Er hat erschreckende Ansichten, will Quarantäne für Aids-Kranke und bezeichnet Abtreibung als "Holocaust". Trotzdem liegt US-Präsidentschaftskandiat Mike Huckabee in Meinungsumfragen der Republikaner in Iowa vorn. Der wundersame Aufstieg eines Predigers. Von Katja Gloger, Washington

Der republikanische Präsidentschaftskandidat Mike Huckabee liegt in den Umfragen vorn. Früher war er ein Teleprediger© Keith Bedford/Reuters
Es sind Siegergeschichten wie diese, die ihn so beliebt machen. Gerne erzählt er sie: da wurde ihm vor fünf Jahren ein grausamer Tod vorausgesagt. Diabetes hatte sein Arzt diagnostiziert. Zehn Jahre werde er noch leben, höchstens.
Es war die Zeit, als Michael Dale Huckabee, damals Gouverneur des US-Bundesstaates Arkansas, die steilen Treppen zu seinem Amtssitz kaum noch heraufkam. "Ich hatte panische Angst vor Journalisten, die mich oben an der Treppe abfangen würden," erzählt er. "Ich hätte ihnen nicht antworten können, weil ich einfach keine Luft mehr bekam."
Damals wog Mike Huckabee 140 Kilogramm. Dann hörte er auf, in Fett gebackene Maiskolben und zuckertriefendes Schmalzgebäck zu essen. Innerhalb von zwei Jahren nahm er 50 Kilo ab, lief vier Marathonrennen und erklärte der Fettleibigkeit in einem Buch den Krieg. Heute läuft er jeden Morgen fünf Meilen, manchmal zehn, seine Pressesprecherin ist zugleich seine Trainerin.
In Amerika liebt man glorreiche Neuanfänge dieser Art. Vor allem, wenn sie derart öffentlich zelebriert werden. Doch für Mike Huckabee, der im kommenden Jahr für die Republikaner Präsident der Vereinigten Staaten werden möchte, bedeutet sein erfolgreicher Kampf gegen die Pfunde mehr, viel mehr: es ist ein Sieg Gottes über die Sünde. Über die Sünde, die auch in ihm war, wie er sagt.
Mit Mike Huckabee stellt sich ein überzeugter Evangelikaler zur Wahl. Ein Prediger, der in der Politik eine neue göttliche Berufung erfuhr: "Ich bin in die Politik gegangen, weil ich wusste, dass es dort keine echten Antworten gibt", sagt er. "Die echten Antworten findet man, wenn man Jesus Christus in sein Leben lässt. Ich hoffe, wir können diese Nation für Christus zurückerobern."
Dieser Mike Huckabee führt gerade im Rennen um den Sieg in den wichtigen Vorwahlen. Im Bundesstaat Iowa etwa, dort wird am 3. Januar abgestimmt, liegt er mit 39 Prozent sogar weit vor dem Mann, der bislang als sicherer Sieger galt: Mitt Romney, der reiche Unternehmensaufkäufer, der Millionen allein in die Fernsehwerbung investierte. Huckabee hatte bis Ende September insgesamt gerade mal 650.000 Dollar zur Verfügung. Seine Tochter Sarah arbeitet als seine Wahlkampfmanagerin, seine Frau Janet als Chefberaterin.
Landesweit wird er als Sensation gehandelt. Ein Mann, dessen Umfragewerte über Monate nahe Null dümpelten. Der zu Veranstaltungen zu spät kam, weil sein Linienflugzeug Verspätung hatte - die anderen hatten längst Privatmaschinen. Ein Mann, über den sich selbst Präsident Bushs ehemaliger Redenschreiber mokierte: "Dieser Name! Unwählbar!" Einer, der sein Publikum zwar mit wunderbaren Anekdoten aus seinem Leben erheitern konnte ( "Karotten. Ich hasse Karotten. Ich ließ sie aus meinem Amtssitz verbannen. Als Gouverneur hatte ich schließlich die Befugnis dazu") aber ansonsten eher mit erschreckenden Forderungen aufwartete: Quarantäne für AIDS-Kranke etwa. Und der Abtreibung als " Holocaust" bezeichnet.
Er selbst erklärt seinen wundersamen Aufstieg mit "Gottes Segen". Irdische Beobachter hingegen führen ihn auf einige sehr weltliche Gründe zurück: denn Huckabees Aufstieg sagt eine Menge über den Abstieg der Republikanischen Partei. Kaum wählbar erscheinen der sozialkonservativen, religiösen Parteibasis Männer wie Rudolph Giuliani, der ihnen Angst vor Terroristen einjagt, seine Frau betrog und als New Yorker Bürgermeister gar Homosexuelle tolerierte.
