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10. Juni 2008, 18:00 Uhr

Und jährlich überrascht der Monsun

Alle neun Monate dasselbe: Im Juni, Juli kommt der Monsun. Fast ganz Indien erwartet den Dauerregen, weil ohne ihn kaum etwas wächst. Nur Mumbai lässt sich jedes Jahr aufs Neue von ihm überraschen - und zankt sich regelmäßig darüber, wer Schuld an seinen unerfreulichen Nebenwirkungen hat. Von Swantje Strieder, Mumbai

Die durch den Monsun überfluteten Gleise machen die Weiterfahrt von Mumbaier Pendlerzügen unmöglich© Punip Paranjpe/Reuters

Alle wissen es lange im Voraus. Das freudige Ereignis kommt jedes Jahr zur gleichen Zeit. Neun Monate, von Ende September bis Anfang Juni hat die Megastadt Mumbai Zeit, sich darauf vorzubereiten. Eigentlich. Und dann wird es doch jedes Mal wieder eine Sturzgeburt. Ich rede hier nicht von irgendwelchen Promibabys, die die Klatsch- und Galareporter in Verzückung und die Schecks für das erste Foto in schwindelnde Höhen treiben. Ich rede von einem ganz normalen Naturereignis, über das ganz Indien vor Freude aus dem Häuschen gerät, aber von dem nur wir 18 Millionen Mumbaier persönlich beleidigt sind: den Monsun.

Regnet es nicht in Hamburg oder München 300 Tage im Jahr?

Regen, werden Sie sagen, Regen erlebt man doch in Hamburg oder München dreihundert Tage im Jahr. Mindestens. Aber wir Mumbaier sind nun mal seit dem 26. September letzten Jahres, als das indische WM-Cricketteam mit den letzten Monsun- und frischen Sieges- und Wonneschauern durch die nassen, verstopften Straßen heimkehrte, nur Sonne, Sonne, Sonne gewöhnt. Anderswo auf dem Subkontinent ist es auch so, trotzdem oder gerade deshalb wird da oft um Regen gebetet. In Darbang, einem entlegenen nepalesischen Dorf, sollen kürzlich hundert Frauen nackt getanzt haben, um den Hindu-Regengott Mahadev zu erweichen. Doch die Damen und Herren Lokalpolitiker hier in Mumbai verdrängen den Regen wie einen lästigen Zahnarzttermin. Und dann ist wieder alles zu spät.

Nach neun Monaten Staub und Trockenheit wissen die Stadträte, die ja leider nicht über die Fantasie eines Action- und Katastrophenfilm Regisseurs verfügen, anscheinend nicht mehr, wie sich echte Monsun-Regen anfühlen. Und dann die direkten Folgen: Die Fluten von unten, die aus den ungereinigten Sielen, die teilweise noch aus der britischen Kolonialzeit datieren, das Wasser knietief bis hüfthoch aufsteigen lassen und Menschen in ihren Autos fortschwemmt, Gleise flutet, Hauswände einstürzen lässt. Denn Mumbai ist leider nicht wie Rom auf sieben Hügeln, sondern auf sieben Sümpfen gebaut. Auf Feuchtgebieten!

Trotzdem tönte Stadtrat Jairaj Phatak jüngst noch: "Diesmal sind wir auf den Monsun eingerichtet, wir haben alles im Griff." Ein anderer Politiker kündigte sogar den perfekten Katastrophenschutz "innerhalb drei Minuten" an - an allen Ecken und Enden der 18-Millionen-Stadt! Ein Witz, und zwar ein schlechter, fanden die Mumbaier. Bei der Flutkatastrophe am 26. Juli vor drei Jahren, die immerhin 400 Menschen das Leben kostete, hatte die Stadt nämlich völlig versagt. Und wenn nicht beherzte Slumbewohner ihre reicheren Mitbürger aus den versinkenden Autos gerettet hätten, wären es noch viel mehr Opfer gewesen.

Vishnu versperrt die Aussicht

Aber jetzt ist er da, der große Regen, er kam an einem Donnerstagabend Anfang Juni. Etwas überraschend, besonders für die Meteorologen, die in diesen Tagen nur ein paar sanfte Vor-Monsun-Schauer vorausgesagt hatten. Wir konnten leider nicht hinaussehen, wie ein böiger Wind den Indischen Ozean aufrührte und immer schwärzere Wolken aufzogen. Denn Arun, unser fürsorglicher Wohnungsbesitzer, hatte uns schon Anfang Mai Vishnu, einen Segelmacher ins Haus gebracht, der lange blaue Planen wie Sturmsegel vor unsere Fenster spannte, damit der Regen nicht eindringt, aber so, dass wir nicht mehr herausgucken können. Dabei spuckte der Meister, wohl um seine Professionalität in Sachen Monsun zu unterstreichen, klebrigen roten Betelsaft auf unsere schöne helle Marmorterrasse, aber die Flecken sehe ich ja die nächsten drei Monate zum Glück nicht - wegen der Planen.

