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Rausch für jedermann

Wie Kaffee bei Starbucks soll es in den USA bald Marihuana für jedermann geben. Immer mehr Bundesstaaten geben den Konsum frei. Das Geschäft mit dem Gras boomt.

Von Alexandra Kraft, New York

  Marihuana-Plantage: Eine knappe Mehrheit der Amerikaner ist laut Umfragen für die Legalisierung von Gras

Marihuana-Plantage: Eine knappe Mehrheit der Amerikaner ist laut Umfragen für die Legalisierung von Gras

Programmierer ist ein echter harter Job. Den ganzen Tag am Rechner zu sitzen ist nicht gesund. Nach acht, zehn, zwölf oder mehr Stunden mit vielen Zahlen und kaum Bewegung schmerzen Rücken und Handgelenke schon mal. Eigentlich ein Fall für eine Schmerztablette - oder die warme Badewanne. Aber nicht im Silicon Valley. Hier kommt die Linderung aus einer der zahlreichen Marihuana-Apotheken. Denn wer in Kalifornien leidet, darf sich per Rezept legal bekiffen. So haben die Bürger entschieden.

Und das Geschäft mit dem Gras läuft ausgezeichnet. In ganz Silicon Valley. Vor allem aber in San Jose, der drittgrößten kalifornischen Stadt, die nur eine kurze Auto-Fahrt entfernt zu den Bürogebäuden von Cisco Systems, Google, Adobe, Apple oder Ebay liegt. 106 so genannte Marihuana-Kliniken gibt es hier (vier liefern auch nach Hause). Das ist vier Mal so viel wie in San Francisco. Der Bürgermeister von San Jose Chuck Reed sagt: "Das sind viel mehr als es aus medizinischer Sicht für unsere Bevölkerung nötig wäre."

Gras auf Rezept

Überhaupt ist Marihuana in den USA derzeit eine Erfolgsgeschichte. In 20 Bundesstaaten darf man seine Wehwehchen wie Migräne oder Arthritis mit dem Rauschmittel bekämpfen. Eine einfache Verordnung eines Arztes (kostet etwa 40 Dollar) reicht dafür aus. Wie ernst die Beschwerden sind, wird nur selten überprüft.

Die beiden US-Staaten Colorado und Washington State gehen noch weiter. In einem Referendum im November stimmten die Bürger dafür, dass hier Erwachsene Marihuana straffrei kaufen dürfen. Ohne gesundheitliche Probleme, ohne Besuch beim Arzt, einfach nur zum Spaß. Für diese liberale Regelung gab es in Colorado mehr Stimmen als für die Wiederwahl des amerikanischen Präsidenten Barack Obama.

Im Januar treten nun weitere Regelungen in Kraft, nach denen in diesen Staaten jeder über 21 Jahren für den Freizeitgebrauch Marihuana kaufen darf. Außerdem sind dann auch kleine Heimplantagen mit bis zu 12 Pflanzen erlaubt sein - wenn nicht mehr als drei gleichzeitig blühen.

Auf ins Marihuana-Mekka nach Colorado

Mit dem erlaubten Rausch lässt sich womöglich viel Geld verdienen. So werden derzeit fleißig Vertriebsfirmen gegründet und man kann sich um Verkaufslizenzen bewerben. Etwa 50 Millionen Touristen kommen pro Jahr nach Colorado. Alles potentielle Kunden. Auch die Erfahrungen der medizinischen Anbieter in Kalifornien lassen die Hoffnung wachsen. Erste Prognosen sehen einen Umsatz von 1,5 Milliarden Dollar in diesem Jahr und bis 2018 eine Vervierfachung.

Und die offene Haltung zeigt Wirkung. Vor allem in Denver, der Hauptstadt von Colorado, welche sich bereits zum Mekka der Marihuana-Nutzer entwickelt hat. Alleine hier gibt es etwa 200 Verkaufsstellen für das beliebte Rauschmittel, Tendenz steigend. Das lockt Konsumenten aus den gesamten Vereinigten Staaten an. Ebenso die im Landesvergleich niedrigen Preise. Eine Unze des teuersten Grases kostet hier derzeit etwa 120 Dollar. In New York dagegen 360 Dollar (wo Handel und Konsum noch immer illegal ist).