Oder Mitt Romney, der reiche, glatte Unternehmensaufkäufer, der in ihren Augen seine Positionen wechselte wie seine gestärkten Hemden und obendrein auch noch Mormone ist - und die gelten vielen Evangelikalen als suspekte Sekte. Selbst der respektierte Kriegsveteran John McCain gilt ihnen als viel zu liberal mit seinen Ansichten zur Integration illegaler Einwanderer und seiner Opposition gegen Guantanamo.
Da kommt der konservativen Basis einer wie Huckabee gerade recht. Noch vor kurzem fast totgesagt, melden sich die Evangelikalen jetzt mit ihrer mächtigen Lobby zurück. Er mag Bassgitarre in einer Rockband spielen und erklärter Fan der Rolling Stones sein. Doch unter seiner launigen Kauzigkeit verbirgt sich ein eisenharter Kern tiefer religiöser Überzeugungen. Diese Überzeugungen will Mike Huckabee in Politik umsetzen. "Wir wollen unsere Religion niemandem aufzwingen", schrieb er in seiner Autobiographie. "Doch wir wollen die Kultur und die Gesetze durch unsere Weltsicht gestalten."
Darwins Lehre der Evolution? Huckabee steht steht auf der Seite der Kreationisten - sie glauben an die göttliche Schöpfung aller Lebewesen, wollen Darwin aus den Schulen verbannen. Amerikas Außenpolitik? Er will auf die Welt zugehen, doch zugleich sagt er: "Islamische Terroristen haben nur ein Ziel: sie wollen jeden einzelnen von uns töten. Sie wollen die Zivilisation zerstören." Doch als der jüngste Bericht der US-Geheimdienste zu Iran Schlagzeilen machte, nachdem der Iran sein geheimes Atomwaffenprogramm aufgegeben habe, da war Mike Huckabee ahnungslos. "Habe ich noch nicht gesehen", sagte er. Die Mormonen? "Glauben Mormonen nicht, dass Jesus und Satan Brüder sind?" fragt er da listig, als ob er keine Ahnung hätte. Natürlich entschuldigt er sich später bei Mitt Romney, dem Mormonen. Doch die Saat des Misstrauens ist gesät.
Katja Gloger Die US-Hauptstadt ist ein politisches Haifischbecken, in dem getuschelt, geschmiedet, verschworen und gestürzt wird. Mittdendrin: Katja Gloger. Die stern-Korrespondentin beobachtet in ihrer Kolumne "Washington Memo" den Präsidenten und beschreibt die, die es werden wollen. Dazu der neueste Klatsch aus dem Weißen Haus und von den Fluren des Kongresses.
Umfrageergebnisse Der republikanische US-Präsidentschaftskandidat Rudy Giuliani hat in der eigenen Wählerschaft deutlich an Zustimmung verloren und muss sich den Spitzenplatz nun mit Mitt Romney teilen. Eine veröffentlichte landesweite Umfrage von NBC News und Wall Street Journal wies für den ehemaligen New Yorker Bürgermeister Giuliani nur noch 20 Prozent Unterstützung aus den Reihen der Wähler aus, die üblicherweise für die Republikaner stimmen. Dies waren 13 Prozentpunkte weniger als bei der Umfrage im November. Auch Romney, Ex-Gouverneur von Massachusetts, kommt auf 20 Prozent. Auf Platz drei kam mit 17 Prozent der Ex-Gouverneur von Arkansas, Mike Huckabee, gefolgt von Senator John McCain mit 14 und dem Ex-Senator von Tennessee, Fred Thomson, mit elf Prozent. Giuliani hatte in allen bisherigen NBC/Journal-Umfragen deutlich geführt. Anfang Januar beginnen unter den Demokraten und Republikanern die parteiinternen Vorwahlkämpfe, an deren Ende jeweils ein Bewerber für die Nachfolge von George W. Bush stehen soll. Bis alle Bundesstaaten über die Bewerber abgestimmt haben, werden Monate vergehen. Beobachter erwarten aber, dass schon im Februar feststeht, wen die Parteien in das Rennen um das Weiße Haus schicken. Der neue Präsident wird im November 2008 gewählt. Unter den Demokraten gelten Hillary Clinton und Barack Obama als aussichtsreichste Bewerber. Reuters