In Malawi herrscht kein Bürgerkrieg, kein sinistrer Diktator füllt sich hier die Taschen. stern-Reporter besuchten ein Dorf in dem afrikanischen Staat und beschreiben, wie allein die Armut ein Land lähmen kann.

Die drei Jungen aus dem Dorf Mpango teilen ihre Beute. Sie haben Mäuse gejagt, die Tiere ausgenommen und in Salzwasser gekocht. Die Mäuse sind für sie eine willkommene Fleischration, sie verspeisen sie mit Haut und Haar© Thomas Hegenbart/Agentur Focus
Panisch versuchen die Mäuse zu fliehen. Doch die Jäger passen auf. Sie haben die Tiere aus ihrem Bau geräuchert, kauern vor den Löchern, und jetzt packen sie zu. Mit der Linken packen sie die winzigen Körper, mit der Rechten schneiden sie den Tieren die Kehle durch. Die Mäusefänger benutzen keine Messer. Sie besitzen gar keine. Sie nehmen ein flaches Faserstück von einer Maisstaude. Es ist scharf wie eine Klinge.
Die vier Jungs aus dem Dorf Mpango sind mit ihrem Fang zufrieden. Die Mäusejagd ist kein Zeitvertreib, ihre Eltern haben die Jungen ausgeschickt, Fleisch beizubringen. 17 Mäuse, das sind 17 kleine Rationen Protein - in einer Welt, in der Fleisch knapp und meist unerschwinglich ist.
Zu Hause werden die Mäuse ausgenommen und mit viel Salz in den Kochtopf gesteckt. Kopf, Schwanz und Klauen bleiben dran. Die durchgesottenen Tiere isst man mit Haut und Haaren. Beim Kauen knirscht es zwischen den Zähnen.
Mpango liegt im Hochland von Malawi. Die 14 Millionen Einwohner des südostafrikanischen Staates leben überwiegend in solchen Siedlungen. Mpango hat nichts Besonderes. Denn es hat fast nichts. Nichts von dem, was die wohlgenährte, wohlversorgte Erste Welt als unverzichtbar für ein menschenwürdiges Leben betrachtet.
Dabei tobt in Malawi kein Bürgerkrieg, in dem bekiffte Kindersoldaten schwangeren Frauen die Bäuche aufschlitzen, bevor ihnen selbst eine Tretmine die Beine wegreißt. Hier füllt sich kein sinistrer Diktator die Taschen, während sein Land im Chaos versinkt. Malawi hat eine halbwegs funktionierende Demokratie mit relativ freien Wahlen, und auch die Korruption, eines der afrikanischen Erbübel, hält sich in Grenzen. Ebenso die Spannungen zwischen den ethnischen Gruppen. Die Kriminalitätsrate ist niedrig.
Trotzdem liegt die Lebenserwartung im Land bei 37 Jahren, Tendenz fallend. In Deutschland wird man im Schnitt 78. Das jährliche Pro-Kopf-Einkommen beträgt knapp 600 Dollar, das deutsche ist mit 28 000 Dollar fast 50-mal so hoch. Ein Beispiel für die alltägliche Misere ganz Schwarzafrikas.
Wo die vier Jungs die Mäusenester ausräucherten, rascheln mickrige Maisstauden im Wind. Staliko Salubeni reißt einen dürren Kolben vom Stängel. Er ist spannenlang. "Er müsste doppelt so groß und dick sein", sagt der Bauer. "Doch es hat wieder mal nicht genug geregnet. Die Böden werden von Jahr zu Jahr schlechter. Der Mais erschöpft sie, aber wir können uns keinen Kunstdünger kaufen. Die heutige Regierung wurde 2004 nur gewählt, weil sie versprochen hatte, den Preis für einen 50-Kilo-Sack auf 1200 Kwacha - umgerechnet acht Euro - zu begrenzen. Tatsächlich kostet der Dünger heute 3500 Kwacha. Das kann sich kein normaler Mensch leisten."
