Mit Handtasche und eisernem Willen

8. April 2013, 15:21 Uhr

Nach ihr war alles anders, denn Margaret Thatcher hat Großbritannien für immer verändert. Auch dank ihrer teutonischen Tugenden - dabei war sie auf die Deutschen nie gut zu sprechen. Ein Nachruf von Cornelia Fuchs

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Drei Amtsperioden drückte sie Großbritannien ihren Stempel auf: Margaret Thatcher starb im Alter von 87 Jahren©

Auf die Frage, was sie in Großbritannien verändert habe als Premierministerin, antwortete sie einst: "Alles!" Und selbst ihre größten Gegner müssen eingestehen, dass Margaret Thatcher mit dieser für sie so typisch kompromisslosen Antwort nicht falsch lag.

Thatcher starb im Alter von 87 Jahren an den Folgen eines Schlaganfalls. Drei Amtsperioden regierte sie Großbritannien - länger als jeder andere Premierminister im 20. Jahrhundert.

Unterschätzt - aber nicht lange

Und es gibt im Königreich eine Ära vor Thatcher und eine Zeit danach. Vor ihren elf Regierungsjahren von 1979 bis 1990 war der Staat verantwortlich für das Funktionieren von Eisenbahn bis Aktienhandel. Er war der Garant eines guten Lebens für alle Bürger, vom Minenarbeiter in Lancashire bis zum Bankmanager in London.

Und bei der Machtübernahme von Margaret Thatcher im Mai 1979 hatte er auf ganzer Linie versagt. Ein Generalstreik ließ Städte vermüllen, Tote unbegraben und den Nahverkehr erliegen. Kämpfe zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaften ließen das Land stillstehen. Großbritannien befand sich als kranker Mann Europas im Niedergang, anscheinend unaufhaltsam.

Dann kam die Krämerstochter aus Grantham, Lincolnshire, und versprach Harmonie auf den Treppen der Downing Street. Die Mutter von Zwillingen hatte sich zäh an die Spitze ihres Großbritanniens gekämpft, von Grantham nach Oxford zum Chemiestudium und mit einer Zusatzausbildung als Anwältin nach London und zu ihrem ersten Mandat im Unterhaus. Über den Ministerposten für Erziehung arbeitete sie sich bei den Konservativen vor zur Parteivorsitzenden. Im Frühjahr 1979 wurde die Frau mit der Handtasche noch unterschätzt in der eigenen Partei. Doch nicht lange.

Die Augen von Caligula, Mund der Marilyn Monroe

Thatcher war fast teutonisch in ihrer Arbeitswut. Entschlossen, perfektionistisch, mit ungebrochenem Führungswillen beschreiben sie ihre Mitarbeiter. Der französische Präsident Mitterand sah in ihrem Gesicht "Augen von Caligula" und einen "Mund der Marilyn Monroe". Mit Thatcher übernahm der Markt die Verantwortung in Großbritannien. Und keine Regierung hat dieser Prämisse seitdem zuwider handeln können.

Der Thatcherismus pflügte die politische und soziale Landschaft Großbritanniens um. Tony Blair hätte ohne Thatcher niemals das Projekt New Labour erfolgreich umsetzen können, es würde den Finanzplatz London heute nicht geben mit Regeln, die die Finanzkrise möglich machten. Und weite Teile des englischen Nordens würden nicht aussehen wie industrielle Wüstenlandschaften, mit riesigen Einkaufszentren dazwischen als einzige Lichtblicke.

Großbritannien sollte Land der Aktienbesitzer werden

Großbritannien verschrieb sich Margaret Thatcher, weil es keinen anderen Ausweg zu geben schien aus dem Stillstand am Ende der 70er Jahre. Sie war die Frau mit der Vision für ein Land, das seine Größe zwischen dem Niedergang des Empires und dem Niedergang seiner verarbeitenden Industrie aus den Augen verloren hatte. Aus dem Königreich, das einst die Weltmeere beherrschte, wollte Margaret Thatcher eine Nation der Immobilien- und Aktienbesitzer machen. Sie war erfolgreich - und kaum ein Land hat heute eine größere Pro-Kopf-Verschuldung als die Briten.

Die Frau, die keine Kehrtwendung kannte, war ebenso wie in der Innenpolitik auch in der Diplomatie unerbittlich. Einmal gefasste Meinungen revidierte sie nur selten. So teutonisch sie in ihrer eigenen Partei auftrat, so sehr widerstrebten ihr die Deutschen und besonders deren Ewig-Kanzler Helmut Kohl. Ihre Familie hatte im Krieg jüdische Mädchen aus Wien aufgenommen, als Teenager erlebte sie während des Zweiten Weltkrieges 20 Bombardierungen ihrer Heimatstadt. Als Regierungschefin wehrte sie sich bis fast zuletzt gegen die Wiedervereinigung, gegen allen Rat aus den Reihen ihres Diplomatenkorps. "Jetzt haben wir sie zweimal besiegt, und schon stehen sie wieder da", soll sie über die Deutschen gesagt haben.

Sie nannte sich "Tiger unter Hamstern"

Zu Europa sprach sie den Satz: "Ich will mein Geld zurück!" und beendete jegliche Hoffnung, Großbritannien könnte sich am Experiment eines föderalen Europas beteiligen. Was ihr in der Innenpolitik gelang, daran scheiterte sie in ihrer Außenpolitik. Sie konnte Großbritannien trotz Falklandkrieges und trotz Verschiebung der Kräfte weg von Europa in Richtung der USA nicht in eine Phase neuer außenpolitischer Kraft lenken. Stattdessen stand das Königreich am Ende ihrer Zeit als Premierministerin isolierter da als je zuvor: Frankreich unter Präsident Mitterrand rückte so nah an Deutschland wie nie zuvor. Und die USA beklagten in Depeschen, dass Großbritannien kaum mehr als Verbindungsbrücke über den Atlantik dienen könne, wenn es den Anschluss in Europa verliere.

Sie nannte sich einen "Tiger unter Hamstern". Aber es waren die Hamster in ihrer eigenen Partei, die sie besiegten. Sie scheiterte im November 1990 nach turbulenten Wochen an vier Stimmen, die ihr die Wiederwahl zum Parteichef verweigerten. Sie trat zurück. Als sie vor der Downing Street ins Auto stieg, sah ihr Wahlvolk das erste Mal Tränen in ihren Augen. Mit ihr stiegen auch die Konservativen ab. Die Partei zerstritt sich, nicht zuletzt auch wegen einer Margaret Thatcher, nun Baroness von Kesteven, die es nicht lassen konnte, ihrem Nachfolger und konservativen Premier John Major lautstark Fehler in seiner Innen- und natürlich Außenpolitik vorzuwerfen.

Ihre Statue steht neben der von Churchill

Es war ihre Gesundheit, die Margaret Thatcher am Ende von der Weltbühne holte. Sie begann, Sätze zu vergessen. Die Folgen von Schlaganfällen machten öffentliche Auftritte unmöglich. In den vergangenen Jahren wurde sie nur mehr als Symbol herumgereicht, eine Art politisches Maskottchen. Lächelnd und immer perfekt toupiert kam sie in die Downing Street zum Tee unter dem Labour-Premier Gordon Brown ebenso wie unter dem konservativen Regierungschef David Cameron.

Eine Statue ihrer selbst enthüllte sie noch im Jahr 2007. Sie steht neben Churchill im Foyer des Unterhauses. Der Geist Margaret Thatchers wird bis auf weiteres durch die britische Politik schweben.

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