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21. Dezember 2007, 09:00 Uhr

Die wahre Berufung eines Predigers

Er hat erschreckende Ansichten, will Quarantäne für Aids-Kranke und bezeichnet Abtreibung als "Holocaust". Trotzdem liegt US-Präsidentschaftskandiat Mike Huckabee in Meinungsumfragen der Republikaner in Iowa vorn. Der wundersame Aufstieg eines Predigers. Von Katja Gloger, Washington

Der republikanische Präsidentschaftskandidat Mike Huckabee liegt in den Umfragen vorn. Früher war er ein Teleprediger© Keith Bedford/Reuters

Es sind Siegergeschichten wie diese, die ihn so beliebt machen. Gerne erzählt er sie: da wurde ihm vor fünf Jahren ein grausamer Tod vorausgesagt. Diabetes hatte sein Arzt diagnostiziert. Zehn Jahre werde er noch leben, höchstens.

Es war die Zeit, als Michael Dale Huckabee, damals Gouverneur des US-Bundesstaates Arkansas, die steilen Treppen zu seinem Amtssitz kaum noch heraufkam. "Ich hatte panische Angst vor Journalisten, die mich oben an der Treppe abfangen würden," erzählt er. "Ich hätte ihnen nicht antworten können, weil ich einfach keine Luft mehr bekam."

50 Kilo in zwei Jahren abgenommen

Damals wog Mike Huckabee 140 Kilogramm. Dann hörte er auf, in Fett gebackene Maiskolben und zuckertriefendes Schmalzgebäck zu essen. Innerhalb von zwei Jahren nahm er 50 Kilo ab, lief vier Marathonrennen und erklärte der Fettleibigkeit in einem Buch den Krieg. Heute läuft er jeden Morgen fünf Meilen, manchmal zehn, seine Pressesprecherin ist zugleich seine Trainerin.

In Amerika liebt man glorreiche Neuanfänge dieser Art. Vor allem, wenn sie derart öffentlich zelebriert werden. Doch für Mike Huckabee, der im kommenden Jahr für die Republikaner Präsident der Vereinigten Staaten werden möchte, bedeutet sein erfolgreicher Kampf gegen die Pfunde mehr, viel mehr: es ist ein Sieg Gottes über die Sünde. Über die Sünde, die auch in ihm war, wie er sagt.

Mit Mike Huckabee stellt sich ein überzeugter Evangelikaler zur Wahl. Ein Prediger, der in der Politik eine neue göttliche Berufung erfuhr: "Ich bin in die Politik gegangen, weil ich wusste, dass es dort keine echten Antworten gibt", sagt er. "Die echten Antworten findet man, wenn man Jesus Christus in sein Leben lässt. Ich hoffe, wir können diese Nation für Christus zurückerobern."

Huckabee hat schon Mitt Romney überholt

Dieser Mike Huckabee führt gerade im Rennen um den Sieg in den wichtigen Vorwahlen. Im Bundesstaat Iowa etwa, dort wird am 3. Januar abgestimmt, liegt er mit 39 Prozent sogar weit vor dem Mann, der bislang als sicherer Sieger galt: Mitt Romney, der reiche Unternehmensaufkäufer, der Millionen allein in die Fernsehwerbung investierte. Huckabee hatte bis Ende September insgesamt gerade mal 650.000 Dollar zur Verfügung. Seine Tochter Sarah arbeitet als seine Wahlkampfmanagerin, seine Frau Janet als Chefberaterin.

Landesweit wird er als Sensation gehandelt. Ein Mann, dessen Umfragewerte über Monate nahe Null dümpelten. Der zu Veranstaltungen zu spät kam, weil sein Linienflugzeug Verspätung hatte - die anderen hatten längst Privatmaschinen. Ein Mann, über den sich selbst Präsident Bushs ehemaliger Redenschreiber mokierte: "Dieser Name! Unwählbar!" Einer, der sein Publikum zwar mit wunderbaren Anekdoten aus seinem Leben erheitern konnte ( "Karotten. Ich hasse Karotten. Ich ließ sie aus meinem Amtssitz verbannen. Als Gouverneur hatte ich schließlich die Befugnis dazu") aber ansonsten eher mit erschreckenden Forderungen aufwartete: Quarantäne für AIDS-Kranke etwa. Und der Abtreibung als " Holocaust" bezeichnet.

