Der Vater aller Lügen

27. Mai 2003, 10:21 Uhr

Fans nennen ihn Comical Ali. Mohammed Sahaf war der Iraker mit den tollen Sprüchen. Auch seine Familie hat noch ein paar davon auf Lager.

Iraks Ex-Informationsminister Mohammed Sahaf: "Die Mägen der Ungläubigen werden in der Hölle rösten"©

Er ist verraten worden!", da ist sich Jawad Sahaf ganz sicher. Nur weiß der kleine Bruder nicht so recht, wer den großen irakischen Informationsminister hintergangen hat. Oder welche Umstände Mohammed Said Sahaf, den die ganze Welt nur noch Comical Ali nennt, gezwungen haben, seine täglichen Pressekonferenzen so plötzlich einzustellen. Und überhaupt, meint Jawad, stecke hinter dem ganzen Irak-Krieg eine zionistische Freimaurerverschwörung, "das ist doch ganz klar". Unter der Palme vor seiner Haustür schaut er uns an, als müssten wir von selbst drauf kommen: "Die Juden haben die Sowjetunion zerstört als Geschenk für die Amerikaner. Im Gegenzug haben die jetzt den Irak erobert. Wir kennen uns da aus!"

Mohammed Sahaf, der kurz vor dem Fall Bagdads verkündete, es gebe gar keine Amerikaner in der Stadt, wäre stolz, könnte er Jawad so hören. Die Familie habe leider keinen Kontakt zu ihrem prominenten Mitglied, beteuert der Bruder, ganz in der Tradition Sahafscher Informationspolitik: "Wir wüssten ja auch gern, wo er ist!"

Sein Vater verkaufte selbstgedrehte Zigaretten

Im Ort Hilla, anderthalb Autostunden südlich von Bagdad, wo Sahaf 1940 zur Welt kam, lebt bis heute noch das Gros seiner fünf Brüder und sechs Schwestern. Ihr Vater verkaufte Msabban, selbst gedrehte Zigaretten aus selbst angebautem Tabak. Einen Monat lang stand auch Klein-Mohammed hinter der Ladentheke, dann fand er das zu langweilig und folgte seinem älteren Cousin Fahim Kamil Sahaf, der ihn 1954 zur Ortsgruppengründung der revolutionären Baath-Partei mitnahm. "Er war sofort Feuer und Flamme", erinnert sich Fahim, "und 1956 organisierten wir dann Demos gegen die Briten wegen der Suezkrise."

Statt nach dem Studium eine Laufbahn als Englischlehrer einzuschlagen, wurde Mohammed lieber Putschist. Nach der Revolution von 1968 stieg er umgehend zum Chef des Militärrundfunks auf. 1970 wurde er Direktor des irakischen Fernsehens. Schon damals, so erinnert sich sein Schwager, ließ er eine gewisse Eigenwilligkeit erkennen und flog nach zwei Jahren wieder raus, weil er lieber die Endausscheidung eines Ringkampfes übertrug als eine Militärparade. Was Saddam Hussein, seinerzeit noch Vizepräsident, sowie der Staatschef für keine gute Idee hielten.

Botschafter in Indien

Sahaf wurde als Botschafter nach Indien geschickt, später nach Italien und zu den UN, durfte danach von einem winzigen Büro aus die Bildungsabteilung im Kulturministerium verwalten. Als er ins Außenministerium geholt wurde, machte er wieder richtig Karriere, beerbte in den neunziger Jahren Tariq Aziz als Außenminister, bis Saddam ihn schließlich zum Informationsminister berief. Gleich zweimal ruinierte jenes System, in dem Sahaf Karriere machte, den Laden der Familie: Mit der Nationalisierung der Ölquellen strömte auf einmal Geld ins Land. Als es der kleine Wohlstand erlaubte, mochte niemand mehr die kratzigen Selbstgedrehten kaufen. Also sattelte die Familie um auf Süßigkeiten. Dann kamen der Golfkrieg und das Embargo 1991, und während Mohammed Said Sahaf die "Mutter aller Schlachten" pries, wurde Zucker zur Mangelware. Wieder wechselte das Sortiment, seither verhökert einer der Sahaf-Brüder heimgeschneiderte Textilien aus Hilla.

Auf ihren Mohammed lassen die Sahafs trotzdem nichts kommen. "In dieser Welt herrscht doch Medienkrieg! Da brauchten wir jemanden, der dagegenhält!", meint Jawad. Auch wenn die Realität sich nicht immer an die Informationen des Ministers gehalten habe, sein großer Bruder sei eben störrisch: "Selbstkritik ist nicht seine Stärke. Er entschuldigt sich. Aber zugeben, dass er was falsch gemacht hat? Nie!"

Comical Alis berühmte Sprüche "Die Mägen der Ungläubigen werden in der Hölle rösten" Des Ministers heißeste Schöpfung. Grillschürzen mit dem Aufdruck sind in den USA zum Verkaufsschlager geworden.

"Lügen ist verboten im Irak. Saddam Hussein duldet nichts als die Wahrheit" Zur Bekräftigung der Nachricht, das US-Oberkommando werde nun von allen Seiten belagert.

"Ich sage - und ich bin verantwortlich für das, was ich sage -, sie begehen vor den Toren der Stadt Selbstmord" Kommentar zur Meldung, dass die Amerikaner den Bagdader Flughafen eingenommen haben.

"Geräuschbehälter" Über US-Panzer, als in Bagdad bereits das Rasseln der Ketten zu hören war.

"Ich informiere Sie jetzt, dass Ihre Annahmen fern jeder Realität sind" Letzte bekannte Aussage Sahafs (am 9. April zu einem Reporter der "New York Times")

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