24. März 2009, 19:06 Uhr

Tschechische Regierung muss zurücktreten

Tschechiens Opposition jubelt: Die Regierung von Ministerpräsident Mirek Topolanek hat ein Misstrauensvotum verloren und muss abdanken. Der Entschluss des Parlaments kommt zu einem ungünstigen Zeitpunkt - derzeit hat Tschechien auch die Ratspräsidentschaft der EU inne.

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Muss abdanken: Tschechiens Ministerpräsident Mirek Topolanek©

Das tschechische Parlament hat am Dienstag Ministerpräsident Mirek Topolanek das Misstrauen ausgesprochen und damit den amtierenden EU-Ratspräsidenten zum Rücktritt gezwungen. 101 der in Prag anwesenden Abgeordneten stimmten für den Antrag der Opposition aus Sozialdemokraten und Kommunisten und erreichten so exakt die notwendige absolute Mehrheit. Es ist das erste Mal in der Geschichte Tschechiens, dass eine demokratische Regierung per Misstrauensvotum gestürzt wurde. "Ich nehme das zur Kenntnis und werde mich verfassungsgemäß verhalten", sagte Topolanek nach Bekanntgabe des Ergebnisses. Seine Mitte-Rechts-Regierung muss nun ihren Rücktritt einreichen.

Bis der als EU-kritisch bekannte Staatspräsident Vaclav Klaus den Auftrag zur Regierungsbildung neu vergibt, bleibt das Kabinett geschäftsführend im Amt. Von den anwesenden 197 Abgeordneten stimmten lediglich 96 für den 52-jährigen Regierungschef, Enthaltungen gab es keine.

Klaus, dem nun eine Schlüsselrolle zufällt, hat sich bisher nicht zu seinen Plänen geäußert. Die Verfassung setzt ihm für eine Entscheidung kein Zeitlimit, er könnte also Topolanek auch bis zum Ende der tschechischen EU-Ratspräsidentschaft am 30. Juni im Amt lassen. Danach übernimmt Schweden den EU-Vorsitz.

Bereits für den 5. April ist in Prag ein EU-USA-Gipfel mit US-Präsident Barack Obama geplant, noch in dieser Woche ein informelles Treffen der EU-Außenminister im südböhmischen Hluboka nad Vltavou.

EU-Kommission gibt sich optimistisch

Die EU-Kommission erwartet keine Beeinträchtigung der Prager EU-Ratspräsidentschaft. "Die Kommission vertraut darauf, dass die Verfassung es der Tschechischen Republik ermöglicht, die Ratspräsidentschaft so effizient wie bisher wahrzunehmen", hieß es in einer in Brüssel veröffentlichten Erklärung der Kommission. Es sei Sache der Tschechen, die innenpolitischen Fragen zu lösen: "Die Kommission ist zuversichtlich, dass dies in einer Weise geschieht, die das volle Funktionieren der Ratspräsidentschaft sichert." Auch die Bundesregierung in Berlin geht "davon aus, dass die Handlungsfähigkeit des EU-Ratsvorsitzes sichergestellt wird", sagte ein Sprecher des Auswärtigen Amtes auf Anfrage.

Demgegenüber befürchtet der CDU-Europaabgeordnete und Experte für Außenpolitik, Elmar Brok, das endgültige Aus für den Lissabon-Vertrag. "Ich mache mir große Sorgen", sagte der CDU-Parlamentarier der "Financial Times Deutschland". "Mit dem Verlust seiner Mehrheit hat der tschechische Premier das Druckmittel auf seine eigenen Parlamentarier verloren, für den Vertrag zu stimmen. Damit hätte Tschechiens europaskeptischer Präsident Vaclav Klaus sein Ziel erreicht, den Vertrag endgültig zu kippen."

Der Vorsitzende der oppositionellen Sozialdemokraten, Jiri Paroubek, sprach sich für die Bildung einer "Experten-Regierung" aus. Topolanek hatte für den Fall einer Abstimmungsniederlage Neuwahlen nicht ausgeschlossen, wäre dafür aber auf Oppositionsstimmen angewiesen, um eine verfassungsändernde Mehrheit zu erreichen.

Wirtschaftskrise trifft Tschechien hart

In der von Wirtschaftsfragen geprägten Debatte vor dem Misstrauensvotum warf Paroubek dem Regierungschef vor, er könne "die Folgen der globalen Krise nicht mildern". Hunderttausende Tschechen müssten deshalb unter einem "Kapitalismus des 19. Jahrhunderts" leiden. Topolanek warnte unterdessen vor instabilen politischen Verhältnissen und einer Rückkehr der Kommunisten in die Regierung.

