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Der Vater aller Lügen

Fans nennen ihn Comical Ali. Mohammed Sahaf war der Iraker mit den tollen Sprüchen. Auch seine Familie hat noch ein paar davon auf Lager.

Er ist verraten worden!", da ist sich Jawad Sahaf ganz sicher. Nur weiß der kleine Bruder nicht so recht, wer den großen irakischen Informationsminister hintergangen hat. Oder welche Umstände Mohammed Said Sahaf, den die ganze Welt nur noch Comical Ali nennt, gezwungen haben, seine täglichen Pressekonferenzen so plötzlich einzustellen. Und überhaupt, meint Jawad, stecke hinter dem ganzen Irak-Krieg eine zionistische Freimaurerverschwörung, "das ist doch ganz klar". Unter der Palme vor seiner Haustür schaut er uns an, als müssten wir von selbst drauf kommen: "Die Juden haben die Sowjetunion zerstört als Geschenk für die Amerikaner. Im Gegenzug haben die jetzt den Irak erobert. Wir kennen uns da aus!"

Mohammed Sahaf, der kurz vor dem Fall Bagdads verkündete, es gebe gar keine Amerikaner in der Stadt, wäre stolz, könnte er Jawad so hören. Die Familie habe leider keinen Kontakt zu ihrem prominenten Mitglied, beteuert der Bruder, ganz in der Tradition Sahafscher Informationspolitik: "Wir wüssten ja auch gern, wo er ist!"

Sein Vater verkaufte selbstgedrehte Zigaretten

Im Ort Hilla, anderthalb Autostunden südlich von Bagdad, wo Sahaf 1940 zur Welt kam, lebt bis heute noch das Gros seiner fünf Brüder und sechs Schwestern. Ihr Vater verkaufte Msabban, selbst gedrehte Zigaretten aus selbst angebautem Tabak. Einen Monat lang stand auch Klein-Mohammed hinter der Ladentheke, dann fand er das zu langweilig und folgte seinem älteren Cousin Fahim Kamil Sahaf, der ihn 1954 zur Ortsgruppengründung der revolutionären Baath-Partei mitnahm. "Er war sofort Feuer und Flamme", erinnert sich Fahim, "und 1956 organisierten wir dann Demos gegen die Briten wegen der Suezkrise."

Statt nach dem Studium eine Laufbahn als Englischlehrer einzuschlagen, wurde Mohammed lieber Putschist. Nach der Revolution von 1968 stieg er umgehend zum Chef des Militärrundfunks auf. 1970 wurde er Direktor des irakischen Fernsehens. Schon damals, so erinnert sich sein Schwager, ließ er eine gewisse Eigenwilligkeit erkennen und flog nach zwei Jahren wieder raus, weil er lieber die Endausscheidung eines Ringkampfes übertrug als eine Militärparade. Was Saddam Hussein, seinerzeit noch Vizepräsident, sowie der Staatschef für keine gute Idee hielten.

Botschafter in Indien

Sahaf wurde als Botschafter nach Indien geschickt, später nach Italien und zu den UN, durfte danach von einem winzigen Büro aus die Bildungsabteilung im Kulturministerium verwalten. Als er ins Außenministerium geholt wurde, machte er wieder richtig Karriere, beerbte in den neunziger Jahren Tariq Aziz als Außenminister, bis Saddam ihn schließlich zum Informationsminister berief. Gleich zweimal ruinierte jenes System, in dem Sahaf Karriere machte, den Laden der Familie: Mit der Nationalisierung der Ölquellen strömte auf einmal Geld ins Land. Als es der kleine Wohlstand erlaubte, mochte niemand mehr die kratzigen Selbstgedrehten kaufen. Also sattelte die Familie um auf Süßigkeiten. Dann kamen der Golfkrieg und das Embargo 1991, und während Mohammed Said Sahaf die "Mutter aller Schlachten" pries, wurde Zucker zur Mangelware. Wieder wechselte das Sortiment, seither verhökert einer der Sahaf-Brüder heimgeschneiderte Textilien aus Hilla.