Huckabees Aufstieg hat weltliche Gründe

Er selbst erklärt seinen wundersamen Aufstieg mit "Gottes Segen". Irdische Beobachter hingegen führen ihn auf einige sehr weltliche Gründe zurück: denn Huckabees Aufstieg sagt eine Menge über den Abstieg der Republikanischen Partei. Kaum wählbar erscheinen der sozialkonservativen, religiösen Parteibasis Männer wie Rudolph Giuliani, der ihnen Angst vor Terroristen einjagt, seine Frau betrog und als New Yorker Bürgermeister gar Homosexuelle tolerierte.

Oder Mitt Romney, der reiche, glatte Unternehmensaufkäufer, der in ihren Augen seine Positionen wechselte wie seine gestärkten Hemden und obendrein auch noch Mormone ist - und die gelten vielen Evangelikalen als suspekte Sekte. Selbst der respektierte Kriegsveteran John McCain gilt ihnen als viel zu liberal mit seinen Ansichten zur Integration illegaler Einwanderer und seiner Opposition gegen Guantanamo.

Huckabee glaubt den Kreationisten

Da kommt der konservativen Basis einer wie Huckabee gerade recht. Noch vor kurzem fast totgesagt, melden sich die Evangelikalen jetzt mit ihrer mächtigen Lobby zurück. Er mag Bassgitarre in einer Rockband spielen und erklärter Fan der Rolling Stones sein. Doch unter seiner launigen Kauzigkeit verbirgt sich ein eisenharter Kern tiefer religiöser Überzeugungen. Diese Überzeugungen will Mike Huckabee in Politik umsetzen. "Wir wollen unsere Religion niemandem aufzwingen", schrieb er in seiner Autobiographie. "Doch wir wollen die Kultur und die Gesetze durch unsere Weltsicht gestalten."

Darwins Lehre der Evolution? Huckabee steht steht auf der Seite der Kreationisten - sie glauben an die göttliche Schöpfung aller Lebewesen, wollen Darwin aus den Schulen verbannen. Amerikas Außenpolitik? Er will auf die Welt zugehen, doch zugleich sagt er: "Islamische Terroristen haben nur ein Ziel: sie wollen jeden einzelnen von uns töten. Sie wollen die Zivilisation zerstören." Doch als der jüngste Bericht der US-Geheimdienste zu Iran Schlagzeilen machte, nachdem der Iran sein geheimes Atomwaffenprogramm aufgegeben habe, da war Mike Huckabee ahnungslos. "Habe ich noch nicht gesehen", sagte er. Die Mormonen? "Glauben Mormonen nicht, dass Jesus und Satan Brüder sind?" fragt er da listig, als ob er keine Ahnung hätte. Natürlich entschuldigt er sich später bei Mitt Romney, dem Mormonen. Doch die Saat des Misstrauens ist gesät.

Katja Gloger

Katja Gloger Die US-Hauptstadt ist ein politisches Haifischbecken, in dem getuschelt, geschmiedet, verschworen und gestürzt wird. Mittdendrin: Katja Gloger. Die stern-Korrespondentin beobachtet in ihrer Kolumne "Washington Memo" den Präsidenten und beschreibt die, die es werden wollen. Dazu der neueste Klatsch aus dem Weißen Haus und von den Fluren des Kongresses.

Umfrageergebnisse Der republikanische US-Präsidentschaftskandidat Rudy Giuliani hat in der eigenen Wählerschaft deutlich an Zustimmung verloren und muss sich den Spitzenplatz nun mit Mitt Romney teilen. Eine veröffentlichte landesweite Umfrage von NBC News und Wall Street Journal wies für den ehemaligen New Yorker Bürgermeister Giuliani nur noch 20 Prozent Unterstützung aus den Reihen der Wähler aus, die üblicherweise für die Republikaner stimmen. Dies waren 13 Prozentpunkte weniger als bei der Umfrage im November. Auch Romney, Ex-Gouverneur von Massachusetts, kommt auf 20 Prozent. Auf Platz drei kam mit 17 Prozent der Ex-Gouverneur von Arkansas, Mike Huckabee, gefolgt von Senator John McCain mit 14 und dem Ex-Senator von Tennessee, Fred Thomson, mit elf Prozent. Giuliani hatte in allen bisherigen NBC/Journal-Umfragen deutlich geführt. Anfang Januar beginnen unter den Demokraten und Republikanern die parteiinternen Vorwahlkämpfe, an deren Ende jeweils ein Bewerber für die Nachfolge von George W. Bush stehen soll. Bis alle Bundesstaaten über die Bewerber abgestimmt haben, werden Monate vergehen. Beobachter erwarten aber, dass schon im Februar feststeht, wen die Parteien in das Rennen um das Weiße Haus schicken. Der neue Präsident wird im November 2008 gewählt. Unter den Demokraten gelten Hillary Clinton und Barack Obama als aussichtsreichste Bewerber. Reuters