Der Sturz der Prager Regierung könnte auch Auswirkungen auf die Ratifizierung des EU-Reformvertrags in Tschechien haben. Der Lissabon-Vertrag liegt derzeit dem konservativ geprägten Senat zur Abstimmung vor, die dortigen Vertreter von Topolaneks Bürgerpartei (ODS) gelten überwiegend als EU-kritisch. Kommentatoren und Diplomaten in Prag spekulieren, dass der Senat den EU-Reformvertrag kippen könnte, wenn die ODS-Senatoren sich nach der Demontage Topolaneks nicht mehr an die Parteilinie gebunden fühlen.

Im Parlament stützte sich die Koalition aus ODS, Christdemokraten und Grünen schon seit Amtsantritt im Januar 2007 auf fraktionslose Abgeordnete, weil sie über keine eigene Mehrheit verfügte. Topolanek hatte so auch vier Misstrauensvoten überstanden. In Fragen der Gesundheitsreform und angesichts der internationalen Wirtschaftskrise hatten sich zuletzt aber immer mehr Differenzen mit den ungebundenen Parlamentariern ergeben.

DPA/AP
 
 
KOMMENTARE (6 von 6)
 
manesse (25.03.2009, 12:41 Uhr)
@FleurdeLis
Aus diesem Grunde muss man den Austritt solcher Länder aus der EU betreiben. Sie greifen das Geld der anderen ab und verhalten sich notorisch destruktiv. Tschechien kann sich bspw. wieder an Russland anlehnen. Das wäre doch eine Alternative.
FleurdeLis (25.03.2009, 08:03 Uhr)
@RDUKE7777777
Falsch. Ich lebe in Tschechien und kann absolut bestätigen, dass die Tschechen der EU - und nicht dem Vertrag - sehr wohl kritisch gegenüber stehen. Die meisten Tschechen wissen nicht mal, was in dem Vertrag drin steht, unterstützen aber ihren Präsidenten Klaus, der durchaus als EU-feindlich eingestuft werden kann. Sämtliche Umfragen in den hiesigen Medien und auch in deutschsprachigen Zeitungen zeigen, dass die Bürger hinter Klaus stehen und denken, dass die EU wenig positives gebracht hat. Die Kohle für ihre Projekte aus der EU nehmen sie natürlich trotzdem gerne.
RDUKE7777777 (25.03.2009, 07:40 Uhr)
@manesse
Skepsis am EU-Vertrag wird gerne mit Skepsis an der EU verwechselt. Genau wie die Iren, werden die Tschechen als "EU-Feinde" denunziert, was ja einfach nicht stimmt. Gegen den Vertrag von Lissabon zu stimmen ist eigentlich ein Plädoyer FÜR die EU. Zumindest wenn man die EU nicht als militärisch-wirtschaftlichen, bürokratischen KOmplex sieht, sondern ein zusammenleben von Eu-BÜRGERN, denen lt. Verfassung die Länder in der EU gehören. Aber das haben die Menschen in Deutschland ja bereits auch vergessen.
gmathol (24.03.2009, 23:57 Uhr)
@manesse
...dieser dauerhafte EU Praesident waere dann: Tony Blair.
Europa sollte den Lissabon Vertrag der nur den Briten nutzt endlich einstampfen.
The_Fiddler (24.03.2009, 22:23 Uhr)
Nicht ganz
Wo liegt das Problem? Entweder bleiben die Herren noch 3 Monate im Amt bis es Neuwahlen gibt oder sie übergeben einfach früher die Ratspräsidentschaft. Ausserdem lese ich n irgends das die Tschechen primär mit dem Präsidenten ein Problem hätten. Ganz davon abgesehen, dass dieser Vertragsvorschlag undemokratiscvh und intransparent bleibt.
manesse (24.03.2009, 19:33 Uhr)
Damit haben
die Tschechen ein klassisches Eigentor geschossen. Die tschechische EU-Skepsis ist damit gründlich ad absurdum geführt. Es zeigt sich, dass die EU ganz offensichtlich einen Präsidenten braucht, wie das im Lissabon-Vertrag vorgesehen ist. Man kann dieses Amt nicht halbjährlich wechseln, wenn die nationalen Parlamente nicht in der Lage sind, den eigenen Regierungschef solange zu stützen bis die EU-Präsidentschaft vorüber ist.
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