Auf ihren Mohammed lassen die Sahafs trotzdem nichts kommen. "In dieser Welt herrscht doch Medienkrieg! Da brauchten wir jemanden, der dagegenhält!", meint Jawad. Auch wenn die Realität sich nicht immer an die Informationen des Ministers gehalten habe, sein großer Bruder sei eben störrisch: "Selbstkritik ist nicht seine Stärke. Er entschuldigt sich. Aber zugeben, dass er was falsch gemacht hat? Nie!"

War er immer so? Jawad rätselt. "Also, wenn er Saddam traf, war er bestimmt höflich, aber wenn er sich über uns ärgerte, war er unerbittlich - vor allem zu mir, denn ich war ja sein kleiner Bruder." Als er noch nicht schwimmen konnte, hätten Sahaf und Cousin Fahim ihn so oft in den Fluss geworfen, bis er es konnte.

Ein anderer Verwandter, der den engsten Kontakt zum Ex-Minister hält, erbleicht, als ausländische Journalisten an seiner Gartenpforte stehen. "Sahaf will mit niemandem reden!" Er schreibe an seinen Memoiren, und von Pressekonferenzen habe er vorerst die Nase voll.

Sahaf-Kurzfilm läuft bereits in Indien

Unterdessen läuft in Ägypten bereits ein Kurzfilm über Sahaf in den Kinos an. In dem Zwölf-Minuten-Werk "Ich bin nicht Sahaf" spielt der ägyptische Schauspieler Antar Hilal einen Mann von der Straße, der von Sahafs Auftritten im Fernsehen derart in den Bann gezogen wird, dass er sich schließlich einbildet, selbst der Informationsminister zu sein. Was so lange folgenlos bleibt, bis seine Familie auf die Idee kommt, ihn an die USA auszuliefern, um eine Belohnung zu kassieren.

In der Wirklichkeit würde dies nicht funktionieren. Denn der Mann, der nach Saddam kometengleich zum berühmtesten irakischen Politiker aufstieg, steht nicht auf der Liste der 55 Gesuchten, hat weder Oppositionelle niedermetzeln noch Lastwagenladungen voller Bargeld in seinem Garten vergraben lassen.

TV-Sender al Arabiya wollte ihn als Kommentator verpflichten

Auch sein Cousin, der ihn in die Politik einführte, hat es nur zu einem winzigen Schreibwarenladen in Bagdad gebracht. "Er war anfangs sogar mein Teilhaber", erinnert sich Fahim Kamil Sahaf. "Aber später trennten sich unsere Wege. Er und die Partei - die wollten nur an die Macht, dabei hatten sie gar keinen Plan, was sie mit der Macht dann anstellen sollten. Ich hielt das ganze Regime für falsch. Aber Mohammed war immer ein ehrlicher Mensch, bereichert hat er sich nicht." Die schlichten Häuser seines Clans sehen tatsächlich nicht danach aus. Sahaf war jahrzehntelang ganz oben, aber nichts deutet auf die ausgeprägten Nehmerqualitäten hin, die andere Günstlinge des Regimes auszeichnete. Warum hält einer so lange zu Saddam, wenn er nicht mal korrupt ist? Fahim schaut, als habe er sich diese Frage auch schon gestellt. "Er war einfach stur. Und dafür habe ich ihn immer geschätzt, auch wenn wir unterschiedlicher Meinung waren: Er hat an das geglaubt, was er gemacht hat."

Was Sahaf in Zukunft tun werde, da rätselt auch er. Der TV-Sender al Arabiya wollte ihn als Kommentator verpflichten, und in einem Scheichtum am Golf soll ein Emir gesagt haben, so einen Informationsminister hätte er auch gern. Cousin Fahim ist da skeptisch: "Ich glaube, er hat gar keine Lust mehr auf Politik. Er könnte doch als Teilhaber ins Schreibwarengeschäft zurückkommen! Wir mieten dann was Größeres, das würde bestimmt gut laufen. Mit Werbung kennt er sich doch aus!"

Christoph Reuter/print

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