Über Mais kann in Malawi eine Regierung stolpern. Mais ist das Leben. Die 5000 Einwohner von Mpango haben praktisch nur das, was sie ernten. Mit Nsima, dem Maisbrei, aus dem jede Mahlzeit meist ausschließlich besteht, müssen sie über die nächsten Monate kommen, den afrikanischen Winter. In diesem Jahr droht ein Hungerwinter.
Auf einem Feld nahe Mpango hacken zwei Dutzend Männer und Frauen unter stechender Sonne Kartoffeln aus dem Boden. Ein Mann aus einem Nachbardorf beaufsichtigt die Arbeiter. Er ist der erste und einzige dicke Mensch, dem wir begegnen. 50 Kwacha (rund 30 Cent) bezahlt er. Pro Stunde? Der Mann lacht laut und freundlich. "Bis das Feld abgeerntet ist." Und wie viele Stunden dauert das? Der Besitzer des Ackers lacht noch lauter und freundlicher: "So ungefähr zwei Tage." Auch wenn 50 Kwacha wenig Geld sind, herrscht kein Mangel an Arbeitskräften. Damit können die Bauern sich auf dem Markt in Chiluzi vielleicht Kernseife, Kochöl, Kerzen oder mal ein T-Shirt für die Kinder kaufen.
Ansonsten leben sie von der Hand in den Mund, sie essen, was sie anbauen. Es bleibt nichts, was sie verkaufen könnten. Investitionen, mit deren Hilfe der enge Kreislauf von säen, ernten und gerade so überleben durchbrochen werden könnte, sind in dieser Subsistenzwirtschaft nicht möglich. Auch für Salubeni nicht. Dabei gehört er zu den Reichen. Denn er besitzt zwei magere Ochsen und den einzigen Karren mit Gummirädern. Dieses Gefährt ist das technologische Spitzenprodukt in Mpango. Leider ist es seit Monaten außer Betrieb, die Investition liegt brach. Denn einer der Reifen hat einen Platten. Der Schlauch ist nicht mehr zu flicken, und ein neuer würde umgerechnet zwölf Euro kosten. Das überfordert die Finanzkraft Salubenis bei weitem.
So können zurzeit keine schwereren Lasten befördert werden. Nicht in die Provinzhauptstadt Dedza, nicht einmal in den nächsten, zwei Stunden entfernten Marktflecken Chiluzi. Ein Motorrad oder ein Auto besitzt niemand in Mpango. Neben Fahrrädern chinesischer Herkunft und Salubenis Ochsenkarren ist eine alte Singer-Nähmaschine mit Pedalantrieb das sichtbarste Zeichen moderner Mechanisierung.
Elektrisches Licht gibt es hier nicht. Wenn gegen sechs Uhr abends die tropische Nacht anbricht, wird es stockfinster in Mpango. Für ein paar Minuten schimmert noch Kerzenschein oder das trübe Licht von Paraffin-Lampen aus den Lehmhäusern. So lange, bis jeder seinen Schlafplatz auf dem Boden gefunden hat. Weil es in Mpango nie Elektrizität gegeben hat, vermissen die Menschen sie nicht. Auf die Frage, was sie am dringendsten benötigen, kommt fast stereotyp die Antwort: Erstens jeden Tag eine ausreichende Portion Maisbrei. Zweitens sauberes Wasser. Drittens ein Krankenhaus in erreichbarer Nähe.
Anders als viele Orte in der Sahelzone hat das Dorf in rund 1500 Meter Höhe genug Wasser für den bescheidenen täglichen Bedarf. Es stammt aus dem einzigen Brunnen in einem Taleinschnitt. An der klobigen Pumpe, dem Standardmodell Malawis für ländliche Gegenden, drängen sich morgens und abends die Frauen mit Plastikeimern. Eine nach der anderen füllt langsam die Behälter. 30, 40 Liter müssen einen Tag lang für eine vielköpfige Familie reichen, zum Trinken, Kochen, Waschen.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 28/2005
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