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20. Oktober 2011, 16:08 Uhr

Libyens Stunde null

Gaddafi ist tot, Libyen feiert. Auch wenn der Diktator nicht mehr an der Macht war, sein Ende ist ein historischer Moment - und eine letzte Warnung an die verbliebenen Diktatoren der Region. Von Florian Güßgen

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Libyen feiert - mit Autofahrten und wehenden Fahnen durch die Straßen der Hauptstadt Tripolis© AFP/Marco Longari

Sie schwenken die Fahnen, sie jubeln, sie schießen Gewehrsalven in die Luft. Sirte feiert, der Übergangsrat feiert, Libyen feiert: Muammar al Gaddafi, Diktator und Schöpfer des alten, menschenverachtenden Regimes, ist tot. Der 69-Jährige wurde bei einem Feuergefecht in seiner Heimatstadt Sirte erst angeschossen und starb dann an seinen Verletztungen.

Für Libyen bedeutet das: die Stunde Null ist endlich gekommen - nach 42 Jahren unter dem Joch des Obersts. Zwar hat die politische Führung der Rebellen, der Übergangsrat, gestützt von den Bombardements der Nato-Flugzeuge, die Herrschaft über weite Teile des Landes schon im August mit der Eroberung der Hauptstadt Tripolis übernommen. Aber solange der Flüchtling Gaddafi immer wieder mit Botschaften zum Widerstand gegen die neuen Machthaber aufrufen konnte, blieb der Sieg unvollständig, unvollendet.

Ein Versprechen hat Gaddafi gehalten

Die Chance auf einen echten Neuanfang in Libyen ist nun größer denn je - auch wenn längst nicht alle Hindernisse auf dem Weg zu einem politischen und wirtschaftlichen Wiederaufbau des Landes aus dem Weg geräumt sind. Auch mit dem heutigen Tag hat sich der Übergangsrat nicht aller Gaddafi-Loyalisten entledigt. Gaddafis Stamm wird sich nur widerwillig den neuen Gegebenheiten fügen. Auch wurde dem Übergangsrat dem Tod des Diktators die Chance verwehrt, seine rechtsstaatliche Haltung anhand des Umgangs mit einem gefangenen Gaddafi unter Beweis zu stellen - entweder durch einen Prozess im Lande oder der Auslieferung an den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag. Gaddafi hat so auf zynische Weise zumindest hinsichtlich seiner letzten Versprechen Wort gehalten: Er ist im Lande geblieben und hat bis zu seinem Ableben Widerstand geleistet. Das ist Stoff, aus dem Loyalisten eine Märtyrerlegende stricken könnten.

Erfolg für Obama, Cameron und Sarkozy

In Tunesien ist in diesem Jahr Präsident Ben Ali gestürzt, aus dem Amt getrieben von seinem eigenen Volk. Ebenso erging es Hosni Mubarak in Ägypten. Der Tod Gaddafis ist nicht nur ein Symbol für die Befreiung Libyens. Er sendet auch eine starke Botschaft an die verbliebenen autoritären Regime in der arabischen Welt aus, an Baschar al Sadat in Syrien und Ali Abdallah Saleh im Jemen: Wer sich dem Willen der Straße widersetzt, wird früher oder später stürzen oder sterben. Die Macht des arabischen Frühlings wird so einmal mehr unterstrichen. Ein Feiertag ist dieser Donnerstag auch für den französischen Präsidenten Nicholas Sarkozy, den britischen Premier David Cameron und US-Präsident Barack Obama. Ihre Jagd auf den Diktator, ihre Rettung des libyschen Volkes hat nun auch symbolisch ihren Abschluss gefunden. Das ist ein außenpolitischer Erfolg. In Zeiten wirtschaftlicher Not wird das allein zwar keinen der Herren politisch retten. Aber immerhin.

Von Florian Güßgen
 
 
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