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KOMMENTARE (10 von 25)
 
scully78 (23.12.2007, 13:00 Uhr)
Schwachsinn
Abtreibung als Holocaust zu bezeichnen ist der groesste Schwachsinn den ich bis jetzt gehoert hab.So ein Kommentar zeugt nur von dummer Arroganz.Und kann ja nur von einem Mann stammen.Der meiner Meinung nach dazu überhaupt nichts zu sagen hat, er ist nicht schwanger er steht nicht vor Problemen.Wer zieht sich denn gern bei Schwangerschaften schnell aus der Verantwortung???Wer drängt denn oft die Frauen eben zu einer Abtreibung????aber sowas kommt ja meistens von der Kirche.Die sich ja immer überall einmischen müssen und bestimmen wollen.Noch ein Grund warum ich nicht eintrete:))
Aber zu allgemeinen zurück.Die Intoleranz ist bei den Amerikanern nicht erst seit dem 11ten September.Der besteht schon seit sie existieren.
Luciano (22.12.2007, 20:35 Uhr)
@jack
Das Klima in meiner Umgebung IST kinderfreundlich, die Gesellschaft in der ich lebe, ist es leider nicht. Es ist aber nicht meine Aufgabe, die Zahl der Abtreibungen zu senken. Wie ich schon einmal erwähnt habe, muss jeder diesen Schritt für sich selber entscheiden. Trotdem erlaube ich mir eine Meinung zu diesem Thema zu haben, auch wenn die nicht populär sein mag. Bestimmt aber, lasse ich mir nicht vorschreiben zu welchem Thema ich zu schweigen habe und zu welchem nicht, schon gar nicht von jemandem, der lieber auf Talkshowniveau herumprollt, als sachlich zu diskutieren.
Ich bin übrigens mehrfacher Patenonkel und stehe sehr wohl zu meinen Verpflichtungen.
JackintheBox (22.12.2007, 20:00 Uhr)
@luciano
Sie sind also gegen Abtreibung? Da hab ich was für Sie: statt sich in hirnrissigem Gegeifer über Mütter, die ja "nicht ganz unschuldig" an der Schwangerschaft sind und längeren Erörterungen über Spermien sollten Sie sich fest vornehmen, alles dafür zu tun, dass die Zahl der Abtreibungen sinkt. Wie? Das ist leider nicht ganz einfach: sie müssen selber dafür sorgen, dass das Klima in Ihrer Umgebung kinderfreundlicher wird. Wenn sie in Ihrem Bekannten- oder Verwandtenkreis eine Frau haben, die ungewollt schwanger geworden ist, dann sichern Sie ihr Ihre Hilfe zu - und dan stehen Sie zwanzig Jahre lang zu Ihrem Wort, etwa als Patenonkel. Enthalten Sie sich moralischer Wertungen, wenn eine Frau ohne Partner schwanger ist. Seien Sie eine Stütze der Gesellschaft. Ach, zu schwierig? Dann, tut mir leid, müssen Sie wohl zu dem Thema schweigen.
Luciano (22.12.2007, 18:10 Uhr)
@km2000
Ich sehe diese Bezeichnung nicht als ignorand an, sondern als zutreffend. Ignorand ist vielmehr, sich etwas vorsetzen zu lassen (sei es nun von der Gesetztgebung oder der Bevölkerung, die in ihrer breiten Masse ja nun auch nicht gerade vor Intelligenz sprüht) und das ohne zu hinterfragen hinzunehmen. Dass die Regelungen zur Abtreibungen von der breiten Masse der Bevölkerung getragen wird, habe ich nie bestritten, nur werden sie dadurch nicht besser. Vielleich haben sie nicht genau verstanden, worauf ich hinaus wollte: Ich kritisiere ja gerade die Tatsache, dass die momentanen Regelungen der Abtreigungen in der Form von der Bevölkerung akzeptiert werden. Was die Rechte der Frau angeht: Das Recht auf Leben sollte über allem anderen stehen. Oder sollte eine Frau auch das Recht haben ihr Neugeborenes zu töten, weil es sie in ihrer persönlichen Entfaltung behindert? Da muss ich doch wieder fragen: Ab wann ist denn für Sie der Zeitpunkt gekommen, ab dem das Lebensrecht des Kindes über den Rechten der Mutter steht?
km2000 (22.12.2007, 16:44 Uhr)
@luciano
