dekorierte Inspektor Mohan Chand Sharma getötet wurden. Ein Kämpfer wurde festgenommen, zwei weitere konnten fliehen. Seither tickt die Uhr für uns Mumbaier besonders laut, obwohl das niemand hören will. Schließlich sind wir gerade mitten in der Hochzeit der Hindu-Festivals, und das heißt, Straßenfeste, Tempelfeste, Verkehrschaos an allen Ecken und Enden.

Wir tranken uns lieber den schlechten Wein schön

"Alles Schicksal", sagt Vandana, unsere kleine Hindu-Putzfrau, schwingt wie immer fröhlich ihren Besen und stopft mich mit marzipanähnlichen Süßigkeiten von irgendwelchen Tempelfesten voll. Als am vorletzten Mittwochabend die Stufe Orange beim Bombenalarm ausgelöst wurde - wir erfuhren es übers Handy- saß ich mit einer Kollegin im Restaurant. Der Wein war nicht gut, aber teuer, das Essen war in Ordnung, und die Stimmung unter den indischen Gästen locker wie immer. Sollten wir Ausländer jetzt sofort nach Hause gehen und uns verkriechen? Wir tranken uns lieber den schlechten Wein schön. Am nächsten Morgen verkündete die Polizei, dass ihr fünf weitere mutmaßliche Terroristen ins Netz gegangen seien. Alles bisher unbescholtene junge Männer, die in der Mumbaier IT-Branche arbeiteten.

Söhne von braven Vätern, die nicht glauben können, dass ihr Nachwuchs damit beschäftigt war, möglichst viele Mumbaier beim fröhlichen Festtreiben in die Luft zu jagen. "Israr", frage ich meinen Taxifahrer, "ist denn die Gefahr jetzt vorüber?" "Falls die Polizei die Richtigen erwischt hat, gibt es jetzt Entwarnung", meinte der und spuckte erstaunlich gelassen eine Prise Betel aus dem Autofenster, "wenn nicht, müssen wir weiter mit den Bomben leben, Inschallah!"

Die Autorin Als Swantje Strieder vor einigen Jahren, damals für den "Spiegel", aus Indien berichtete, waren Hungersnöte, Mitgiftmorde und Grenzkriege die beherrschenden Themen. Nach Zwischenstationen in Rom, New York und Hamburg ist sie wieder nach Indien zurückgekehrt und lebt in der Mega-City Mumbai. Vom mühsamen und doch faszinierenden Alltag berichtet sie jede Woche in ihrer "Mail aus Mumbai".

Von Swantje Strieder, Mumbai
KOMMENTARE (3 von 3)
 
nosianai (11.10.2008, 10:06 Uhr)
Meine Köchin hat gesagt...
Hören-Sagen am Gartenzaun, so liest sich dieser Artikel. Die Abtrünnigen in Nordostindien - damit sind wohl die Stämme gemeint, die schon immer dort wohnten? Was ist mit dem "rein" islamischen Pakistan gemeint? Wohnen da etwa keine Hindus mehr? Das ist mir neu.
Es ist offensichtlich, dass Sie sehr wenig Verständnis für die Belange des "kleinen Mannes" in Indien haben; und dieser meine-Putzfrau-hat-gesagt-Journalismus kann den Leser einfach nur irritieren.
gmathol (09.10.2008, 01:12 Uhr)
Ablenkungsmanoever der indischen Regierung.
Der wirkliche Terror findet naemlich in den Strassen von Indien statt und heisst: Hunger oder Hungertod.
Ach, ja - laut Boersenanalysten besitzt Indien ja eine boomende Wirtschaft.
facilidad_de_ser (08.10.2008, 20:20 Uhr)
Bitte aufhören...
mit dem Terrorismus-scheiss, wer glaubt das denn noch? Wer da ne Bombe gezündet hat, kann doch kein Mensch mit 100%tiger Sicherheit sagen.
Widmen Sie Ihre Bemühungen doch bitte aktuellen Themen, es reicht jetzt wirklich!
Danke
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