Mobile Ansicht
Wechseln Sie für eine bessere
Darstellung auf die mobile Ansicht
Weiterlesen Mobile Ansicht
HOME

Die Bluewater-Affäre

Mit einer raffinierten, intelligenten Internet-Inszenierung eines angeblichen Anschlags in den USA hat ein Regisseur am Donnerstag deutsche Medien genarrt - selbst die renommierte Deutsche Presse-Agentur fiel auf die Aktion herein.

Von Florian Güßgen

Eins muss man dem Übeltäter lassen: Er hat eine großartige Inszenierung hingelegt, mit allem drum und dran, alles darauf ausgerichtet, die deutschen Medien vorzuführen, sie mächtig auflaufen zu lassen. Und zum Teil ist das auch gelungen. Aber der Reihe nach.

Bei stern.de meldete sich am Donnerstagmorgen, um Viertel nach neun, ein Anrufer namens Reiner Petersen. Petersen behauptete, in Kalifornien zu leben und in der amerikanischen Stadt Bluewater für den TV-Sender Vpk-TV zu arbeiten. Hektisch wies er darauf hin, dass es in Bluewater einen Terroranschlag gegeben habe. Drei Selbstmordattentäter seien in ein Restaurant eingedrungen, zwei Detonationen seien zu hören gewesen. Die Polizei gehe davon aus, dass es sich bei den Attentätern um arabischstämmige Männer handele. Im Hintergrund waren Polizeisirenen zu hören. Auch der TV-Sender, informierte Petersen, berichte über das Ereignis.

Wer die Internetseite des angeblichen Senders anklickte, wurde sofort mit dem Ereignis konfrontiert: Eine blonde Moderatorin, vor einen Newsroom geblendet, berichtete professionell-angespannt von dem Anschlag, eingespielt wurden Bilder des vermeintlichen Restaurants, Polizisten in Aktion, ein Interview mit einer Frau, die dort Gast war und hysterisch den vermeintlich unglaublichen Vorfall beschrieb.

Ein kurzer Check bestätigte: Für den TV-Sender gab es auch einen Wikipedia-Eintrag, auch die Werbung auf der Seite des Senders sah authentisch aus - ein wenig amateurhaft, aber immerhin verziert mit Werbung lokaler Unternehmen. Alles sah nach einem großen Ding aus, einem Terroranschlag in den USA.

Breaking News: Drei deutsche Rapper

Breaking News also. Um 9.38 Uhr meldete die Deutsche Presse-Agentur dpa: "In der kalifornischen Kleinstadt Bluewater soll es nach einem Bericht des örtlichen Senders vpk-tv zu einem Selbstmordanschlag gekommen sein. Es habe in einem Restaurant zwei Explosionen gegeben, berichtete der Sender. Die Polizei sei im Einsatz und habe das Restaurant evakuiert. Ob Menschen zu Schaden kamen, sei unklar. Das Restaurant wirkte auf ersten Bildern nicht zerstört. Die Täter wurden von dem Sender als arabisch-stämmig beschrieben." Um 9.59 Uhr legte die dpa nach: Die Feuerwehr von Bluewater hätte die Detonationen bestätigt.

Dann, die erste Wende: Um 10.06 Uhr schickte dpa eine Eilmeldung: Der Anschlag sei ein böser Scherz gewesen, hieß es da. Es habe sich um Bombenattrappen gehandelt, die sich drei deutsche Rapper umgebunden hätten. Die Rapper würden sich als "Berlin Boys" bezeichnen. Kurze Zeit später meldete die Agentur, ein Sprecher der örtlichen Polizei habe ihr bestätigt, dass die drei Männer festgenommen worden seien. Die Behörden kündigten demnach ein hartes Vorgehen gegen die Deutschen an. Die Geschichte hatte immer noch Potenzial. Deutsche, die in den USA einen Terroranschlag simulieren. Rapper? Der TV-Sender berichtete entsprechend. Auf der Seite gab es auch ein "Bekennervideo" zu betrachten.

Eine perfekte Inszenierung

Allein: Sein und Schein, vor allem der Schein des Internets, unterschieden sich am Donnerstag beträchtlich. Bei genauerer Betrachtung kristallisierte sich schon zu dem Zeitpunkt heraus, dass nicht nur der vermeintliche Anschlag ein Scherz war, sondern das gesamte Ereignis nichts anderes war als ein für deutsche Medien inszenierter, grandioser Fake. Denn weder gibt es das Restaurant noch den Fernsehsender, es gibt keinen simulierten Anschlag und auch keine Festnahmen - und auch keine Polizei, die irgendetwas bestätigt hat. Es gibt nur eine mitunter brillante Inszenierung einer internetbasierten Wirklichkeit, erdacht und gedacht mit dem Ziel, um die deutschen Medien in die Irre zu führen, vorzuführen.

Mit Erfolg. Nicht nur die dpa berichtete. Auch andere Medien, etwa heute.de, griffen die Meldung auf, bisweilen sogar mit Namensartikeln. Heute.de zitierte Reiner Petersen, den vermeintlichen Informanten aus den USA, mit den Worten: "Am Anfang war hier der Teufel los."

