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"Kalif" beruft sich auf den Koran

Er sei Muslim, doch der Islam verbiete den Terror, verteidigte sich der aus Deutschland abgeschobene "Kalif von Köln". Metin Kaplan hat zu Prozessbeginn in Istanbul alle gegen ihn erhobenen Vorwürfe vehement zurückgewiesen.

Aus seiner Einzelzelle in einem türkischen Hochsicherheitsgefängnis wurde Metin Kaplan im vergitterten Gefangenentransporter zu seinem Prozess in Istanbul gefahren - umringt von schwer bewaffnete Polizisten. Das Bild, das sich am Montag zu Beginn des Hochverratsprozesses gegen den selbst ernannten Kalifen von Köln bot, lässt vermuten, dass die Türkei nach der Abschiebung Kaplans aus Deutschland einem gefürchteten Staatsfeind den Prozess macht. Doch verglichen mit dem Wirbel, den der Extremist über Jahre in Deutschland verursacht hat, hält sich das öffentliche Interesse an Kaplan in seiner Heimat, die er vor mehr als 20 Jahren verlassen hat, in Grenzen.

Kaum Rückhalt in der Türkei

Trotz der Vielzahl der Straftaten, derer sich der 52-Jährige gegen die laizistische türkische Republik schuldig gemacht haben soll, hat Kaplan in der Türkei so gut wie keinen Rückhalt. Seine glühendsten Anhänger hat der Islamistenführer seit jeher in Deutschland um sich geschart. Einige von ihnen soll er vor sechs Jahren in die Türkei geschickt haben, um mit einem spektakulären Anschlag in der Hauptstadt Ankara dem von ihm propagierten Kalifatsstaat in Anatolien den Boden zu bereiten. Alles nur ein "Komplott", sagte Kaplan am Montag in seiner feurig vorgetragenen Verteidigungsrede vor dem türkischen Gericht.

Metin Kaplan hat die gegen ihn erhobenen Vorwürfe des Hochverrats und Terrorismus zurückgewiesen. "Ich bin ein Muslim, und kein Muslim kann ein Terrorist sein", erklärte er am Montag zum Prozessbeginn in Istanbul. Der selbst ernannte "Kalif von Köln" zitierte in seiner Aussage lange Passagen aus dem Koran und wurde vom Richter mehrmals ermahnt, nicht zu laut zu werden. Das Gericht vertagte sich später bis zum 4. April 2005. Bis dahin tritt die türkische Strafrechtsreform in Kraft, von der sich Kaplans Anwälte eine geringere Strafe für ihren Mandanten erhoffen.

Sicherheitskräfte vereitelten Anschlagspläne

Der 1998 geplante Selbstmordanschlag, bei dem ein mit Sprengstoff beladenes Kleinflugzeug im Atatürk-Mausoleum einschlagen und die dort zum Nationalfeiertag versammelte Staatsspitze treffen sollte, fand nicht statt. Türkische Sicherheitskräfte vereitelten die Pläne und nahmen mehr als 20 Verdächtige fest, von denen nach türkischen Angaben die meisten aus Deutschland eingereist waren. Teil dieses Vorhabens, das wie ein Vorgriff auf die verheerenden Anschläge des internationalen Terrornetzes El Kaida auf das World Trade Center in New York vor drei Jahren anmutet, war die geplante Besetzung der Fatih-Moschee in Istanbul, eines für türkische Islamisten symbolischen Ortes.

Ob das türkische Gericht dem Extremisten Kaplan anderes als Hassreden gegen die Türkei aus dem Ausland wird nachweisen können, bleibt abzuwarten. Seine angeblich maßgebliche Beteiligung an den Plänen zum bewaffneten Umsturz der von ihm verabscheuten laizistischen Republik stützt sich bislang allein auf Aussagen, die verurteilte Anhänger nach dem fehlgeschlagenen Attentat von Ankara zu Protokoll gegeben hatten. Dass diese damals möglicherweise unter Folter erpresst wurden, war einer der Gründe, weshalb die deutsche Justiz erst nach langen Abwägungen einer Abschiebung Kaplans zugestimmt hatte.

Vierjährige Haftstrafe wegen Mordaufrufes

Kaplan war der Kopf des inzwischen vom Bundesinnenministerium verbotenen radikalislamischen "Kalifatstaats". Er hat in Deutschland eine vierjährige Haftstrafe wegen Aufrufs zum Mord an einem Konkurrenten abgesessen. Sicherheitsbehörden zufolge strebt Kaplans Kalifatstaat die Beseitigung der Staatsordnung in der Türkei und die Einführung einer islamischen Ordnung auf der Grundlage der Scharia an.

Ingo Bierschwale/DPA/DPA

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