Die Bezeichnung von Abtreibung als "staatlich legalisierter Holocaust" ist ignorant und negiert die Rechte der Frau. Es gibt zu dem Thema recht präzise rechtliche Regelungen die von der großen Mehrheit der Bevölkerung getragen wird.
sportartmakler (21.12.2007, 16:34 Uhr)
es wird wohl eine frage des glaubens sein luciano
und die abtreibung als bequem zu bezeichnen ist doch wohl ein wenig überspitzt, zumal sich die meisten frauen wohl ihre gedanken machen wenn sie vor dieser entscheidung stehen. ich werte das recht auf selbstbestimmung der mutter hier eindeutig höher. außerdem müßten hier auch wieder ausnahmeregelungen her bei einem verbot der abtreibung. kinder aus vergewaltigung? behinderung die feststehen?
dann gibt es wiederum das genaue gegenteil. relativ unterbelichtete frauen( talkshowgäste sind der beweis) die ein kind nach dem anderen abtreiben. die sind grundsätzlich, auch aus meiner pro-abtreibungsposition heraus, das allerletzte. auf der anderen seite kann man froh sein dass solche frauen dann doch keine kindwer haben.
um auf meine überschrift zurück zu kommen. ich denke die zwei meinungen sind häufig durch die vorhandene, oder aber eben nicht vorhande religiösität zurückzuführen.
falls es erlaubt war sich bei diesem artikelfremden thema mal reinzuhängen;-)
ein frohes fest allen
Luciano (21.12.2007, 15:26 Uhr)
@Nightmare
Also erst einmal würde ich nicht "Eigenständigkeit" als Kriterium fürs Lebensrecht heranziehen, ein Neugeborenes ist schliesslich auch nicht eigenständig. Trotzdem ist Ihre Frage berechtigt und über eine Antwort kann man sicherlich streiten. Nun behaupte ich nicht von mir die Weisheit gepachtet zu haben, ich persönlich allerdings würde sowohl (unbefruchtete) Eizelle als auch Samen noch nicht als Leben bezeichnen, vielmehr als "Bauteile", aus denen Leben entstehen kann. Falls sie mit Zeugung, die Befruchtung der Eizelle meinen: Ich denke dies ist in der Tat der Moment, in dem Leben entsteht. Lässt man von diesem Zeitpunkt an der Natur freien Lauf, ist das Endresultat ein Lebewesen. Von diesem Moment an muss man AKTIV eingreifen um zu verhindern, dass Leben entsteht. Das trifft weder auf unbefruchtete Eizelle noch Spermium zu. Eine Frau ist somit auch keine Mörderin wenn sie nicht schwanger wird. Es gibt einen signifikanten Unterschied darin, ob man durch Passivität etwas nicht geschehen lässt oder durch Aktivität verhindert, dass etwas geschieht. Ich denke im Grunde ist jedem Menschen dieser Unterschied auch klar. Nur ist es halt einfach vieeel zu bequem ein Kind abzutreiben, wenn es einem grade nicht in dem Kram passt. Und da es vor dem Gesetz auch OK ist, ist man doch gut aus dem Schneider, oder?
nightmare_online (21.12.2007, 14:42 Uhr)
@Luciano
Nur mal so gefragt:
Wann fängt denn nun das Leben an? Bei der Zeugung? Na dann ists ja nicht "eigenständig", oder? Da könnte man ja genauso auch argumentieren das Eizelle oder Samen schon "Leben" sind.
Also wenn die Eiszelle entsteht? Wenn das Sperma entsteht?
Und ergibt sich daraus nicht die logische Pflicht einer Frau immer schwanger zu sein? Ist eine nicht-schwangere Frau nicht schon automatisch eine Mörderin? Fragen über Fragen.
chatahootchee (21.12.2007, 13:49 Uhr)
NOTRUF
Also, wenn ich diesen Dumpfsinn hier aus der Ferne lese, der 911-Anruf ist wohl die einzigste Loesung. Es ist immer wieder erstaunlich, wie Unkenntnis in grossartigster Manier in Meinungs- und Stimmungsmache umgesetzt werden kann.
Roy05441 (21.12.2007, 13:28 Uhr)
"I am happy"
i standing hier, hinieden, meine Mama hat mkich nicht abgetrieben!
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