Erste Zweifel an der Geschichte nährte die Internetseite des TV-Senders. Die Namen der Kontaktpersonen klangen ebenso fantasievoll wie falsch. Die Moderatorin wurde als "Anchorwoman" Linda Davenport eingeführt, der zuständige Redakteur als "Marc Napster", in Anlehnung an die Tauschbörse Napster, ein anderer Redakteur hieß Jake Montana, vielleicht in Anlehnung an den einstigen Footballspieler Joe Montana. Schnell stellte sich heraus, dass der Wikipedia-Eintrag des Senders erst am Mittwoch erstellt worden ist - genauso wie der Wikipedia-Eintrag des Ortes Bluewater. In dem Wikipedia-Eintrag wiederum fand sich ein Link auf eine vermeintliche Seite der Gemeinde: www.bluewatercity.com. Dort wiederum gab es dann allerlei zu finden: Infos über Bluewater, über den Tourismus dort, eine Anzeige des Restaurants "Artisan Diner", auch Infos über Kontakte zur örtlichen Verwaltung, zur Polizei, zur Feuerwehr.

Für Journalisten waren genau die Kontakte zur Polizei die perfekte Falle: Wer Angaben schnell prüfen will, ruft eben bei der örtlichen Polizei an, die man googelt. Wer kann schon wissen, dass die Polizeistation nicht existiert, dass am anderen Ende der Leitung nicht ein aufgeregter Polizist in Kalifornien sitzt, sondern ein entspannter Deutscher, der einen gezielt narrt? Genau das jedoch ist geschehen, genauso ist es offenbar der DPA ergangen - und dann einer Reihe weiterer Medien. Dabei hat erst eine genauere Recherche ergeben, dass die Seiten des TV-Senders vpk-tv und bluewatercity.com beide am gleichen Tag, am 29.6.2009 eingerichtet, wurden.

Es ist in solchen Situationen sehr einfach, Kollegenschelte zu betreiben. Vielleicht hat stern.de bei der Geschichte auch nur Glück gehabt. In jedem Fall hat stern.de bei der offiziellen Polizeistelle der betroffenen kalifornischen Countys angerufen. Dort wusste niemand von einem Anschlag, echt oder gefälscht, oder von Festnahmen von irgendwelchen Deutschen. Von einer Polizeistation in Bluewater wusste man ebenso wenig wie von der dortigen Feuerwehr. Nur seltsame deutsche Medien hätten nun schon vermehrt angerufen, hieß es. Während in Deutschland die Medien also in Aufruhr über die Ereignisse in den USA waren, war in Kalifornien dunkle Nacht - und sonst nichts.

Dass die große Show bald zum Thema für die Feuilletons werden könnte, zeichnete sich bald ab. Wie leichtgläubig sind deutsche Journalisten, vor allem Online-Journalisten? Wie schnell lässt sich hier eine Wirklichkeit inszenieren, die einer genaueren Prüfung nicht standhält? Wie sehr leben wir in der Matrix von Twitter, Wikipedia und Youtube? Schnell war auch klar: Irgendjemand hat hier einen fantastischen PR-Scoop gelandet - mit Hilfe, vor allem, der DPA.

Um 13.44 Uhr ruderte die Agentur zurück. Sie berichtete per Eilmeldung: "Bitte verwenden Sie die Berichterstattung über den angeblichen Anschlag in der kalifornischen Kleinstadt Bluewater nicht. Die Deutsche Presse-Agentur geht Hinweisen nach, dass die als Quelle genannte Website des Fernsehsenders gefälscht ist und auch andere Websites über Bluewater nicht echt sind."

Am Nachmittag fand die Agentur dann auch heraus, wer sie so trefflich gefoppt hatte: Jan Henrik Stahlberg heißt der Mann, er ist ein deutscher Regisseur, unter anderem der Satire "Muxmäuschenstill". Weil am 24. September sein neuer Film "Short Cut to Hollywood" startet, habe er einen "PR-Versuch" gestartet, der sich nah an der Geschichte des Films orientiere, sagte Stahlberg am Nachmittag. Darin gehe es um drei "vollkommene Nichtskönner aus Berlin, die in den USA dadurch berühmt werden wollen, dass sie den Medien ein Selbstmordattentat versprechen". Er habe testen wollen, ob so etwas auch in der Wirklichkeit möglich sei. Der Journalismus in Zeiten von Twitter und Webrecherchere sei zunehmend von Schnelllebigkeit geprägt." Gesagt hat Stahlberg das übrigens auch der DPA, die am Nachmittag ein Stück mit der Überschrift "Regisseur Stahlberg narrt dpa mit gefälschten Websites" über den Ticker jagte. Auch entschuldigt hat sich die Agentur mittlerweile bei ihren Kunden, denen sie zugleich um 17.29 Uhr ein paar Ratschläge zur wichtigen Frage: "Wie überprüft man zweifelhafte Websites?" gab.

Der Berliner Filmverleih Senator, der Stahlbergs neuen Film vertreibt, distanzierte sich übrigens auch von der Fälschungsaktion seines Regisseurs. Wie echt diese Distanzierung ist, konnte nicht überprüft werden. Aber die handwerkliche Frage des Faktenchecks im Internet wird in Redaktionen nun ebenso Thema sein wie die Frage von Sein und Schein in den Feuilletons.

Wenn man sich die Bluewater-Affäre bei Lichte betrachtet, kann man aber auch einfach nur schallend lachen - vor allem dann, wenn man sich die Making-of-Videos anguckt, die die Komiker am Donnerstagabend auf die Seite des angeblichen TV-Senders stellten. Die zeigen, wie die vermeintlichen Informanten todernst die deutschen Nachrichtenredaktionen anrufen: "Hallo, mein Name ist Reiner Petersen ... "

Nach dem Auflegen wird in den Dokumentationsvideos laut gelacht, nein, gebrüllt.

täglich & kostenlos
Täglich & kostenlos

Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren

Partner-Tools