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14. November 2007, 19:33 Uhr

Tod eines "Callgirls"

Sie war jung, sie war hoch anständig und sie war hoch professionell: Die 22-jährige Jyoti arbeitete nachts als Callcentergirl. Dann wurde sie auf der Fahrt zur Arbeit vergewaltigt und erschlagen. Doch die Sympathien liegen in Indien nicht beim Opfer. Sie habe es doch nicht besser verdient, heißt es. Von Swantje Strieder

Firmen bezahlen in Indien ihren Mitarbeiterinnen einen Taxiservice© Piyal Adhikary/DPA

Als die 22jährige Jyoti gegen halb elf abends zu ihrem Mörder ins Firmen-Taxi stieg, dachte sie an nicht Böses. Sie arbeitete ja immer nachts - in einem indischen Callcenter, wie die Kundendienste hier heißen. Sie war ja schließlich kein Callgirl, sondern ein Callcentergirl, eine jener jungen hoch anständigen und hoch professionellen telefonischen Beraterinnen, die in Zwölf-Stunden-Schichten jede Nacht die Telefonleitungen zwischen staubigen indischen Städten und Glitzer-Metropolen wie New York, San Francisco und Houston heiß laufen lassen. Ein Traumjob für die kleinen Gewinner der Globalisierung, vor allem für junge Frauen. Sicher, sauber, relativ gut bezahlt. Allerdings nur Nachtschichten, das bringt die bis zu zwölfstündige Zeitverschiebung zu den USA so mit sich. Keine indische Frau geht abends gern allein aus dem Haus, deshalb der von der Firma bezahlte Taxiservice.

Der 26jährige Taxifahrer, der Jyoti routinemäßig abholen und zum sicher Wipro Callcenter in Pune bringen sollte, hatte routinemäßig getrunken und einen dubiosen Freund mit im Auto, den er angeblich gleich absetzen wollte. Hätte sie die Fahrt ablehnen sollen? Aufmüpfige Arbeitnehmerinnen werden hier nicht gerne gesehen. Jyota jedenfalls telefonierte arglos mit einer Freundin in Dehli, bis das Gespräch plötzlich abriss. Die Freundin alarmierte die Familie, aber zu spät. Die Täter vergewaltigten Jyoti an einer einsamen Stelle und obwohl das Mädchen um Gnade flehte und versprach, seine Peiniger nicht anzuzeigen, zerschmetterten ihr die Killer den Schädel. Danach chauffierte der Täter seinen Firmenkunden weiter, als sei nichts geschehen. "Eine kaltblütig geplante, bestialische Tat," so Polizeiinspektor Daithankar nach Verhaftung der geständigen, aber völlig ungerührten Mörder.

Nach Anruf Mord - ein neuer Callcenter-Fall, der indische Männer und Frauen mal wieder tief erregt und tief gespalten hat: Die weiblichen Angestellten der Firma Wipro reagierten panisch, war doch vor zwei Jahren eine 21jährige Kollegin fast einem Säureattentat erlegen. Der Firmen-Fahrer hatte ihr die ätzende Flüssigkeit ins Gesicht geschüttet, weil sie ihn zurückgewiesen hatte. Sie ist für immer entstellt. Auch in der High Tech Stadt Bangalore wurde ein Callcentergirl vom Taxifahrer umgebracht. Nach Anruf Mord? - ihre Jobs mochten die Telefonberaterinnen allerdings weder durch Streiks noch Forderungen nach mehr Sicherheit riskieren.

"Sie war doch selbst schuld"

Und die Männer? "Sie war doch selbst schuld", schrieb der Kommentator des Mumbai Mirror im Stil der Bildzeitung: "... diese unbedarften jungen Killer, die wahrscheinlich noch nie ein Händchen haltendes Paar oder einen Kuss in der Öffentlickeit gesehen haben, wollen sich doch nur ein Scheibchen vom schönen modernen Indien abschneiden.." Also, das Opfer ist schuld, weil es einen guten Job hatte, exzellent englisch sprach und somit den traditionellen Rollenvorstellungen des Killers vom Heimchen am Herd nicht entsprach?

Indien soll als Hightechland ganz vorne auf dem Weg zur Weltmacht sein, aber die Abtreibung von weiblichen Föten, der sexuelle Missbrauch von Kindern, vor allem kleinen Mädchen, Zwangsverheiratungen, Frauenhandel und Mitgiftmorde sollen hier munter weitergehen? Sollen sich moderne Frauen, die für ihre Familien das Geld verdienen, umbringen lassen, weil sie aus Betriebsgründen nachts arbeiten müssen? Das klingt nach Fundamentalismus, ausnahmsweise nicht islamischem sondern bittersüßem Hindu-Moralismus, wo Sita, die Frau von Gott Rama, für ihren Göttergatten im wahrsten Sinn des Wortes durch's Feuer geht, um ihre moralische Unschuld zu beweisen.

Emanzipationsstand des Irans

Wenn ich mit meinen indischen Freundinnen diskutiere, der klugen Vaishali, Dozentin im Mumbaier Goethe-Institut, mit Neha, der geschäftstüchtigen Boutiquenbesitzerin, die wie ein kleiner Punk durch die Gegend springt oder mit Maneka, die sich alleine durch Bollywood kämpft, um ihr Herzenprojekt, einen Film über einen sprechenden Baum, zu finanzieren, dann denke ich, toll, die indischen Frauen sind dabei, sich die Hälfte des Himmels zu erobern. Alle drei haben gute Väter, die sie voll unterstützen, um im Leben ihren Mann zu stehen.

Aber gestern hat mir Tessy, unsere winzige Köchin, die dick vernähten Narben gezeigt, die ihr Ex ihr beigebracht hat: an der Stirn, an der Brust, an den Armen. Die an ihrer Seele sieht man ihr ohnehin an: Zweimal hat Tessy Selbstmord versucht, es aber wegen der Kinder - zum Glück - nicht geschafft. Nach der Scheidung wurden ihrem Mann, einem Alkoholiker, die zwei kleinsten Kinder zugesprochen. Angeblich hatte er ihnen gedroht, sie umzubringen, falls sie zur Mama wollten. Danach gab der Vater sie in eine fremde Familie, zu einem Schnapsbudenbesitzer, wo sie als kleine Hausdiener leben - das ist leider legal in diesem Land - und Tessy hat sie nie wieder sehen dürfen! Solange Indien bei der Emanzipation noch auf Platz 122 von 128 Ländern liegt, in guter, schlechter Gesellschaft von Iran, Bahrein, Saudi Arabien, Nepal und Pakistan, wird es nur eine halbe, eine gebrochene Weltmacht werden.

Von Swantje Strieder
 
 
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