Drogen shoppen mit dem i-Phone

Längst ist der Verkauf aus der halbseidenen Schmuddelecke heraus. Die Läden sind meist schick und modern eingerichtet. Zu jeder Marihuana-Sorte hängen bunte Infotafeln an den Wänden. Es gibt viele verschiedene Sorten, Schnitte und Qualitäten. Wie welche Art wirkt, das weiß das nette Verkaufspersonal hinter dem Tresen. Geordert wird per I-Pad oder Smartphone. Vorbei die Zeiten, in denen man dubiose Kekse bei dubiosen Freunden eines Freundes kaufen musste.

Natürlich lockt das auch Investoren an. So hofft die Firma "Diego Pellicer" aus Colorado die erste und führende Einzelhandelskette für Ma-rihuana zu werden und zwar in ganze Amerika. Ihr Gründer Jamen Shively will den Markt ähnlich dominieren wie "Starbucks das Kaffeegeschäft." Seine Kassen scheinen gut gefüllt. Er soll inzwischen zehn Millionen Dollar bei Investoren für sein Unternehmen eingesammelt zu haben. Alles scheint plötzlich möglich: Seife, Handtücher, Kekse, Kuchen sogar Ohrstöpsel aus Marihuana.

Als sicher gilt, dass in den kommenden Monaten weitere Bundesstaaten ihre Gesetze lockern werden. Überall im Land werden fleißig Unterschriften gesammelt. Außerdem sind bis 2016 in den USA zahlreiche Abstimmungen über die Legalisierung von Marihuana für Jedermann geplant. Die Erfolgsaussichten sind alles andere als schlecht.

Der Kalte Krieg gegen die Drogen ist vorbei

Längst sind die Zeiten vorbei, in denen die USA in den "Krieg gegen die Drogen" zogen. Das Land hat sich in den letzten Jahren locker gemacht. Viele schätzen Marihuana als ein vergleichsweise harmloses Rauschmittel ein. Der medizinische Nutzen ist weitgehend anerkannt. Insgesamt ist die Stimmung für die Legalisierung in den USA sehr gut. Der Marihuana-Aktivist Mike Jolson aus Santa Cruz sagt: "Die Entschei-dungen in Colorado und Washington haben eine Welle ausgelöst, sie rollt über das Land." Inzwischen sind 52 Prozent der Amerikaner für eine die Freigabe, so ein Umfrage aus dem Oktober.

Eine Stimmung vor der auch die große Politik nicht die Augen verschließen kann. Eigentlich widersprechen die Regelungen in Colorado und Washington State dem Bundesgesetz. Danach ist der Konsum von Marihuana weiterhin verboten und strafbar. Lange hielt sich das Justizministerium mit Kommentaren zurück. Einige fürchteten gar, dass es am Ende entscheiden könnte, User in den beiden Staaten trotz der Freigabe strafrechtlich zu verfolgen. Dann machte die Behörde im August aber klar, dass sie nicht gegen Entscheidungen in Colorado und Washington State vorgehen werde.

Ein wichtiger Schritt für das ganze Land. Aber längst sind nicht alle Probleme gelöst. Derzeit wird gestritten, wie das Rauschmittel in Zukunft besteuert wird. Viele fürchten zu hohe Abgaben könnten den Absatz behindern. Und laut einem weiteren Bundesgesetz ist es Banken nicht erlaubt, mit Marihuana-Produzenten Geschäfte zu machen. Streng genommen dürfen sie ihnen noch nicht einmal ein Konto eröffnen.

Unterstützung kommt aus einer überraschenden Ecke. So fordern sogar Polizisten inzwischen die Freigabe. Denn laut der Vereinigung "Law Enforcement Against Prohibition" (LEAP) würde eine Lockerung der Gesetze den kriminellen Schwarzmarkt austrocknen und damit für mehr Sicherheit sorgen.

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