Der erste Regen war noch ziemlich normal, aber er traf mit einen mittlerem Hochwasser zusammen, das die Fluten landeinwärts in die Kanalisationen drückte. Die Schleusen funktionierten nicht. Dürfen nicht funktionieren, weil sich vor den Toren eines der allfälligen Slums angesiedelt hat. Der Erfolg: die Hauptstraße vom Prominentenvorort Juhu wurde geflutet. Vor der Villa von Bollywood-Held Amitabh Bachchan stand Wasser knietief - und über Stunden ruhte der Verkehr. Unsere Bankfiliale konnten wir nur in Flipflops mit hochgezogenen Hosen erreichen. Ein Vorspiel nur.

Wassereinbruch beim Katastrophenschutz

Mit zunehmendem Monsun nehmen nicht nur die Schäden, sondern auch die Streitereien unter den Behörden zu. Die Vorortzüge müssten nicht auf überschwemmten Bahnhöfen stehenbleiben, wenn die Bahn die Gleise rechtzeitig vor dem großen Regen von Müll und Plastik gereinigt hätte, beschimpfte Staatssekretär Chitkala Zutshi die Eisenbahner. "Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht", giftete Eisenbahnmanager Ak Jhingron, der nun ausnahmsweise einmal persönlich mit dem Vorortzug fuhr, zurück. Die Siele jenseits der Gleise zu säubern, sei schließlich Sache der Stadt.

Am Sonntag aber traf der Monsun ins Schwarze: direkt ins städtische Amt für Katastrophenschutz. "Die Stadt kann nicht einmal sich selbst schützen", spottete die "Times of India". Schon kurz vorher hatte es Eimerweise in den sechsten Stock der Behörde gekübelt, deren Chef Jairaj Phatak doch angeblich alles im Griff hat. Das Wasser stand Montagmorgen noch immer knöcheltief, Möbel waren zerstört, Akten vernichtet. "Ja, wir haben schon vor drei Tagen von dem Leck erfahren", sagte ein Beamter mit entwaffnender Ehrlichkeit, "aber der zuständige Herr Ingenieur war außer Haus. Da wusste keiner von uns, was wir tun sollten!"

Und was ist, wenn der Monsun so richtig losgeht? MumbaierInnen, schürzt die Saris und krempelt die Hosen hoch! Ein paar Ratschläge aus den Tageszeitungen:

  • • Tragen Sie Plastikschuhe oder Flipflops und lassen Sie Highheels oder Lederslipper zu Hause!
  • • Packen Sie ein Hämmerchen in die Handtasche, damit Sie, falls Ihr Auto unter Wasser gerät und die Zentralverriegelung blockiert, die Scheiben einschlagen können.
  • • Taschenlampe, MP3-Player, eine Ration Nüsse und Trinkwasser nicht vergessen. Und einen Eimer samt Deckel für die natürlichen Bedürfnisse. Eine Nacht im Stau kann lang sein.

Über die Autorin Als Swantje Strieder vor einigen Jahren, damals für den Spiegel, aus Indien berichtete, waren Hungersnöte, Mitgiftmorde und Grenzkriege die beherrschenden Themen. Nach Zwischenstationen in Rom, New York und Hamburg ist sie wieder nach Indien zurückgekehrt und lebt in der Mega-City Mumbai. Vom mühsamen und doch faszinierenden Alltag berichtet sie jede Woche in ihrer "mail aus mumbai".

Von Swantje Strieder, Mumbai
 
 
KOMMENTARE (3 von 3)
 
nosianai (12.06.2008, 11:35 Uhr)
@Eisenbaer
Ich vergaß zu erwähnen, dass sich die Stadtväter Mumbais gerade auf Bildungskurs in Deutschland befinden, um in Erfahrung zu bringen, wie man eine Stadt sauber hält. Man geht nämlich davon aus, dass man das in Deutschland besser kann. Zur Abwechslung ist die Faulheit und Inkompetenz der Stadtväter und Bahn Indiens aber mal nicht schuld an durch Müll verstopften Abflüssen und dadurch verursachten Überschwemmungen, sondern die Bürger, die nicht wissen, wozu Mülleimer erfunden worden sind. Ich frage mich daher, was die Stadtväter Mumbais in Deutschland lernen wollen, wo kaum etwas auf der Straße liegt? Oder auf den Schienen.
Aber das sind natürlich Ansichten, für die sich jüngst Frau Lucy Ivimy in London entschuldigen musste.
Eisenbaer (11.06.2008, 17:22 Uhr)
@nosianai
Was, bitteschön, hat die Deutsche Bahn mit dem alljährlich wiederkehrenden Monsun in Indien zu tun?
nosianai (11.06.2008, 15:29 Uhr)
Wieso aufräumen?
2006 fand das Hochwasser statt.
Es ist ja leicht, über die indische Bahn zu meckern. Aber die Deutsche Bahn muss beispielsweise auch keine Safaikaramcharis anstellen. Warum wohl?
Wenn den Leuten das Wasser vermengt mit Gülle und Müll um die Füße läuft, muss man auch einfach sagen, dass es der Dreck ist, den sie selbst verbockt haben, und das kann nur ausgleichende Gerechtigkeit sein.
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