Russland wählt einen neuen Präsidenten - und der wird Dimitri Medwedew heißen. Im stern-Interview fordert Russlands ehemaliger Präsident Michail Gorbatschow eine Reform des Wahlsystems und kritisiert Putins Partei "Einiges Russland".

"Es gibt zu viele Begrenzungen" - der 76-jährige ehemalige Staatschef beim Gespräch in seinem Moskauer Büro© Dmitry Beliakov
Selbstverständlich. Und ich möchte jeden dazu aufrufen, von seinem Wahlrecht Gebrauch zu machen.
Besonders groß ist die Auswahl ja nicht.
Nein, schließlich ist die Wahl geheim.
Ach, was mit Kasjanow passiert ist, regt mich nicht auf. Aber das russische Wahlrecht muss grundsätzlich reformiert werden. Wenn ich im Fernsehen höre, dass die einfachen Leute sagen: "Was interessiert mich die Wahl, das Ergebnis steht doch schon fest", dann stimmt etwas nicht. Die Wähler werden nur noch als Teil eines Mechanismus betrachtet. Sie werden einfach benutzt, indem man ihnen immer mehr Möglichkeiten nimmt, ihr Mitbestimmungsrecht auszuüben.
Bei den Parlamentswahlen wurde die Hürde für Parteien von fünf auf sieben Prozent angehoben. Man kann nur noch die Parteilisten wählen, aber keine Direktkandidaten mehr, die in ihrem Wahlkreis vor die Bürger treten, sich vorstellen und sagen: "Dafür stehe ich." Nach der Parlamentswahl im Dezember haben 113 Kandidaten von den oberen Listenplätzen ihr Mandat gar nicht erst angetreten, sondern einfach an kaum bekannte Personen abgegeben. 113 Mandate, das sind 25 Prozent! Ich bin erstaunt, mit welcher Respektlosigkeit der Wähler behandelt wird.
Die Gouverneure sollten wieder vom Volk gewählt werden, und wir müssen zurückkehren zum gemischten System mit Parteilisten und Direktkandidaten. Außerdem geht es nicht, dass in den entfernten Regionen die Zeitspanne für die Abstimmung auf mehrere Tage verlängert wurde, denn das öffnet Kanäle für ungesetzliche Einmischungen. Es muss alles getan werden, damit sich jeder Bürger über die Kandidaten und ihre Programme informieren kann. In Amerika ist mit den Wahlen sicher nicht alles zum Besten, aber die Menschen erfahren schon ein Jahr vor der Präsidentschaftswahl alles über jene, die antreten wollen. Bei uns weigern sich sogar die wichtigsten Kandidaten, an Debatten teilzunehmen.

Schwieriges Verhältnis - Gorbatschow und Wladimir Putin bei einem der seltenen gemeinsamen Auftritte vor vier Jahren© Jochen Luebke/DDP
Meine Kritik richtet sich in erster Linie gegen die Partei "Einiges Russland", unter deren Einfluss in der Duma die Änderung des Wahlsystems zum Schlechten erst möglich wurde.
Es ist doch vollkommen natürlich, dass er seine Popularität dazu benutzt hat, die Partei zu stärken. So wie er jetzt Dmitrij Medwedjew als Präsidentschaftskandidat unterstützt. Er tut das, was er für richtig hält. Das kann man gut finden oder nicht.
In diesem Punkt kann man ihn kritisieren. Aber im Großen und Ganzen genießt Putin meine volle Unterstützung. Er hat das Land aus dem Chaos geführt, dem unheilvollen Chaos, das unter Jelzin herrschte. Und allein weil er das getan hat, sollte man in allen russischen Kirchen für ihn beten und er für immer in die Geschichte eingehen. Er hat Russland Stabilität gebracht, was die Möglichkeit eröffnete, das Land zu modernisieren. Die Chance während seiner zweiten Amtszeit hat er nicht genügend genutzt.
Ein kluger und fleißiger Mann, hat aber verständlicherweise wenig Erfahrung. Und mir scheint, dass er ein demokratisch gesinnter Mensch ist. Ungefähr so habe ich vor acht Jahren auch über Putin geredet. Wir müssen abwarten.
Nicht näher. Wir haben uns nur ein paarmal gesehen und begrüßt.
Ich betrachte das als Experiment. Wir werden schon im nächsten Monat sehen, wie es funktioniert. Was sollen wir jetzt Kaffeesatzleserei betreiben?
Ich möchte mal ein paar Worte über die westliche Presse sagen. Viele Journalisten klammern sich an ihre Klischees über Russland und orientieren sich an den Interessen der Nato und der Europäischen Union. Es gibt aber auch russische Interessen, und die werden manchmal völlig vergessen. Zehn Jahre lang war der Westen es gewohnt, dass man Russland einfach so beiseiteschiebt. Dass man seine Ressourcen ausnutzen kann, es ansonsten aber besser keine zu wichtige Rolle spielen sollte. Dass sich Putin dagegen wehrt, ist völlig richtig. 75 Prozent der Russen unterstützen ihn darin.
Die Ukraine, Moldawien, Georgien, alle Staaten der ehemaligen UdSSR haben über Jahre Energie zu Sonderkonditionen bekommen, was sogar Vorwürfe aus dem Westen provozierte. Dann hat Russland die Preise auf Marktniveau angehoben, nachdem die Ukraine im Vorhinein darüber informiert worden war. Die Ukraine wollte jedoch nicht auf einen neuen Vertrag eingehen. Da haben wir kein Gas mehr geliefert. Das wird auf der ganzen Welt so gehandhabt, nur wenn Russland das macht, ist es ein Skandal.
Zum Beispiel?
Nun, das ist vielleicht kein Sieg der Demokratie. Aber für Lugowoj gilt die Unschuldsvermutung. Er wurde von Wladimir Schirinowskis Liberaldemokraten als Kandidat aufgestellt und gewählt. Ich hätte anders gehandelt. Aber es ist alles legal.
Darüber ist mir nichts bekannt.
Unser Volk ist demokratischer, als Sie glauben. Aber Russland hat eine schwierige Geschichte. 250 Jahre unter dem Joch der Mongolen, es folgten die Leibeigenschaft unter den Zaren und dann die Kommunisten. Die Menschen waren es gewohnt, wie Sklaven behandelt zu werden. Und als das vorbei war, erlebten sie in den 90er Jahren Chaos und Willkür, die ihnen als Demokratie verkauft wurden. Unser Volk muss aus seiner Vergangenheit lernen, was man ablehnen und was man akzeptieren kann. Das braucht Zeit. Doch es kann für Russland nur eine Zukunft geben, und die heißt Demokratie.
Interview: Andreas Albes
Übernommen aus ...
Ausgabe 09/2008