Ein Spaziergang im Sonnenaufgang auf einem "wunderbaren Fleckchen Erde": In der Idylle seiner Ranch in Crawford versicherte US-Präsident George W. Bush Angela Merkel im Iran-Konflikt zunächst Diplomatie vor Waffen walten zu lassen. Der Gast dankte es ihm mit der Zusage, den Druck auf die deutsche Wirtschaft zu erhöhen. Von Katja Gloger, Crawford, Texas

Idylle unter Crawfords malerischem Himmel: Mit der Einladung auf seine Ranch wollte George W. Bush Merkel sein besondere Wertschätzung demonstrieren© Jim Young/AP
Nun ja, auch die erblondete Dame im "Red Bull" hat schon bessere Tage gesehen. Damals, als die Welt hier in Crawford, Texas, noch in Ordnung war. Als etwa der russische Präsident Putin zu Besuch weilte und der winzige Ort einer Rummelbude glich. Die Autos stauten sich einen ganzen Kilometer. Damals, als Crawford noch Touristenattraktion war und das Geschäft mit den Souvenirs aus dem Laden "Red Bull" so richtig brummte.
Tausende Besucher machten den Umweg über Crawford. Wollten mal sehen, wie George W. Bush so wohnt. Und sie kauften eifrig blaue Teddybären, T-Shirts, Weihnachtskugeln und auch mal eine Dose sonnengetrocknetes Gürteltierfleisch.
Denn immer dann, wenn Präsident Bush auf seiner Prairie Chapel Ranch weilt, gilt der winzige Ort mitten in Texas als "Western White House". Als Machtzentrum der westlichen Welt.
Und heute? Ob wenigstens die Deutschen Besserung bringen? Die meisten Souvenirläden haben dichtgemacht. Rar sind die Ausflüge des Präsidenten zu seiner Ranch geworden, hinweg seine Popularität, für ihn nimmt kaum noch jemand den Umweg über Crawford, und Staatsgäste kommen auch nur noch selten. Und so hofft die örtliche Erinnerungs-Industrie jetzt auf kurzfristigen Aufschwung durch Angela Merkel. 72 deutsch-amerikanische Freundschaftstassen stehen im Souvenirladen "Red Bull" zum Verkauf, zu 11,99 Dollar das Stück, und die Verkäuferin wusste auch von der texanisch-deutschen Freundschaftsgesellschaft zu berichten, deren Vorsitzender der Kanzlerin so gerne deutsche Kirschplunder-Teilchen überreicht hätte. Schließlich hatte ja sogar das Gelände von Bushs Prairie Chapel Ranch einst deutschen Siedlern aus Rheinland-Pfalz gehört.
Es sah ganz nach einem netten Wochenende für einen Besuch unter Freunden aus - wenn auch Merkels Anreise mit 15 Flugstunden etwas lang geraten war. Warme Spätnachmittagssonne, Vogelzwitschern. Weite Grasweiden, Mitarbeiter des Weißen Hauses beim Jogging. Geruch von wildem Salbei. Ein kühler Seen, in dem der Präsident manchmal Barsche fischt. Ein freundliches, helles Haus unter Bäumen, ökologisch sehr viel korrekter als das Anwesen von Friedensnobelpreisträger Al Gore. Eine Baumschule, die das Ehepaar Bush anlegen ließ, um die Vielfalt des örtlichen Baumbestandes zu sichern. Ein schöner Ort, ja, Texas at its best. Und selbst die Männer vom Secret Service gucken weniger streng als sonst. Vielleicht auch, weil sie jetzt im Spätherbst nicht für das "100-Grad-Rennen" trainieren müssen - einen Wettbewerb, den sich Bush ausdachte: Wer es schafft, im glühenden Sommer bei 100 Grad Fahrenheit, 37,7 Grad Celsius, fünf Kilometer lang zu rennen, wird aufgenommen in den "100-Grad-Club".
An diesem texanischen Wochenende allerdings wehte ein besonders laues Lüftchen. In jeder Beziehung.

Der mitreisende Gatte Joachim Sauer sah mit seinen verbeulten Jeans ein bisschen verloren aus neben der adretten First Lady© Matthew Cavanaugh/EPA
"Wärme und Respekt" empfinde er gegenüber der Kanzlerin, hatte Präsident Bush gesagt, als er Merkel am Freitagnachmittag auf dem Hubschrauberlandeplatz empfing. "Sie ist doch ein wunderbarer Vorwand, mal wieder hierher zu kommen." Kam vorgefahren in seinem blitzblank geputzten weißen Ford Pick up, Gattin Laura in cooler Sonnenbrille auf dem Beifahrersitz, der White House Fotograf kauerte auf der Ladefläche. Wrangler Jeans, weißes Hemd, die obligatorische texanische Gürtelschnalle, der Gang ein bisschen cowboyhafter als sonst. "Bist Du müde?" fragt er besorgt. Sie hat ihm Schnitzwerk aus dem Erzgebirge mitgebracht, einen traditionellen Weihnachtsbaum von beachtlicher Größe. Er lädt sie zu einer Ranch-Rundfahrt ein, sie schwärmt von der "wunderbaren Atmosphäre": "Ich danke Dir und Laura."
Allein der mitreisende Gatte Joachim Sauer sah mit seinen verbeulten Jeans ein bisschen verloren aus neben der adretten First Lady, er sah eher so aus, als ob er rasch wieder nach Hause wolle.
Dann gab Rucola Salat und Rinderfilet, dazu Laura´s Pecan-Pie, ihre Nusstorte, schwer und süß. Ein lauer, freundlicher Abend, Texas at its best. Dann saßen sie in kuscheligen Sesseln und redeten über die deutsche Geschichte. Über Adenauer und seine historische Bedeutung. Länger diskutierte man auch über ein weiteres bedeutendes Thema, wie ein Teilnehmer zu berichten wusste: die Rolle des Föderalismus in der Bundesrepublik.
Doch dann war da eben noch der Rest der Welt. Der war dann am Samstagmorgen dran, beim Spaziergang schon zu Sonnenaufgang ( "ein zauberhafter Morgen, die Vögel zirpten", schwärmte der Präsident) und später in einer langen Arbeitssitzung im Governor's House, dem Bürogebäude des Präsidenten. Mit dabei: Außenministerin und assoziiertes Bush-Familienmitglied Condoleezza Rice, auch sie in dunkelrotem Jackett über schwarzer Hose - wie Angela Merkel. Aber das war sicher nur ein Zufall.